Berlin : „Mehr Frauen setzen sich zur Wehr“

Die Frauenrechtlerin Seyran Ates über ihre Erfahrungen seit der Bluttat

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Frau Ates, hat der Tod von Hatun Sürücü etwas verändert?

Der Tod von Hatun Sürücü hat die öffentliche Debatte verstärkt. Manche schauen jetzt genauer hin. Andere, die das Thema Ehrenmord bislang ignoriert haben, sagen: Ein Mord mehr oder weniger - was bauscht ihr das auf? Wenn man aus einem Mord überhaupt etwas Positives ziehen kann: Es wird jetzt nach Lösungen gesucht, auch wenn dieser Versuch schwerfällig ist. Das liegt an der Nicht-Integration der Mehrheit der Türken über vierzig Jahre und an der vermeintlich toleranten Haltung der Multikulti-Fanatiker. Die Diskussion hat aber schon vorher begonnen - mit dem Mord an dem niederländischen Filmregisseur Theo van Gogh.

Sie sprechen von Multikulti-Fanatikern. Gibt es in der Mehrheitsgesellschaft ein Bewusstsein für das Thema Ehrenmord?

Es gibt ein Umdenken in allen Bereichen des Zusammenlebens von verschiedenen Kulturen. Das sehen Sie an der Vereinbarung, an der Herbert-Hoover-Schule nur noch Deutsch zu sprechen. Das ist ein Super-Beispiel für dieses Umdenken. Das war keine Anordnung - die Schule hat realisiert, dass es besser ist, miteinander Deutsch zu sprechen. Das findet den Zuspruch der Mehrheitsgesellschaft. So funktioniert Integration. Und dann kommen Stimmen aus der Multikulti-Fanatiker-Ecke und reden von Rassismus oder Diskriminierung - Claudia Roth zum Bespiel oder Kenan Kolat vom Türkischen Bund. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie man Integration verhindert.

Warum?

Auf die Idee hätte er doch selbst kommen können – vor Jahren! Diese Organisationen bekommen doch Geld für Integrationsmaßnahmen! Die Schule bekommt kein Geld dafür.

Zwangsehen sind ein Politikum. Ist der Gesetzgeber auf dem richtigen Weg?

Auf jeden Fall. Ich gehöre zu denen, die den eigenen Straftatbestand „Zwangsehe“ immer gefordert haben. Die Verschärfung von Gesetzen kann einen gesellschaftlichen Prozess in Gang setzen. Bei der Zwangsheirat, die eine eine Menschenrechtsverletzung ist, werdden Straftatbestände wie Nötigung, Körperverletzung, Vergewaltigung realisiert. Es ist aber wichtig, dass bestimmte Taten auch namentlich benannt werden: Hier setzt der Staat ein Signal und sagt: Das, was ihr da macht, ist Unrecht. Und deshalb wird es bestraft.

Ist es heute weniger gefährlich für junge Türkinnen, ihr Leben ohne Rücksicht auf die Familien zu leben? Oder wirkt der Mord an Hatun Sürücü abschreckend?

Das weiß ich von Mandantinnen. Kurz nach dem Tod von Hatun Sürücü hatte ich ein Gerichtsverfahren mit einem sehr aggressiven Ehemann. Der hat im Gerichtssaal gesagt: Wenn meine Frau weiter Lügen über mich verbreitet, wird sie bald auch in den Zeitungen stehen. Ich habe von Mandantinnen oft gehört, dass ihre Männer nach dem Mord an Hatun Sürücü sagten: Siehst Du, was passieren kann? Was der kann, das kann ich auch. Oder meinst Du, die anderen sind Männer und verteidigen ihre Ehre – und ich bin kein Mann?

Was waren die Folgen?

Manche Frauen sagen: Ich gehe trotzdem weg aus meiner Familie. Aber ich muss mich besser schützen als es Hatun Sürücü getan hat. Vielleicht verlassen sie die Stadt. Oder sie gehen ins Frauenhaus und tun keinen Schritt vor die Tür.

Sind türkischstämmige Frauen heute selbstbewusster?

Es gibt mehr Frauen, die sich zur Wehr setzten. Die Zahl der Scheidungen steigt - in der Türkei wie in der türkischen Community. Und auch wenn sich die Lebensumstände nur minimal verändert haben, sind mehr Frauen mutig genug, um Straftaten ihrer Männer anzuzeigen - wenn sie Unterstützung bekommen durch den Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft.

Warum halten sich die Maßstäbe, nach denen viele türkische Eltern ihre Söhne erziehen, über drei Generationen in einem modernen Land?

Die Erziehungsmaßstäbe vieler Migranten sind mittelalterlich. Aber wenn niemand aufbegehrt - warum soll sich dann etwas verändern? In der patriarchalischen Familie geht es den Männern doch gut. Warum sollen sie etwas verändern? Veränderungen gibt es erst, wenn Forderungen gestellt werden.

Also muss die Mehrheitsgesellschaft die Grenzen setzen?

Die Mehrheitsgesellschaft muss das machen - und innerhalb der türkischen Community müssen es diejenigen machen, die sich dem Grundgesetz und der Gleichberechtigung verpflichtet fühlen.

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