Marode Schulen in Berlin : Ein Armutszeugnis

Viele Berliner Schulen sind in desolatem Zustand – besonders wenig Geld bekommen sie in Friedrichshain-Kreuzberg. Bekannt wurde das nur, weil ein Direktor unbequeme Fragen stellte. Auch in anderen Bezirken dürften Schulleiter jetzt hellhörig werden.

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Die Turnhalle des Andreas-Gymnasiums in Friedrichshain gehört zu den prägnanten Beispielen für die schleppende Schulsanierung.
Die Turnhalle des Andreas-Gymnasiums in Friedrichshain gehört zu den prägnanten Beispielen für die schleppende Schulsanierung.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wenn es nur der fehlende Brandschutz gewesen wäre. Oder nur der seit 20 Jahren durchnässte Keller. Oder nur der ramponierte Sportplatz. Wenn nur die Fenster kaputt wären oder nur der Schulhof eine Staubwüste ohne Belag. Wenn nur die Turnhalle beschmiert und zu klein oder nur die Turnhallen-WCs ekelerregend wären. Dann hätte Andreas Steiner sich vielleicht in Geduld gefasst. Aber dann kam etwas dazu, was er nicht erwartet hatte.

Ausgangspunkt war ein eher zufälliges Gespräch mit dem Leiter des Natorp-Gymnasiums aus Friedenau. Am Ende des Gesprächs wusste Steiner, dass seine Schule, das Andreas-Gymnasium in Friedrichshain, pro Jahr vom Bezirk 32 000 Euro weniger überwiesen bekommt als das Friedenauer Gymnasium – obwohl Steiner mehr Schüler hat. Er wollte verstehen, was das zu bedeuten hat. Überzeugende Erklärungen hat er nicht erhalten. Und das empörte ihn mehr als alles andere, was ihm bisher im Bezirk widerfahren ist.

Antworten, die keine waren

Dabei kann man ihm nicht vorwerfen, dass er sich nicht um Aufklärung bemüht hätte. Ende April kam Bildungssenatorin Sandra Scheeres auf einer ihrer obligatorischen Schultouren bei ihm vorbei. Er hat ihr gesagt, was ihm zusetzte. Auch der zuständige Bildungsstadtrat war dabei. Peter Beckers ist Sozialdemokrat wie die Senatorin. Steiner hat ihnen seine Fragen gestellt. Irgendwann gab es Antworten, die keine waren. Und Hilfe gab es nicht.

Dabei ist Steiner nicht irgendwer, sondern einer der erfolgreichsten Schulleiter der Stadt. Unter seiner Führung hat sich das Andreas-Gymnasium völlig gewandelt, die Anmeldezahlen sind hoch. Der letzte Schulinspektionsbericht liest sich wie ein Hohelied auf ihn. Der Mann kann zupacken, mitreißen, gestalten. Und jetzt will er verstehen, warum seine Schule schlechter behandelt wird als andere.

Die Bezirke sollen das Geld an die Schulen verteilen

Konkret: Warum sie 32.000 Euro weniger erhält, obwohl die Bildungsverwaltung den Bezirken pro Jahr und Schüler gleich viel Geld für sogenannte Lehrmittel überweist: 74 Euro. Dieses Geld sollen sie an ihre Schulen verteilen, damit diese dafür Material für Experimente, Vorführgeräte, Software oder Mikroskope anschaffen können. Einen „kleinen Prozentsatz“ dürfen die Bezirke für Notfälle zurückbehalten oder für Anschaffungen, die eine Schule nicht allein finanzieren kann. Der Rest soll den Schulen direkt zukommen. Was das bedeutet, wird von allen zwölf Bezirken allerdings unterschiedlich interpretiert.

Üblich sind 50 Euro pro Schüler

Bezirke wie Tempelhof-Schöneberg überweisen das Geld fast komplett an die Schulen. Andere wie Lichtenberg behalten höhere Beträge ein, weil sie die Wartung von Sportgeräten oder die Anschaffung neuer Server zentral organisieren und bezahlen. Manche ziehen auch den Betrieb ihrer Jugendkunstschulen, Gartenarbeitsschulen oder Experimentierwerkstätten als „schulergänzende Maßnahmen“ vom Lehrmittelbudget ab. Es bleiben dann üblicherweise rund 50 Euro pro Schüler von den 74 Euro übrig.

Nur in Friedrichshain-Kreuzberg nicht: Das Andreas-Gymnasium erhält nur rund 26,50 Euro pro Schüler. Und darum kann Steiner für seine 830 Schüler nur 22.000 Euro im Jahr für Lehrmittel ausgeben und nicht 40.000 oder sogar weit über 50.000 Euro wie vergleichbare Gymnasien.

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