Berlin : Modellversuch: Zwischen Klassenzimmer und Motorenwerk

Jeannette Goddar

Wer vor ein paar Jahren in die Ferdinand-Freiligrath-Schule kam, fand sämtliche Klischees über Hauptschulen in sozialen Brennpunkten bestätigt: Kaputte Fenster, Türen und Lampen wechselten sich mit Graffiti ab; die Hälfte der Schüler erschien nicht zum Unterricht; rund um das Schulgelände kam es immer wieder zu Messerstechereien und Kleinkriminalität.

Seither hat die Kreuzberger Schule unter Federführung der Schulleiterin Hildburg Kagerer fast nichts unversucht gelassen, um aus dem Ort der Desillusionierung ein bildungspolitisches Vorbild zu machen: Bereits 1990 wurden unter dem Motto "Kreativität in die Schule" (KidS) und mit Hilfe von Sponsoren Akrobaten, Regisseure, Musiker und Maler an die Schule geholt. Sie sollten die klassischen Unterrichtsformen aufbrechen und die Schüler zu eigener Kreativität animieren. 1995 wurde das Projekt in einen Modellversuch der Bund-Länder-Kommission überführt, der 1998 auslief.

In der Bergmannstraße läuft unterdessen schon der nächste Schulversuch: Unter dem Motto "Schulen im gesellschaftlichen Verbund" und in Anwesenheit von Schulsenator Klaus Böger (SPD) stellten die Freiligrath-Schule und der Automobilkonzern BMW gestern ihre Zusammenarbeit vor. Seit Beginn des Schuljahres absolvieren die Hauptschüler einen Teil ihres Unterrichts im BMW-Motorradwerk in Spandau, wo sie mit Auszubildenden unter anderem an der Motorenentwicklung beteiligt werden.

BMW-Pressesprecher Richard Gaul erklärte, dass man sich von dem Modell nicht in erster Linie Nachwuchs für das eigene Werk verspricht. Stattdessen setze man darauf, auf diesem Weg an dem Prinzip Schule etwas zu verändern. Dort werde nämlich viel zu wenig Wert auf Teamfähigkeit gelegt: "Vom 5. bis zum 25. Lebensjahr dressieren wir die Leute zum Einzelkämpfer." Schulsenator Klaus Böger lobte den Modellversuch, der zurzeit auch auf vier bayerische Hauptschulen übertragen wird, als "beispielhaftes Zusammenführen von Schule und Wirtschaft".

In den kommenden vier Jahren wird der Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen von der FU Berlin das Konzept wissenschaftlich begleiten. Im Vergleich mit einer Kreuzberger Hauptschule ohne besondere Förderung soll ermittelt werden, inwieweit sich Schüler in einer offeneren und praxisnäheren Umgebung anders entwickeln als an einer herkömmlichen Schule. Auch die Auswirkungen des Schulversuchs auf die Einstellung der Lehrer zu ihrem Beruf soll erforscht werden. Allerdings müsse bei der Evaluation auch darauf geachtet werden, sauber zu trennen, erklärte Lenzen: zwischen jenen Effekten, die schlicht auf eine bessere Ausstattung und eine erhöhte Aufmerksamkeit zurückzuführen seien sowie solchen, die in der Tat mit dem Lernmodell zusammenhingen. Im Jahre 2004 werden die Erkenntnisse der Kultusministerkonferenz vorgestellt.

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