• Nachruf auf Manfred Praeker (Geb. 1951): „Mensch Manne, jetzt leg doch mal die Gitarre weg!“

Nachruf auf Manfred Praeker (Geb. 1951) : „Mensch Manne, jetzt leg doch mal die Gitarre weg!“

Ob bei der „Nina Hagen Band“ oder bei „Spliff“: die aus den bildungsbürgerlichen Elternhäusern spielten den Rock ’n’ Roll - Manne, das Reinickendorfer Arbeiterkind, verkörperte ihn

H. P. Daniels
Manfred Praeker (1951-2012) bei einem Fernsehauftritt von "Spliff" in den 80er Jahren
Manfred Praeker (1951-2012) bei einem Fernsehauftritt von "Spliff" in den 80er JahrenFoto: dpa

Gitarre spielen und singen, das hat er früh gelernt, als kleiner Pimpf bei den Pfadfindern. „Wildgänse rauschen durch die Nacht mit schrillem Schrei nach Norden / Unstete Fahrt habt acht habt acht / was ist aus uns geworden?“

Aus dem kleinen Manne wurde dann ein großer Rockstar, ein hübscher, ewig jugendlicher Mann, der mit der Band von Nina Hagen auf unsteter Fahrt und später mit „Spliff“ zu großen Erfolgen rauschte. Da hatte er schon einiges hinter sich.

Erste Auftrittserfahrungen mit der Reinickendorfer Schülerband „Castalia“ in Jugendfreizeitheimen. Die Schule geschmissen, eine Lehre als Schriftsetzer abgeschlossen, wie auch eine kleine Rauschkarriere mit „Berliner Tinke“ mit eisernem Willen beendet.

Als er im Kreuzberger Theater „Die Zentrifuge“ Gitarre spielte und sang, fragten sie ihn: „Manfred, kannste nicht auch Lieder schreiben?“ Und er schrieb Lieder. Über Solidarität, Arbeiterethos, soziale Ungerechtigkeit.

Andere fragten, ob er mitspielen wollte in der Rocktheater-Band „Lokomotive Kreuzberg“. Na klar! Er spielte Gitarre, Lapsteel, Bass, er sang und schrieb Songs. Immer mit nervöser Energie, so aufgekratzt und hitzig, dass er sich runterkühlen musste mit seinen speziellen Kräuterzigaretten.

Während die anderen debattierten, kritzelte er Notizbücher voll, düdelte auf der Gitarre rum, Melodien, Riffs, Akkordfolgen. Bis sie ihn anraunzten: „Mensch, Manne, jetzt leg doch mal die Gitarre weg!“ Große Diskussionen, langes Gerede waren ihm zuwider. „Hätte is’ uff Toilette“ war so ein Spruch von ihm.

Aber der Kollektivgedanke gefiel ihm: etwas zusammen auf die Beine stellen, Energie verteilen, eine Abkürzung finden in die Herzen des Publikums. Und die ganzen hübschen jungen Frauen, die sich reihenweise in ihn verguckten.

Manne mit den langen, lockigen Haaren, großen Augen und einem weichen großlippigen Mund. Wenn er auf der Bühne mit dem Bass tanzte, schmolzen alle dahin. Bei den Fotosessions schoben sie ihn immer nach vorne. Die Bandkollegen aus den bildungsbürgerlichen Elternhäusern spielten den Rock ’n’ Roll. Manne, das Reinickendorfer Arbeiterkind, verkörperte ihn.

Rockstar zu werden, reich und berühmt, das hatte er nie geplant. Es ging ihm um den Spaß an der Musik, sich auszudrücken, und sicher auch um die Anerkennung. Wer will nicht geliebt werden?

Geliebt hat ihn dann die gerade aus der DDR getürmte Nina Hagen. Und er hat sie geliebt. Die „Nina Hagen Band“, deren Bassist er wurde, gemeinsam mit seinen „Lok Kreuzberg“-Kollegen, war ein Kollektiv, wie er es sich wünschte. Sie tauschten Ideen aus und gaben Nina Hagen gemeinsam ein neues Profil. Knackige Rockmusik mit knackigen deutschen Texten. Sie hatten Erfolg damit, sie verdienten richtig Geld. Wovon Nina Hagen bald das meiste für sich forderte. Und so die Idee vom Kollektiv zerschlug, und im heftigen Streit auch gleich ihre schöne Rickenbacker-Gitarre auf Mannes Kopf. Er hatte sie ihr kurz davor geschenkt.

Manfred Praeker und Herwig Mitteregger von "Spliff"
Manfred Praeker und Herwig Mitteregger von "Spliff"Foto: dpa

Mit der „Nina Hagen Band“ war auch die Liebe zwischen den beiden am Ende. Die Musiker allerdings blieben zusammen ohne Nina, das Kollektiv hielt. Mit ihrem Manager Jim Rakete dachten sie sich etwas Neues aus. Zurück zu den Wurzeln: Rocktheater, die „Spliff Radio Show“. Und Manne packte an, wo und was er konnte: Er rührte auch Tapetenkleister an und klebte die Plakate in abenteuerlichen Nacht- und Nebelaktionen. Mit Jim Rakete baute er für die Bühne ein überdimensionales Radio.

„Spliff“ wurden noch erfolgreicher als die „Nina Hagen Band“. Bei der „Radio Show“ spielten sie immer eine dritte, allerletzte Zugabe: Manne sang „Sweet Jane“ von Lou Reed. Jim Rakete kann sich noch gut daran erinnern: „Da konnte man sehen, für wen die Herzen in den ersten Reihen schlugen. Die Show war gelaufen, um die beste Zensur ging es nicht mehr, nur noch um das bisschen Lässigkeit. Das war Mannes Moment.“

Als Elton John bei einem Auftritt in der Kongresshalle ein Glas Rotwein auf dem Flügel stehen hatte, den er in höchsten Tönen lobte und scherzhaft fragte, ob vom Publikum mal jemand probieren wolle, ging Manne nach vorn und nahm einen Schluck. Einfach so. Immer geradeaus und hemmungslos. Immer einen großen Schluck nehmen. Von allem, was sich bot.

Die Kehrseite davon war seine Verletzlichkeit. Nach der Trennung von Nina Hagen war er am Boden zerstört. Da half nur die Musik. Er schrieb auch Songs für andere, produzierte die „Nena Band“ und „Die Ärzte“. Denen brachte er erst mal den heftig verzerrten elektrisierten Gitarrensound mit hohen Marshall-Verstärkertürmen bei und spielte selbst den Bass.

Er blieb experimentierfreudig und offen für alle Stilrichtungen. Musikerkollegen, deren Musik ihm gefiel, unterstützte er mit all seinen Möglichkeiten. Die schräge Berliner Kapelle „Mekanik Destrüktiw Komandöh“ hatte er er ins Vorprogramm der „Nina Hagen Band“ geholt und ihnen die Nutzung eines Probenraumes ermöglicht. „Sehr nobel. Mit großer Bühne, P.A., Lichtanlage und immer prall gefüllten Kühlschränken“, schwärmt der ehemalige MDK-Sänger heute noch.

Im Studio, das sich Manne in seinem Haus in Grunewald eingerichtet hatte, produzierte er ein Album der Frauenband „Carambolage“. Die gefiel ihm so sehr, dass er sich bemühte, ihnen einen Plattenvertrag mit einer größeren Firma zu verschaffen. Ganz besonders gefiel ihm auch die Gitarristin Elfie. Sie heirateten und bekamen zwei Söhne.

Wegen einer Schilddrüsenerkrankung, Atemnot und starker Neurodermitis – ständig unter Strom kratzte Manne sich die Haut vom Leib – gab ihm ein Arzt den Rat: Er sollte Berlin verlassen, das hektische Leben in der turbulenten Stadt. Manne kaufte ein altes Bauernhaus in Portugal, in der Einsamkeit auf einem Berg, ein paar Kilometer entfernt von Monchique in der Algarve. Dort zog er mit seiner Familie hin.

Er baute das Haus um, er pflanzte Zitronenbäume im Garten und lernte Portugiesisch en passant durch Gespräche mit seinen Nachbarn. Bis er denen irgendwann erklären konnte, wie man für ein Bauernhaus eine effektive Drainage legt. Den Stall seines Hauses verwandelte er in ein modernes Aufnahmestudio für Bands aus Deutschland, die an der Algarve Ruhe und Inspiration suchten. Aus dem Studiofenster hatten sie einen Blick bis zum Meer, die Studiotechnik war auf der Höhe der Zeit, die Wohnräume schön und die Versorgung erstklassig. Mannes Frau Elfie bekochte alle exquisit und liebevoll, und Manne engagierte sich leidenschaftlich als Produzent und Gastgeber.

Einmal kam eine junge Schnöselband. Deren Zehntonner mit technischer Ausrüstung schaffte kaum die schmale Straße zu Mannes Haus hoch. Und dann war den Typen alles nicht gut genug. Sie mäkelten – und Manne explodierte. Ja, er konnte auch sehr cholerisch sein. Er warf sie raus, verzichtete auf Produktions- und Studiokosten in sechsstelliger Höhe, und sie konnten mit ihrem Zehntonner den Berg wieder runterfahren.

Besser lief es mit anderen Bands, die Mannes freundliche, hilfsbereite Art und sein technisches Know-how zu schätzen wussten. Unzählige Produktionen entstanden in seinem „Mad Mix Studio“. Bis bei den großen Plattenfirmen das Geld knapp wurde und sie nicht mehr die Kosten für aufwendige Aufnahmen in Portugal übernehmen wollten.

Seit der Jahrtausendwende interessierte das Manne ohnehin nicht mehr. Da produzierte er lieber für wenig oder gar kein Geld portugiesische Musiker, die ihm gefielen. Und der Mann, dessen Haus voller goldener Schallplatten war, spielte hin und wieder Gitarre in den Kneipen der Umgebung. In den heißen Sommern half er mit seinen Nachbarn den Wald löschen, wenn es um die nackte Existenz ging. Er packte immer noch mit an, egal worum es ging.

Manchmal fuhr er nach Deutschland, besuchte Freunde in Berlin, verbrachte Zeit bei einem alten Kumpel in Bayern. Dem besorgte er von der BVG einen ausrangierten Doppeldeckerbus, den sie rot lackierten und zu einem Partybus umbauten. An seinem 60. Geburtstag im Jahr 2011 gab Manne in dem bayerischen Städtchen ein großes Konzert mit Amateurmusikern aus der Umgebung, mit denen er kurz zuvor eine Platte aufgenommen hatte. Auch wieder so ein Projekt aus Spaß und Freundschaft.

Es war sein letztes. Manne hatte seine Frau gebeten, niemandem etwas von seiner Krankheit zu erzählen. Sie hat sich dran gehalten. Keiner wusste etwas. Manne Praeker starb im letzten September in Berlin.

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