Nach rassistischem Drohbrief : Bischof besucht Imam in Neuköllner Moschee

Als "alter Gemeindepfarrer" weiß Markus Dröge, dass man Menschen nicht nur besucht, wenn es ihnen gut geht. Bei der Sehitlik-Moschee-Gemeinde, die einen rasisstischen Drohbrief bekam, bekundete er seine Solidarität.

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Bischof Dröge (links) zu Besuch bei Ender Cetin.
Bischof Dröge (links) zu Besuch bei Ender Cetin.Foto: Sandra Dassler

„Natürlich denkt man zuerst, das sind totale Spinner“, sagt Ender Cetin. „Was soll man auch davon halten, wenn eine ominöse Reichsbewegung "alle Türken, Muslime und Neger aus Deutschland ausweist" und sie auffordert, dass Land spätestens bis zum 1.August 2012 zu verlassen?“ Ender Cetin ist ehrenamtlicher Vorsitzende der Neuköllner Sehitlik-Moschee-Gemeinde und lebt seit seiner Geburt vor 35 Jahren in Neukölln. Er ist hier zur Schule gegangen, hat Abitur gemacht und an der Freien Universität studiert. Er lächelt gutmütig, wenn er für sein „gutes Deutsch“ gelobt wird.

Über den Drohbrief, der er vor ein paar Wochen vor dem Freitagsgebet persönlich geöffnet hat, konnte er nicht lächeln. Nicht nach den Neonazi-Morden in Deutschland und nicht nach den vielen Brandanschlägen, die schon auf die Sehitlik-Moschee in Neukölln verübt wurden.

Deshalb ist Ender Cetin an diesem Dienstag richtig froh, dass der evangelische Landesbischof Markus Dröge in seine Moschee gekommen ist, um der muslimischen Gemeinde seine Solidarität zu versichern.

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„Die ganze Gesellschaft muss dagegen aufstehen, wenn jemand wegen seiner Herkunft und Religion bedroht wird“, sagt der Bischof: „Ich weiß als alter Gemeindepfarrer, dass man Menschen nicht nur besucht, wenn es ihnen gut geht, sondern auch in schlechten Zeiten.“

Das Letztere klingt ein wenig theatralisch, schließlich ist zum Glück nichts passiert in der Sehitlik-Moschee und auch nicht in der türkischen und jüdischen Gemeinde Berlin, an die der Drohbrief auch gegangen ist. Aber es ist auch der Tag, an dem Frankreich um drei Kinder und einen Lehrer trauert, die vor einer jüdischen Schule in Toulouse erschossen wurden. Der Tag, an dem überall in Europa vor Rassismus gewarnt wird.

Ender Cetin, dessen Gemeinde gerade von Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) die „Berliner Tulpe für den deutsch-türkischen Gemeinsinn“ erhalten hat, kennt diesen Rassismus nicht nur aus Drohbriefen. Viermal hat es im Jahr 2010 Brandanschläge auf die Sehitlik-Moschee gegeben, im Januar wurde ein Tatverdächtiger festgenommen und später in die Psychiatrie eingewiesen.

Nicht nur Türken haben manchmal den Eindruck, dass die Klassifizierung als „psychisch krank“ oft eine tiefergehende Auseinandersetzung verhindert. „Wenn jemand wie der norwegische Massenmörder Breivik als psychisch krank eingestuft wird, glauben viele, man müsse nun nicht mehr über Rassismus reden – das ist falsch“, sagt Ender Cetin. Gerade die jüngsten Drohbriefe offenbarten ein ungeahntes Ausmaß an Intoleranz und Hass, die allerdings mit kalter Intelligenz kombiniert seien.

Noch hat der Staatsschutz nicht einmal den Hauch einer Spur zu den Briefeschreibern, gegen die wegen Volksverhetzung ermittelt wird. Umso wichtiger sei die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Religionen, sagt Bischof Dröge und lädt Vertreter der Moschee zum Gegenbesuch in die evangelische St.-Marien-Kirche in Mitte ein. Der Imam, Ender Cetin und andere wollen der Einladung bald folgen.

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