Martenstein über Geld in Berlin : Außen politisch, innen hohl

Profaner Alltagskram ist nicht das Spezialgebiet der Berliner Politik. Stattdessen wird Geld verschwendet - für fragwürdige Umfragen und Außenpolitik aus Kreuzberg. Ein Kommentar.

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Stadt von Welt: Der Fernsehturm am Alexanderplatz in Berlin.
Stadt von Welt: Der Fernsehturm am Alexanderplatz in Berlin.Foto: dpa/Bernd Settnik

Was ist eigentlich aus der Umfrage geworden, mit deren Hilfe sich Berlins Schulbehörde über die sexuelle Orientierung ihrer Lehrer informieren möchte? Sie wurde fortgesetzt, bis zum 8. Oktober. Man müsse, heißt es, schließlich nicht jede Frage des Fragebogens beantworten.

Durchführendes Organ der Umfrage ist die „Sigmund-Freud-Universität“. Sie bietet auch einen Kurs „Responsible Gaming“ an, Therapie für Zocker, allerdings nur für erfolgreiche Zocker. Der Kurs kostet 2700 Euro. Selbst für Boris Becker wäre dies inzwischen eine schwer zu nehmende Hürde. Was bei einem so selbstbewusst kalkulierenden Veranstalter eine Umfrage kostet, kann man sich vorstellen.

Die Umfrage soll herausfinden, ob sich der Unterrichtsstil von hetero- und homosexuellen Lehrern unterscheidet, wenn es um Sexualerziehung geht. Wozu diese Erkenntnis gut sein soll, wird nicht gesagt. Ein homosexueller Lehrer kann über Homosexualität vermutlich kundiger informieren als ein Hetero, andererseits hat er vielleicht beim Heteroverhalten Wissenslücken im Detail, bei eingefleischten Heteros ist es umgekehrt.

Die Umfrage ist Geldverschwendung

Na und? Im Prinzip sollten beide in der Lage sein, über die Vielfalt der Sexualität sachlich und wertfrei zu informieren, wenn sie es nicht tun, kann man eingreifen. Die Umfrage ist nicht nur fragwürdig, als Gesinnungs- und Sexschnüffelei, sie ist auch Geldverschwendung in einer Stadt, deren Schulen oft in jämmerlichem Zustand sind.

Hat Berlin zu wenig Geld, funktioniert deshalb vieles so schlecht? Wenn man sich bei uns in Kreuzberg die Spielplätze anschaut – da ist allerlei reparaturbedürftig. Profaner Alltagskram ist aber leider nicht das Spezialgebiet der Bezirkspolitik, die müssen mal eben schnell die Welt retten.

Harald Martenstein
Harald MartensteinFoto: DPA

Der Bezirk hat deshalb einen Beschluss von weltpolitischer Dimension gefasst. Friedrichshain-Kreuzberg wird Partnerstadt von Derik in der „Demokratischen Föderation Syrien“. Derik und Kreuzberg seien ideale Partner, weil, so der Text des Antrags, beide „multiethnisch“ sind sowie „gegen Rassismus und für die Gleichberechtigung der Geschlechter“ kämpfen.

5000 Euro für erste Kontakte

Der Kurdenstaat in Nordsyrien wird von keinem Land der Welt anerkannt. Kreuzberg ist somit der erste deutsche Stadtbezirk, der eine eigene Außenpolitik betreibt, losgelöst von Bund, EU oder UN, kein Wunder, dass sie zu nichts anderem kommen.

Amnesty International und Human Rights Watch sind vom Antirassismus dieses Staats allerdings nicht ganz so begeistert wie das Bezirksparlament, sie sprechen von Vertreibungen der Araber und Turkmenen sowie von Menschenrechtsverletzungen. Um „erste persönliche Kontakte“ zu ermöglichen, wurden vom Bezirk 5000 Euro bewilligt, einem Trip nach Syrien steht nichts mehr im Wege. Geld ist da.

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