Nachruf auf Hedi Gigler-Dongas (Geb. 1923) : „Nie wieder diese Geige“

Mit acht spielte sie ihre ersten Konzerte, mit achtzehn wollte sie Schluss machen mit der Geigerei. Der Nachruf auf eine beeindruckende Dame, die im Alter andere Musiker heilte.

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Hedi Gigler-Dongas (1923-2017)
Hedi Gigler-Dongas (1923-2017)Foto: privat

Diese Geige. Sie war ihr eine Bürde und eine Freude. Kummer und Liebe. Zwang und Anmut. Ein ganzes Leben lang. Wie fanden dieses Instrument und dieser Mensch zueinander? Ihre Eltern, schnell zusammen und schnell getrennt, waren der Schriftsteller Herbert Gigler und die Komponistin Grete von Zieritz. Ihr Geburtsort: Berlin. Der Vater liebend, die Mutter abweisend, ganz auf ihren Erfolg konzentriert. Es waren dann die Großeltern in Österreich, die sie großzogen. Kam Hedi nach Berlin, um ihre Eltern zu sehen, besuchte sie ihren Vater. Für die Mutter musste sie sich einen Termin geben lassen, vielleicht hatte die Mutter dann noch ein, zwei Stündchen Zeit, vielleicht auch nicht.

Diese Leere zu füllen, die mütterliche Liebe zu ersetzen, war eine von Hedis unlösbaren Lebensaufgaben. Später, Ende der achtziger Jahre, als Hedi und ihre Violine längst etabliert und erfolgreich waren, gab es einmal eine Radiosendung über sie. „Furchtbar“, sagte Hedi danach, „der Journalist hat mich die ganze Zeit über meine Mutter ausgefragt.“

„Furchtbar“, sagte der Journalist, „sie hat die ganze Zeit über ihre Mutter geredet.“

Sogar der Hund wurde zugunsten der Geige verbannt

Hedi war noch ein kleines Mädchen, als die Großmutter ihr die Geige aufzwang, was Hedi in einem selbst verfassten Steckbrief so beschrieb: „Im Grazer Großelternhaus mit vier Jahren das Klavier entdeckt, aber mit fünf Jahren auf großmütterlichen Befehl die Geige an den Hals gehenkt. Ein Kind, das sich wundert, zum Wunderkind manipuliert. Lobdekorierte Sklavenarbeit: Statt Umwelt strenge Isolation, statt Schule Hauslehrer, statt Kinderspielen Geigenübungen, sogar im Krankenbett.“

Selbst den Hund, innig geliebt und einziger Spielkamerad, verbannte die Großmutter. Er würde sie nur vom Spielen und Üben abhalten, sagte sie dem Mädchen. Das – trotzdem oder deshalb – es zu Höchstleistungen brachte. Mit acht spielte sie ihre ersten Konzerte und lernte bei den besten Lehrern und Lehrerinnen, unter ihnen Marie Soldat-Roeger, einst selber Schülerin von Joseph Joachim und Johannes Brahms. Mit 16 begann sie ein Doppelstudium, Geige und Klavier, an der Berliner Musikhochschule. Dort traf sie auch den Dirigenten Sergiu Celibidache: „Er kam stets mit einem Packen Noten, griff mich, sperrte uns in ein Zimmer, und wir fraßen vom Blatt Violinkonzerte von Schönberg, Strawinsky, Alban Berg, Bartok und vieles andere.“

Doch irgendetwas in Hedi rief zum Widerstand, begehrte auf, wollte Selbstbestimmung. Erst wehrte sie sich gegen einen Lehrer, der ihr eine bestimmte Art des Geigenspiels, des Übens und der Körperhaltung aufzwingen wollte. Mit 18 verweigerte sie sich schließlich ihrer Großmutter: „Nie wieder spiele ich diese Geige.“ Da warf sich die Großmutter aufs Bett, weinte, flehte, bettelte. Aber Hedi blieb unerbittlich. Wenige Tage später starb die Großmutter. Hedi war sich sicher, dass die Schuld daran allein bei ihr lag. Was für eine Bürde, wie sollte sie damit umgehen? Erst zögerte sie, dann tat sie es, spielte weiter – trotz und wegen ihrer Großmutter.

Bis tief in die Nacht hinein

„Eine der begabtesten unter den jungen Geigerinnen.“ „Sie spielte die Brahmskonzerte berückend schön im Ton, mit gesundem musikalischen Schwung und überlegener Virtuosität.“ Zwei von vielen Lobeshymnen aus Zeitungen und Programmheften über die inzwischen preisgekrönte und international hochverehrte Hedi.

Doch da gab es noch eine andere, eine die einem Blinden Unterricht gab und sich dafür selber die Augen verband. Eine, die sich bei einer Beerdigung spontan mit ihrer Geige hinstellte und spielte, bis alle weinten. Eine, die Gedichte schrieb, tausendfach, immer neue und die alten immer wieder neu. Eine, die auch derb sein konnte, schimpfen, Höflichkeiten kannte sie da nicht: „Ja, warum sitzen denn die Weiber im Publikum und haben feuchte Höschen. Sie hoffen, dass mal jemand so mit ihnen spielt, wie der Geiger mit seiner Geige.“ Unter Pseudonym veröffentlichte sie Glossen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Fünfmal war sie verlobt, immer zog sie etwas weiter. Bei Perikles Dongas war es anders. Vielleicht lag es daran, dass er 30 Jahre älter war als sie. Sicher, selbstbewusst, ein Hausarzt in Athen, der sich um Bauern kümmerte und sich mit Hühnern, Ferkeln und Honig bezahlen ließ. Der nachts das Licht in der Praxis anließ, damit die Patienten wussten, dass er rund um die Uhr für sie da war. Selbst auf die Hochzeitsreise nahm er eine krebskranke Frau mit, um die er sich kümmerte. Perikles war ein Mann mit Leidenschaft und der Mann ihres Lebens. Sie zog zu ihm nach Griechenland, pendelte zu ihren Auftritten und Lehrtätigkeiten nach Deutschland und in die Welt. Manchmal spielte sie in einer der antiken Arenen. Nur sie auf der Bühne, im Scheinwerferlicht, ansonsten Dunkelheit. Ab und zu sah sie Feuerzeuge aufblitzen, wenn sich ein Zuschauer eine Zigarette anzündete. Irgendwo zwischen den Säulen und den Zypressen saß eine Grille. Hedi und sie spielten um die Wette, hörte die eine auf, fing die andere an, immer weiter, bis tief in die Nacht hinein.

Hedi hilft

Vor und nach Perikles gab es niemanden, der an ihn heranreichte. Sein Tod 1979 traf sie, aber nicht unvorbereitet, lange hatte sie sich auf sein Sterben vorbereitet. Sie nahm ihn dann mit sich zurück nach Berlin: auf den Fotos und in den vielen Erzählungen. Da lebte er mit ihr und sie mit ihm, alleine, in ihrer Drei-Zimmer-Altbau-Wohnung in einer Seitenstraße vom Ku’damm.

„Viele Dinge sind es wert, dass ich mich mit ihnen beschäftige. So bin ich halt“, sagte Hedi über die Fülle in ihrem Leben und über die Dinge, die sich langsam stapelweise immer höher in ihrer Wohnung türmten: Bilder, Noten, Statuen, Ton- und Text-Zeugnisse. Weil sie von diesem einen Lehrer zu einem für sie schädlichen Geigenspiel gezwungen wurde, beschäftigte sie sich mit der gesunden Haltung und Atmung, mit dem Körpergedächtnis beim Üben, mit dem Einklang von Musiker und Instrument. Das sprach sich rum und so kam es, dass Musikerkollegen, die den Ton nicht mehr trafen, die Schmerzen oder Lampenfieber hatten, den kostbaren Rat erhielten: „Geh zu Hedi, die hilft.“

Einem Violinisten tat der Arm weh, Auftritte machten ihm Angst, kein Arzt konnte ihm helfen. Hedi beobachtete ihn, ließ ihn Übungen machen, bis ihr auffiel, dass er seine rechte Schulter immer leicht nach oben zog. Erst Ratlosigkeit. Doch dann erinnerte sich der Violinist an seine frühere Geigenlehrerin: Jahrelang hatte die ihn mit einem Stock gepiesackt und diesen immer wieder in die rechte Schulter gebohrt. Eine Nacht lang besprach Hedi seine Schulter. Beschwor sie, die Erinnerung an den Schmerz loszulassen. Was soll man dazu sagen? Ihre Methoden waren speziell, aber sie wirkten, und nicht nur in diesem Fall. Geld nahm sie für ihre Beratungen nicht. Natürlich nicht. Sie war Künstlerin. Materielles interessierte sie nicht. Mal hatte sie genug, mal nicht, weiter ging es immer.

Ein Mensch und so viele Erzählungen und Erinnerungen. Wie sie zum Fixpunkt im Universum ihrer vielen Freunde wurde. Wie sie ihnen zugehört und sie aufgerichtet hat, wenn sie am Boden lagen. Wie sie sie mitgerissen hat. Wie man sicher sein konnte, dass Besuche bei ihr länger und länger werden würden, weil Hedi von einer Erzählung zum nächsten Gedanken sprang. Wie sie mit den Kletterpflanzen vor ihrem Fenster sprach und diese tatsächlich noch näher zu ihr herüberwuchsen, sie umrankten. Wie sie den traurigsten und kümmerlichsten Weihnachtsbaum kaufte, „den, den kein anderer will“. Sie ihn aber zu Hause in tagelanger Kleinarbeit, Leiter rauf, Leiter runter, mit Kerzen, mit Glasfaser-Schmuck ausstaffierte. Um ihn, funkelnd, stundenlang zu bewundern.

Hedi Gigler-Dongas starb am 19. Februar. Es war auch ihr Geburtstag. Äußerst ungelegen, denn eigentlich hat sie ja eben noch an ihrem Buch über Brahms gearbeitet. Äußerst gelegen, denn die Gäste kamen sowieso schon mit Blumen, also konnten sie sich gleich von ihr verabschieden.

Für ihre Beerdigung hatte sie sich vorsorglich einen Sack Erde aus Graz mitgebracht, den sie sich von ihren Freunden auf die Brust betten ließ. So wurde sie unter ihrer Heimaterde in ihrer Neuberliner Heimat begraben. Links neben sich ließ sie eine Holzwurzel legen, die weibliche Formen hatte und rechts eine, die an einen Mann erinnerte. Sie und Perikles, vereint. Dazu noch ein paar Münzen für den Fährmann, für ihre letzte Fahrt.

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