Mangel in der Hauptstadt : Berlin braucht Trinkwasserbrunnen und kostenlose Toiletten

Das deutsche Sozialsystem bietet fast alles, was man braucht: Sozialleistungen, öffentliche Verkehrsmittel und eine subventionierte Kunstszene. Die amerikanische Austauschstudentin, Alison Haywood, lebt seit Juni in Berlin und musste feststellen, dass es Berlin an zwei wesentlichen Dingen mangelt.

Alison Haywood
Auch manche Mobiltoiletten in Berlin sind nicht kostenlos. Für die, die Geld sparen will, sind Grünflächen eine Verführende obgleich unhygienische Alternativ.
Auch manche Mobiltoiletten in Berlin sind nicht kostenlos. Für die, die Geld sparen will, sind Grünflächen eine Verführende...Foto: dpa

Deutschland und die Vereinigten Staaten von Amerika sind an den entgegengesetzten Polen des sozialen Spektrums: Amerika hat einen ungezügelten Kapitalismus, niedrige Steuern und noch geringere öffentliche Leistungen. Der deutsche Staat hingegen gibt das Geld großzügig für Sozialleistungen wie Kindergeld und Arbeitslosenunterstützung aus. Obwohl ich manchmal behaupte, dass die Deutschen nicht völlig über ihre sozialistischen Tendenzen hinweggekommen sind, habe ich die Dienste in Berlin insgesamt genossen: die bezahlbare Uni-Ausbildung, der öffentliche Nahverkehr, die subventionierten Operntickets.

Wasser aus Plastikflaschen: Weder günstig, noch umweltfreundlich

Deswegen war ich extrem enttäuscht als ich zwei erforderliche Dienste in Berlin nicht wiederfand: Trinkwasserbrunnen und kostenlose öffentliche Toiletten.

In Amerika gibt es für gewöhnlich mindestens einen Brunnen in jedem öffentlichen Gebäude: Ich finde sie in Schulen, Sporthallen, Büros und Wartezimmern wieder. Auch kann man in Amerika in jedem Restaurant kostenloses Leitungswasser erwarten. Die Kellner bringen Gläser und Wasser ungebeten zum Tisch, und es ärgert sie nicht, wenn man keine weiteren Getränke bestellt. Ich finde es eine Schande, dass man in Berlin eine Plastikflasche beim Späti oder vom Automat kaufen muss, um an Wasser zu kommen. Dieses ist weder so günstig, noch so umweltfreundlich wie Leitungswasser.

In den USA sind kostenlose Toiletten eine Selbstverständlichkeit

Ich erinnere mich gut daran, als ich zum ersten Mal nach Europa kam und feststellen musste, dass man für die öffentliche Toiletten bezahlen musste: Ich war gerade in Berlin angekommen, hatte meine Koffer im Hotel gelassen und bin gleich zur nahesten Sehenswürdigkeit gegangen: das Europa-Center in Berlin-Charlottenburg. Als ich dort auf die Toilette ging, fand ich es bereits unangenehm, dass die Putzfrau (die in diesem Fall eigentlich ein Mann war) die ganze Zeit vor der Tür stand. Noch schlimmer war, dass er den Nerv hatte, mich danach um Kleingeld zu bitten. In Amerika belästigen die Putzfrauen die Gäste nie. Kostenlose Toiletten sind eine Selbstverständlichkeit.

Fehlende kostenlose Toiletten sind nicht nur unangenehm, sondern auch unhygienisch. Jeder weiß was passiert, wenn Leute nicht für die Toilette bezahlen wollen. Ich erinnere mich an den Tag der deutschen Einheit im Jahr 2012, als es eine Party am Brandenburger Tor gab. Betrunkene Party-Gäste mit vollen Blasen standen vor einer Reihe stinkender Dixi-Toiletten. Direkt dahinter standen die Bäume am Rande des Tiergartens, eine verführende Alternative für die, die nicht warten wollten.

Pinkeln im Wald finde ich nicht so problematisch, aber wenn die Leute einfach überall hinpinkeln, dann schon. Man kann fast keine U-Bahn Station ab 22.00 Uhr finden, die nicht in irgendeiner Ecke nach Urin riecht. Erwarte ich zu viel, wenn auf der Straße nicht in Pisse treten will?

Das deutsche Sozialsystem ist viel weiter entwickelt als das, was wir in den USA haben. Aber ich bitte euch: Wenn es irgendwelche kostenlosen Dienste oder Leistungen geben soll, dann sollten auch Brunnen und Toiletten auf der Liste stehen? Ich würde gern die subventionierten Operntickets abgeben, wenn ich dafür meinen Durst umsonst löschen könnte. Und um nicht jeden Mal dafür zu bezahlen, dass ich meine Notdurft verrichten muss, dafür würde ich mein Semesterticket abgeben.

Alison Haywood ist Stipendiatin des DAAD-Austauschprogramms, das mit der Freien Universität in Berlin kooperiert. Sie kommt aus Amerika und studiert Journalismus und Germanistik an der Pacific Lutheran University in Tacoma, Washington.

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