Nach Mord an Kurdin : "Wir haben Hass-Mails bekommen"

Vor drei Monaten wurde Semanur S. von ihrem Ehemann ermordet und verstümmelt. Der Gewaltakt hat viele Menschen zum Handeln bewegt. Menschen, die weder Täter noch Opfer sein wollen - und nun die Initiative ergreifen.

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Gedenken an Semanur S. Anfang Juni. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Gedenken an Semanur S. Anfang Juni.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Mit einem strahlenden Lächeln empfängt Günay Darici ihren Besuch im Büro des Nachbarschaftszentrums in der Cuvrystraße in Kreuzberg. Die Leiterin des Kurdischen Elternvereins „YEKMAL“ wird aber schlagartig ernst und nachdenklich, sobald man mit ihr über die getötete Semanur S. spricht. „Ich selbst habe zwei, drei Wochen nicht richtig schlafen können, weil mich die Tat so beschäftigt hat“, beschreibt Günay Darici die Zeit nach dem grausamen Mord an der 30-jährigen Kurdin.

Semanur S. war in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni von ihrem psychisch kranken Ehemann Orhan S. nach einem Streit ermordet worden. Mit Küchenmessern hatte er sie enthauptet und den Kopf von der Dachterrasse in den Innenhof des Wohnblocks geworfen. Die Brutalität war für viele unfassbar, ein öffentlicher Aufschrei folgte, die Tat machte bundesweit Schlagzeilen.

Auch die 20 bis 30 Frauen, die regelmäßig in die Frauengruppen des Zentrums zu Günay Darici und ihren Mitarbeiterinnen kommen, hatten das Bedürfnis über die Geschehnisse zu reden. „Ich hatte viele Anrufe. Die Frauen und Männer sind offener dafür geworden, um über konkrete Probleme wie Gewalt in der Familie zu sprechen“, sagt Günay Darici.

Von vielen Gesprächen über das Unbegreifliche, berichtet auch Serdar Yazar vom Türkischen Bund Berlin Brandenburg: „Am Anfang gab es sehr großen Gesprächsbedarf. Es gab eine Art Schockzustand, dass solch eine brutale Tat überhaupt möglich ist“, erinnert sich Serdar Yazar. Aber es gab auch andere Stimmen: „Das betrifft uns nicht. Der Mann ist psychisch krank. Das ist ein Einzelfall.“

Aussagen, die Yazar ein wenig bestürzen, denn häusliche Gewalt ist für ihn ein Thema, über das permanent gesprochen werden muss. Bestürzt haben ihn aber auch die „Hass-Mails“, die der TBB nach dem Mord an Semanur S. teilweise mit vollem Namen und Anschrift erhalten hatte. „Das sind zum Teil sehr rassistische Äußerungen gewesen“, sagt Yazar, "Ich weiß nicht, ob diese Personen wissen, dass sie sich mit solch rassistischen Inhalten am Rand zum strafrechtlichen Bereich befinden.“

Weitere Informationen sehen Sie in unserem Video:

Den Mord unmittelbar miterlebt haben die sechs Kinder des Ehepaares. Seit dem sind sie in einer Spezialeinrichtung untergebracht. Die Vormundschaft hat das Jugendamt Friedrichshain/Kreuzberg übernommen. Den ein bis 13 Jahre alten Mädchen und Jungen geht es den Umständen entsprechend gut, so Monika Herrmann, Bezirksstadträten für Familie in Friedrichshain/Kreuzberg. „Trauma-Psychologen betreuen die Kinder. Sie beginnen langsam über die Tat zu sprechen. Ziel ist es, dass die Kinder wieder in die Familie zurückkommen, vielleicht so gar noch in diesem Jahr“, sagt Herrmann. Bei dem Vater der Kinder und dem Täter Orhan S. wurde nach der Tat eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert - damit wäre er schuldunfähig. Die Staatsanwaltschaft will in diesen Wochen dem Gericht eine so genannte Antragsschrift zur Sicherungsverwahrung vorlegen. Der 32jährige würde somit lebenslänglich in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden.

Unterdessen hat der sinnlose Gewaltakt viele weitere Menschen zum Handeln bewegt. Menschen, die weder Täter noch Opfer sein wollen. So rief wenige Tage nach dem Mord die Frauen-Beratungsstelle TIO zu einer Kundgebung vor dem Rathaus Neukölln auf, auf der Frauen mit und ohne Migrationshintergrund gegen Gewalt protestierten. Sie forderten als Gewaltprävention mehr ausgebildete Streetworker, Mediation und Konflikttraining in Schulen und gute berufliche Perspektiven.
Auch das Jugendamt Friedrichshain/Kreuzberg wird aktiv, und startet im Herbst erneut eine Gesprächsinitiative, wo sich Betroffene von Gewalt hinwenden können. Themen werden auch das Scheidungs- und das Sorgerecht – auch das türkische Recht – sein. „Aber wir sollten uns davor hüten zu glauben, Gewalt passiert nur in Migranten-Familien“, warnt Monika Herrmann. 16000 Fälle von häuslicher Gewalt hat die Berliner Polizei im vergangenen Jahr registriert. Darunter fallen Morde, Vergewaltigungen, Körperverletzungen. Und diese Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, betont die Bezirksstadträtin noch einmal. „Gewalt in Ehen und Familien geschieht unabhängig von Herkunft, der sozialen und finanziellen Situation, und wir machen zu oft die Augen zu.“

Weitere Informationen über Familien-Beratungsstellen finden Sie hier.

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