Mode-Experiment : Wie läufst du denn rum?

Der "Berliner Stil" wird weltweit gelobt – aber wie sieht er aus? Zum Start der Fashion Week hat unser Autor den Test gemacht: sechs Tage, sechs Outfits. Und ziemlich viel Selbsterkenntnis.

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Foto: Mike Wolff
16.01.2012 18:29Unser Autor hat wenig Ahnung von Mode - allerbeste Voraussetzung für unser Experiment...

Erstes Problem: Wie beschreiben, was mir da gerade Unerhörtes um den Hals hängt? Dickes graues Gebinde, sieht aus wie ein Vogelnest oder Dornenkranz. Fühlt sich aber weich an. Der Kollege aus der Moderedaktion wird es später als „aus Stoffstreifen geflochtene Netzkapuze“ identifizieren, aber jetzt, zu Hause vorm Spiegel, bin ich bloß irritiert. Gucke mich länger an als gewöhnlich, gaffe regelrecht. Man fühlt sich nämlich gleich besonders in so einem Outfit. Wer ein Vogelnest um den Hals trägt, hat auch eine interessante Persönlichkeit, davon ist auszugehen. Lektion eins: Designerkleidung schmeichelt dem Ego.

Berlin ist Deutschlands Modehauptstadt, behaupten alle, die sich auskennen, außer die in Düsseldorf und München vielleicht, aber auch die werden es nicht ewig leugnen können. 800 Designer entwerfen hier ihre Kleider, der „Berliner Stil“ wird weltweit gelobt, und doch gibt es erstaunlich viele Menschen in dieser Stadt, denen Mode bislang fremd geblieben ist. Die nicht wissen, was das bringen soll: Geld ausgeben, Trends hinterherlaufen, hip sein wollen. Zum Start der Fashion Week bräuchten wir einen Ahnungslosen, der bereit ist, sich vorurteilsfrei auf Mode einzulassen, hat Kollege Jan gesagt. Einen, der wenig von Stoffen und Schnitten versteht, der für Hemden keine 20 Euro ausgibt und Socken trägt, auf denen die Wochentage gedruckt sind. „Einen wie dich“, hat Jan gesagt. Und dass so ein Test doch auch eine Chance sein könne. Sechs Tage, sechs Outfits. Und am Ende eine Antwort auf die Frage: Lohnt es, sich für Mode zu interessieren? Das Vogelnest bleibt vorerst im Schrank. Zu radikal. Hier fehlt noch das Grundvertrauen, nicht ausgelacht zu werden. Lektion zwei: Mode kann Überforderung sein.

Im H&M-Outfit.
Im H&M-Outfit.Foto: Mike Wolff

Stattdessen zu H&M in die Rosenthaler Straße, ein bisschen hin und her gesucht und dann eingesehen, dass Hilfe nötig ist. Eine Kundin, die recht modisch aussieht, wird um Rat gebeten. Sie soll mir etwas Schräges aussuchen, etwas, mit dem ich garantiert auffalle auf Berlins Straßen. Sie wählt eine knallrote, fies glänzende Winterjacke, die waagerecht abgesteppten Nähte sollen vortäuschen, dass Daunen drin stecken, tatsächlich ist innen 100 Prozent Polyester, außen 100 Prozent Polyamid. Dazu eine Stoffhose in scheußlichem Pastellblau, beides zusammen für 50 Euro. „Made in Bangladesh“ steht innen auf dem Etikett, und man kann sich gut vorstellen, wie da irgendwo am Golf von Bengalen unterbezahlte Fabrikarbeiter in ihrer Halle schuften und sich über die Westler wundern, die solche Hosen freiwillig anziehen.

„Ich bin nicht sicher, ob du wirklich der Typ dafür bist“, sagt meine Beraterin an der Kasse. Ich bin auch nicht sicher, aber egal. Vivienne Westwood hat einmal behauptet, Mode sei die Synthese aus Wissen und Ausprobieren. Also los. Ich spaziere in dem Outfit über den Hackeschen Markt, quer durch Mitte bis nach Kreuzberg. Drei Beobachtungen: Niemand starrt mich an! Ständig begegne ich Menschen, die noch weit schrägere, unpassendere Farbkombinationen tragen, die starre ich dann an! Außerdem ist Polyester-Polyamid die Hölle, nach zehn Minuten schwitzt man erbärmlich. Würde mich jetzt einer meiden, er täte es nicht wegen des Anblicks, sondern wegen des Geruchs. Jacke und Hose werden zurückgegeben. Lektion drei: Es kommt drauf an, wie man sich selbst darin fühlt.

Wie der gebrauchte Trenchcoat und der schräge Jumpsuit wirken, lesen Sie im zweiten Teil.

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