Berlin : Lesestoff old school

Die Charlottenburger Buchhändlerin Almut Winter wird heute in Frankfurt am Main preisgekrönt

Markus Mähler
Anspruchsvoll. Bei Winter gibt es Bücher und sonst nichts. Foto: Mike Wolff
Anspruchsvoll. Bei Winter gibt es Bücher und sonst nichts. Foto: Mike Wolff

Die Frau ist anspruchsvoll. Das wird gleich klar, wenn man Almut Winters Lieblingsbuch sieht. Es heißt „Lesealltag“ und liegt in ihrem Buchladen in Charlottenburg gleich auf dem Tresen. Die Seiten sind zusammengeheftet. „Bücher wollen erarbeitet werden“, sagt Winter. Die von ihr selbst herausgegebene Geschichtensammlung besonders.

Mit der Schere muss der Leser erst Blatt für Blatt oben und an den Seiten öffnen. Ein Stück Vergangenheit nennt das die 49 Jahre alte gebürtige Nürnbergerin: „Wer früher Bücher kaufte, bekam einen gehefteten Stapel, schnitt ihn auf und ging damit zum Buchbinder.“

Almut Winter will gegen den Zeitgeist sein. Etwas tun, was die anderen nicht machen. Dafür wird sie am heutigen Sonnabend auf der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet. Die Fachzeitschrift „Buchmarkt“ kürt sie zur Newcomerin 2011 unter den deutschen Buchhändlern. Weil Winter im Oktober 2010 in der Giesebrechtstraße eine klassische Buchhandlung eröffnet hat, in der es tatsächlich nur Bücher gibt. Eine Seltenheit, wie Susanna Wengeler von „Buchmarkt“ sagt: „Bei Neueröffnungen sind Bücher meist nur noch Beiwerk. Jeder meint, er kann nur überleben, wenn er was dazu verkauft.“

Winter aber träumte von einer „leiseren, traditionellen, literarischen“ Buchhandlung. „Das muss es ja auch geben. Ohne Reibung mit dem Zeitgeist bleibt das Leben nur fade Suppe.“ Über den Preis freut sie sich: „Er gibt mir Energie. Ich merke, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“ Der führte die gelernte Buchhändlerin erst nach Bonn. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Die Arbeit für einen Bundestagsabgeordneten brachte sie nach Berlin.

Ihre „Buchhandlung Winter“ ist ein schlauchförmiger Raum, flankiert von hohen Bücherregalen, mit barocken Ornamenten an der Decke. Kaum eröffnet, kamen die Nachbarn von nebenan mit Brot und Salz vorbei. „Wie auf dem Dorf“, staunte sie. Darauf die Besucher: „Wir sind hier eben in Charlottenburg“. Genau der richtige Kiez für ihren Laden, findet sie. Interessiert und mit Büchern aufgewachsen seien die Menschen hier. In der Nähe wohnen Schriftsteller wie Rüdiger Safranski, der bei ihr schon gelesen hat. Oder Jungen wie Konstantin Runge. „Der geht lesend durch die Straßen und muss aufpassen, dass er nicht vor den Baum läuft“, sagt Winter. Er ist es auch, der die Kekse backt, wenn die Buchhändlerin vor Kindern liest, dem „härtesten Publikum“.

Manchmal denkt sie, wie der Buchmarkt sein wird, wenn die Kinder selber lesen können. „Die Zahl der Lektoren bleibt gleich, aber die Verlage produzieren immer mehr Bücher.“ Um da noch den Überblick zu behalten, liest sie selbst jeden Abend drei Stunden. Unmöglich für normale Leser. Gerade junge Autoren hätten es am Buchmarkt schwer.„Setzen sich ihre Bücher nicht sofort durch, verdrängen sie schon bald andere.“ Unentdeckte Perlen nennt sie sie. Die möchte sie in ihrer Buchhandlung heben. Markus Mähler

Buchhandlung Winter, Giesebrechtstr. 18, Charlottenburg; Lesung 30. 10., 12 Uhr Caroline von Humboldt – eine Biografie

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