Lehrer- und Qualitätsmangel : Die raue Realität der Berliner Schulen

SPD-Fraktionschef Saleh will "die besten Lehrer an den schwierigsten Schulen". Die Schulen wären schon froh, wenn sie überhaupt genügend Pädagogen hätten. Ein Kommentar.

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"Zwischen den Stühlen" heißt ein aktueller Dokumentarfilm über Berliner Referendare. Er zeigt die Herausforderungen, die auf frisch ausgebildete Pädagogen und Quereinsteiger warten. Foto: Weltkino
"Zwischen den Stühlen" heißt ein aktueller Dokumentarfilm über Berliner Referendare. Er zeigt die Herausforderungen, die auf...Foto: Weltkino

Mit allerhand Thesen hat sich SPD-Fraktionschef Raed Saleh in die Sommerferien abgemeldet, um sein Buch „Ich Deutsch“ unters Volk zu bringen. Besonders spannend fanden Eltern und andere Bildungsbewegte seine Forderung nach den „besten Lehrern an den schwierigsten Schulen, damit alle die gleichen Chancen haben“. So mancher wurde da aus der einsetzenden Ferienstimmung gerissen, bevor sie so richtig von ihm Besitz ergreifen konnte.

Denn zum Schuljahresende zeigen sich Berlins Schulen überhaupt nicht in der Verfassung, irgendeine Art von Bestenauswahl zu treffen. Im Gegenteil: Jeder nimmt, was er kriegen kann, um bloß irgendwie die Lücken zu stopfen. Qualität ist zum Fremdwort geworden. „Masse machen“ lautet die Devise.

Anfänger treffen auf Anfänger

Im Jahr drei des akuten Lehrermangels – nachdem längst alle Werbemaßnahmen, von Stellenanzeigen in Österreich bis hin zum Pfannkuchenverteilen an Stuttgarter Unis, ausprobiert wurden – scheint die Lage schwieriger denn je. Warum sonst käme die Bildungsverwaltung auf die Idee, frischgebackene Lehrer sofort selbst in die Lehrerausbildung zu schicken, wie es aktuell geschieht. Früher wurde dafür jahrelange Berufserfahrung verlangt. Schon sollen die ersten Anfänger Fachseminare leiten, in denen zu allem Überfluss auch noch ein großer Teil beruflicher Quereinsteiger sitzt und dringend darauf hofft, sein Rüstzeug für den Berliner Schulalltag zu bekommen.

Vielleicht hilft ein Vergleich, um die Diskrepanz zwischen Salehs Forderung und der rauen Wirklichkeit zu zeigen. Nehmen wir dafür ein naheliegendes Feld – den Schulbau: Immer wieder fragen sich Direktoren, Lehrer, Eltern und Schüler, warum es durch angeblich frischsanierte Dächer schon wieder durchregnet und der Schimmel blüht. Seriöse Handwerksbetriebe geben darauf gern Antwort und erinnern daran, dass es den „Pfuschern“ an solider Ausbildung fehlt. Und „solide“ heißt dann eben: drei Jahre Ausbildung, dann Gesellenjahre, dann die Meisterschule. Und anschließend hat man dann ein regensicheres Dach, versprechen die Meisterbetriebe.

Um im Bild zu bleiben: In Berlins Schulen sind die „Meisterbetriebe“ eher auf dem Rückzug. Selbst an den Gymnasien gehen die Leistungen zurück, wie die jüngsten Vergleichsarbeiten zeigten, und noch hat die Bildungsverwaltung keine Antwort auf das „Warum“ gegeben.

Zwei Leuchttürme - und sonst?

Wir gründen ein Landesjugendballett“, lautete die Ansage der Bildungssenatorin, als sie sich zu Beginn der Legislaturperiode als Förderin der Hochbegabten feiern lassen wollte; auch eine zweite Staatliche Internationale Schule soll nach den Ferien in Betrieb gehen, um den Anspruch der Begabtenförderung nach außen hin zu wahren, immer nach dem Motto: Uns ist alles recht, was nicht „Gymnasium“ heißt, und auch nicht „Freie Schule“, und dennoch gut klingt.

Zwei neue „Leuchttürme“ reichen allerdings nicht aus in einem Meer von Laternen, denen nach und nach das Licht abgedreht wird, weil den einen der Leiter, dem anderen die Mathematiklehrer oder die Sozial- und Sonderpädagogen fehlen.

SPD-Fraktionschef Raed Saleh stellte gerade sein neues Buch vor. Foto: Tsp/Doris Spiekermann-Klaas
SPD-Fraktionschef Raed Saleh stellte gerade sein neues Buch vor.Foto: Tsp/Doris Spiekermann-Klaas

Millionengeschenke für die Eltern

Wenn Raed Saleh sich nun wünscht, dass es mehr Leuchttürme geben möge, indem die besten Lehrer den schwierigsten Schulen aufhelfen, dann muss er auch zeigen, wie er das machen will. In den vergangenen fünf Jahren ist das nicht passiert. Was passierte, war etwas anderes: Es wurden auf Salehs Initiative hin hunderte Millionen Euro für Brennpunktprogramme ausgegeben, es werden den Eltern rund 60 Millionen Euro an Krippenbeiträgen geschenkt (pro Jahr!), und ab 2018 hat er auch noch knapp 30 Millionen Euro übrig, um den Berliner Sozialdemokraten das Label „Schulbuchfreiheit“ anheften zu können.

Damit bleibt Saleh auf der „Alles-umsonst“-Linie, die an sozialistische Träume erinnert, und mit Qualität so wenig zu tun hat wie der letzte Fünfjahresplan der DDR. Dem Ziel, die besten Lehrer an die schwierigsten Schulen zu holen, ist er damit keinen Schritt nähergekommen. Vielleicht ein Thema für sein nächstes Buch.

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