Lange Nacht der Wissenschaften : Sie sind mit ihrem Latein am Anfang

Es müssen nicht immer Roboter sein, die bei der Langen Nacht der Wissenschaften zu bestaunen sind. Die Altphilologen vom „Circulus Latinus Berolinensis“ führen durch die HU – auf Latein.

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Da lacht der Lateiner. Übersetzt lautet der Text dieses Cartoons von Joscha Sauer: „Der Zeitmaschinen-Kongress? Der war gestern.“
Da lacht der Lateiner. Übersetzt lautet der Text dieses Cartoons von Joscha Sauer: „Der Zeitmaschinen-Kongress? Der war gestern.“Illustration aus: „Tote Sprache“, Carlsen Verlag 2009, Illustration: Joscha Sauer

Es tut natürlich ein bisschen weh, wenn der eigene Forschungsgegenstand vom gemeinen Volk als „tot“ bezeichnet wird. Latein, die tote Sprache. Als lägen da Vokabeln verrottend in einem Grab herum. Dabei twittern – Verzeihung: fritinniunt (zwitschern) – die Altphilologen der Humboldt-Universität sogar (@klassphil_hu). Wollen nah ran ans Berliner Gegenwartsleben, vor allem in der Langen Nacht der Wissenschaften. Römisches Kochen haben sie schon angeboten, und eine Metamorphosennacht à la Ovid. In diesem Jahr gibt’s Führungen durch das Hauptgebäude – und zwar in lateinischer Sprache höchstselbst.

Fast klingt es wie Italienisch, was da aus dem Mund von Luca Quaglierini sprudelt, doch das liegt wohl daran, dass er aus Pisa kommt. Man denkt ja gemeinhin, Latein sei nur zum schweißtreibenden Übersetzen da. Quaglierini aber unterhält sich mit seinem Kommilitonen Maximilian Wallstein vollkommen unangestrengt. Nur der behäbige Geruch alter Bücher im Regal hinter ihnen verrät etwas von dem Gestern, in dem über Latein sprechende Menschen noch keine Zeitungsartikel geschrieben wurden.

„Circulus Latinus Berolinensis“

Jeden Freitag treffen sie sich mit anderen Interessierten im „Circulus Latinus Berolinensis“ und üben gemeinsam. „Wir tragen dabei natürlich keine Toga“, beeilt sich Quaglierini zu erläutern, und er zückt schnell seinen Vergil, in dem sich zarte Anstreichungen finden. „Unser Ansatz ist es, die lateinische Sprache durch das Sprechen zu erlernen“, sagt Wallstein. Funktioniere schließlich im Englisch- und Französischunterricht genauso. „Wir sprechen mit den Autoren, deren Texte wir lesen – zum Beispiel diskutieren wir mit Cicero über den Pflicht-Begriff.“ Klingt irgendwie einleuchtend. Über Raumfahrt redet es sich ja eher schlecht, wo nun mal die passenden Vokabeln fehlen.

Ihr Professor am Institut für Klassische Philologie, Ulrich Schmitzer, sitzt stolz daneben, er passt sich in die Bücherwand gut ein. Ein emeritierter Klassischer Philologe aus den USA – er trägt den schmissigen Namen William Calder III. – hat dem Berliner Institut seine Handbibliothek vermacht. Das Grimm- Zentrum wollte die alten Bände zum Thema Wissenschaftsgeschichte nicht. Im frisch sanierten Westflügel des HU-Hauptgebäudes, Raum 3052, haben sie jetzt einen Liebhaberplatz gefunden. Der Marmorkopf des Altertumsforschers August Boeckh steht daneben und wacht mit strengem Blick.

Noch immer lernen 740 000 Schüler Latein

Hat natürlich auch sein Gutes, so ein ordentlicher Traditionsbauchspeck. „Latein ist an deutschen Schulen die drittgrößte Fremdsprache – noch vor Spanisch“, sagt Schmitzer. Gut 740 000 Schülerinnen und Schüler lernen hierzulande, was ein Accusativus cum infinitivo ist. Vor einigen Jahren gab es mal ein Nachwuchsproblem, inzwischen „produzieren wir aber wieder moderate Abschlusszahlen“, sagt Schmitzer. So eine Lange Nacht der Wissenschaften sei eine gute Möglichkeit für Jüngere, das Fach spielerisch kennenzulernen, sagt er. „Wir erwarten aber auch Lateinlehrer und -lerner aller Art.“

Knapp 270 Studierende sind an der HU derzeit für Klassische Philologie immatrikuliert. Zugegeben, nicht alle von ihnen üben sich im Lateinsprechen wie Quaglierini und Wallstein, der sogar zwei Hausarbeiten auf Latein verfasst hat. Quaglierini holt noch mal ein kleines Büchlein aus der Tasche: „Orbis sensualium pictus“ (Die Welt in Wort und Bild) des Pädagogen Johan Amos Comenius. 1658 ist es erschienen, ein geistesgeschichtliches Scharnier zwischen Renaissance und Aufklärung. Und was rät Comenius nun? „Wer Latein spricht“, sagt er, „muss die Welt, die wir wahrnehmen, auch erklären können.“ Quod erat demonstrandum.

Die Lateinischen Führungen mit szenischem Dialog und Gesang, geleitet von Luca Quaglierini und Maximilian Wallstein, finden zur Langen Nacht der Wissenschaften um 19 Uhr, 20.30 Uhr, 22 Uhr und 23.30 Uhr statt, je 30 Minuten. Treffpunkt: HU-Hauptgebäude, Westflügel, 2. OG, Raum 3059.