Martenstein über Flüchtlinge in Berlin : Am Lageso regiert der Sozialdarwinismus

Wenn schon die Registrierung der Flüchtlinge scheitert, wie soll dann die Integration gelingen? Statt um das Naheliegende kümmern wir uns lieber um Frieden im Nahen Osten. Ein Kommentar.

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Bei Wind und Wetter stehen täglich hunderte Flüchtlinge zur Registrierung am Lageso an.
Bei Wind und Wetter stehen täglich hunderte Flüchtlinge zur Registrierung am Lageso an.Foto: Michael Kappeler/dpa

Flüchtlinge, die nach Berlin kommen, müssen sich in einer Behörde registrieren lassen, die im Volksmund „Lageso“ heißt. Inzwischen ist „Lageso“, ähnlich wie „Berliner Flughafen“, deutschlandweit zum Symbolwort geworden.

Es steht für die angebliche Unfähigkeit Berlins, Herausforderungen zu meistern. Manche Flüchtlinge haben bereits sieben Mal, bis zu zehn Stunden lang, zum Teil in Kälte und Dunkelheit, einige mit Kindern, vergeblich auf ihre Registrierung gewartet.

Wie konnte es am Lageso so weit kommen? Offenbar werden jeden Morgen mindestens 500 Flüchtlinge zum Lageso bestellt. Eine Sachbearbeiterin sagte dem RBB, dass maximal 200 Fälle bearbeitet werden können. Trotzdem werden, Tag für Tag, immer wieder, 500 Leute einbestellt. Wer kommt dran, wer wartet vergeblich? In der „Süddeutschen Zeitung“ wurde ein Flüchtling mit der Behauptung zitiert, dass einige der Sicherheitsleute bestechlich seien. Die Stärksten und die mit Geld kommen angeblich durch, Berliner Sozialdarwinismus.

Ab 17 Uhr wird im Lageso, so behauptet wiederum die „Süddeutsche“, die Betriebssoftware heruntergefahren. Die Mitarbeiter würden schon länger arbeiten, aber der Computer macht Feierabend, eine anonyme Macht hat das beschlossen. Auch das Windelwechseln ist genau geregelt. Windeln dürfen am Lageso nur zwischen 11 und 13 Uhr sowie zwischen 14.30 und 17 Uhr gewechselt werden. Wie müssen Menschen ticken, die so etwas anordnen?

Die Registrierung der Flüchtlinge ist nur der erste Schritt. Dann soll es ja mit der Integration losgehen. Wohnungen, Schulen, Arbeitsplätze. Das wird viel schwieriger. Am wichtigsten ist es, dass keine Ghettos entstehen, die, siehe Paris, immer Brutstätten sind für Frustration, organisiertes Verbrechen und Islamismus.

Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: picture alliance / dpa

Wo soll dieser Wohnraum herkommen, im Eiltempo, über die ganze Stadt verteilt, und das jahrelang? Ich habe keine Antwort gefunden. Fest steht, Provisorien sind in Berlin meistens langlebig. Und wenn schon der erste Schritt, die Registrierung, so spektakulär misslingt, wie kann man da optimistisch sein, was den schwierigeren zweiten Schritt betrifft? Hat wirklich nur Berlin ein Problem damit, und alle anderen kriegen es locker hin?

Nicht jedem Menschen, der am Lageso wartet, wird Deutschland eine Perspektive bieten können. Viele stehen jetzt vor einer hoffnungslosen Randexistenz. Sie werden bald desillusioniert sein und deshalb verführbar. Aber „Realismus“ ist zur Zeit ein Unwort. Angela Merkel sagt dazu, wir müssten die „Fluchtursachen bekämpfen“, also etwa ein Dutzend Länder in Ordnung bringen, in denen Krieg und Chaos herrschen. Das ist natürlich die allerrealistischste Lösung, oder? Wir müssen mal eben schnell die Welt retten. Und dann kommen wir zum Lageso.

Alltag im Flüchtlingsheim
Milat aus dem Iran schleift mit anderen die Außenseite des Kunstasyl-Bauwagens. Er ist das Symbol des Projekts. Das Heim befindet sich im Hintergrund. Im Februar hat die deutsch-schweizerische Künstlerin Barbara Caveng in einem Heim für Asylsuchende in Spandau ein Kunstprojekt begonnen. Beim "Kunstasyl" entscheiden die Bewohner mit den Künstlern gemeinsam, was sie tun wollen, um das Heim zu einer Heimat zu machen - und sei es auf Zeit. Ein Teil der Fotos von Till Rimmele sind am 23. Juli 2015 auch in einem vierseitigen Dossier zum Thema im gedruckten Tagesspiegel erschienen, oder nachzulesen im E-Paper.Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Till Rimmele
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