Leben in der Grenzregion : Zwei Sprachen, eine Heimat

Vor 25 Jahren kündigten Bundestag und Volkskammer die Anerkennung der Westgrenze Polens an. Inzwischen hat sich an Oder und Neiße viel verändert. Ein Stimmungsbericht.

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Zwischen Rhein und Masuren. Wioletta, Anton, Jan, Laura und Adrian Musekamp (v.l.n.r.) sind eine von vielen deutsch-polnischen Familien in Frankfurt (Oder).
Zwischen Rhein und Masuren. Wioletta, Anton, Jan, Laura und Adrian Musekamp (v.l.n.r.) sind eine von vielen deutsch-polnischen...Foto: Sandra Dassler

Adrian freut sich. Am Wochenende fährt der Neunjährige mit Zwillingsschwester Laura und dem vierjährigen Bruder Antek nach Boppard am Rhein zu Oma und Opa. „Das ist weit“, sagt er: „Aber bis zu den anderen Großeltern dauert es noch länger, die wohnen in Masuren.“

Adrian, Laura und Antek leben in Frankfurt (Oder). Sie sprechen Deutsch und Polnisch als Muttersprache und Englisch ziemlich gut, weil sie mit ihren Eltern kürzlich ein Jahr in den USA waren. Oft sind sie auch in Slubice auf der anderen Seite der Oder. Kaufen dort ein, treffen Freunde oder Lauras Geigenlehrer. Das mit Kriegsende wie auch andere Städte geteilte Frankfurt ist ideal für die Familie. Seit dem Schengen-Beitritt Polens gibt es keine Grenzkontrollen mehr, dafür zweisprachige Kindergärten, Schulen und Gymnasien auf beiden Seiten.

Vorurteile wurden auch geschürt

Und natürlich die Europa-Universität Viadrina, wo sich Adrians Eltern, Jan und Wioletta Musekamp, einst kennen- und lieben lernten. „Wir waren beide im Studentenparlament“, sagt Wioletta. „Aber für verschiedene Parteien“, fügt ihr Mann schmunzelnd hinzu. Er war mit 16 zum Jugendaustausch in Polen, wollte unbedingt Polnisch lernen und studierte Kulturwissenschaft an der Viadrina. Gewohnt hat er in Slubice – wie viele deutsche Studenten und auch seine spätere Frau. Die wiederum hatte deutsche Urgroßeltern, die aus Ostpreußen stammten und nach dem Krieg nach Köln gingen. Auch deshalb fand sie es interessant, BWL an der Viadrina zu studieren.

„Es gibt hier viele deutsch-polnische Paare“, sagt sie, „das ist inzwischen ganz normal“. Natürlich hätten manche Deutsche noch Vorurteile gegenüber den Polen, aber die rührten meistens aus der Vergangenheit her, meint Jan Musekamp, der seinen Doktor zur Geschichte Stettins gemacht hat: „Das wurde zum Teil ja auch aus politischen Gründen geschürt.“

Polen war für DDR-Kinder wie Westen

Eine Frau mittleren Alters, die mit ihrem Freund an der Oderpromenade flaniert, erinnert sich. „In den 70er Jahren arbeiteten viele Polen hier im Halbleiterwerk. Die kauften immer subventionierte Waren, die ohnehin knapp waren: Kinderkleidung, Schuhe, Handtücher.“ Ihr Begleiter hat andere Erinnerungen: „Polen, das war für uns DDR-Kinder wie Westen: Da gab es große Lutscher, Kaugummis mit Donald-Duck-Bildern und Spielzeugpistolen mit Zündplättchen.“ Er gerät ins Schwärmen: „Als Jugendliche kauften wir Abba-Platten, fast echte Jeans und den Victory-Finger als USA-Flagge zum Aufnähen. Damit durfte man sich nur nicht in der Schule erwischen lassen.“

Das Paar schlendert weiter zum Ausflugsschiff Zefir, für das in Deutsch, Polnisch und Englisch geworben wird. Die Grenzstädte arbeiten nicht nur im Tourismus Hand in Hand, sagt Frankfurts Stadtsprecher Martin Lebrenz. „Regelmäßig tagen die Stadtverordneten gemeinsam und kürzlich wurde die erste grenzüberschreitende Wärmeversorgung gestartet. Durch Kopplung der Netze werden die Stadtwerke von Frankfurt und Slubice optimal ausgelastet und Energie gespart.“

Angst, dass die Deutschen wiederkommen

Eine Veranstaltung zur am 21.Juni 1990 angekündigten Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch die Parlamente beider deutscher Staaten, die am 14. November 1990 durch die Bundesrepublik vollzogen wurde, gibt es weder in Frankfurt noch anderswo. Auch nicht auf polnischer Seite. Im 60 Kilometer südlich von Frankfurt gelegenen Gubin schütteln die Marktfrauen verständnislos die Köpfe. Nur ein älterer Zigarettenverkäufer erinnert sich: „Meine Eltern haben durch die Westverschiebung Polens ihre Heimat am Bug verloren. Als sie hier ankamen, mussten die deutschen Frauen und Kinder gerade ihre Häuser verlassen. Meine Eltern sagten immer, dass das Unrecht war – genau wie ihre Vertreibung. Und hatten Angst, dass die Deutschen wiederkommen.“

Ein kleiner Junge spielt auf der inzwischen wieder von beiden Seiten der Neiße zugänglichen Theaterinsel zwischen Guben und Gubin.
Ein kleiner Junge spielt auf der inzwischen wieder von beiden Seiten der Neiße zugänglichen Theaterinsel zwischen Guben und Gubin.Foto: Sandra Dassler

Es ist nicht mehr viel los auf den Polen-Märkten, auch wenn es von Gubin nach Guben nur ein paar Meter über die Neiße sind. Auf der Insel mitten im Fluss wurde ein paar Säulen des alten Theaters wieder hergerichtet, von beiden Ländern führen Brücken dorthin. Kinder spielen einträchtig auf den Klettergerüsten, abends trifft sich hier die Jugend.

Grenzkriminalität belastet

Vor ein paar Monaten geriet Guben wegen brutaler Raubüberfälle in die Schlagzeilen, die Polizei verstärkte ihre Präsenz und fasste mit Hilfe der polnischen Kollegen die Bande. Der Haupttäter, ein 17-jähriger Gubiner, wurde gerade verurteilt. Die Grenzkriminalität ist eines der wenigen Themen, das die Beziehungen zwischen den Nachbarn noch belastet.

Und die Geschichte, sagt Gubens Stadthistoriker Andreas Peter. „Gerade jährt sich auch zum 70. Mal die Umsiedlung der Deutschen aus dem Ostteil. Einige mussten zusehen, wie ihre Häuser abbrannten. Wer in der DDR blieb, durfte nicht darüber reden und bekam auch keine Entschädigung wie im Westen. Das tut manchem noch weh.“

Kirche ist noch immer Ruine

Umso erfreulicher sei es, dass Gubener und Gubiner ihre Geschichte gemeinsam pflegen, sagt Peter. Und zum Beispiel die Stadtkirche wieder aufbauen wollen. Es gibt viele Versionen, wer schuld ist, dass von ihr nur eine riesige Ruine blieb. Deshalb steht auf der Schautafel salomonisch: „Die Kirche wurde während der Kriegskämpfe von Februar bis April 1945 zerstört.“ Wichtiger als die Schuldfrage, heißt es in Guben und Gubin unisono, sei die Zukunft.

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