Nachrufe : Azida Shahabuddin (Geb. 1985)

Auf der gefährlichen Suche nach der perfekten Gemeinde

Sebastian Ratt,e

Azida schaut konzentriert auf ihren Karoblock mit den langen Zahlenkolonnen. Sie ist auf dem Weg zu ihrem Zwillingsbruder Junid in Hamburg. Die anderen Fahrgäste auf dem Oberdeck des Linienbusses Berlin-Hamburg blicken genervt hinunter auf den zähen Verkehr. Noch mindestens zwei Stunden bis zum Ziel. Azida ist nicht genervt, sie macht Kurvendiskussionen, nur so aus Spaß.

Azida geht den Dingen auf den Grund, sie analysiert, sucht nach logischen Schlussfolgerungen. Sie macht das zweitbeste Abitur an ihrer Schule. Es hätte auch das beste sein können, das weiß sie, aber auf der Zielgeraden war ihr ein bisschen der Mut abhandengekommen. Da ist nichts Streberhaftes an Azida, nur eben so eine Ernsthaftigkeit, wenn es ihr um etwas geht. Sie eckt auch mal an und provoziert gerne, wenn sie Mitschüler ungerecht behandelt sieht. Jetzt studiert sie Mathematik auf Lehramt und lernt nebenher die Gebärdensprache. Ihr Ziel: Mathelehrerin für gehörlose Kinder.

Seit Jahren beteiligt sie sich an Tanz- oder Theatergruppen, sie spielt Gitarre und ist Sängerin in einer Band. Ihre Mutter hat manchmal Sorge, Azida könnte sich überfordern. Doch Azida, dieses zarte, lebensfrohe Mädchen, das bei der Geburt keine zwei Kilo wog und erst mal in den Brutkasten gelegt wurde, hat Kraft, viel Kraft.

In der Kirchengemeinde organisiert sie Kinderfreizeiten und als eine alleinerziehende Freundin sagt „Ich schaff das nicht mehr, der Job, die drei Kinder“, zieht Azida kurzerhand bei der Familie ein. Sie kümmert sich um den Haushalt, kocht, spielt, liest vor, weckt die Kinder und bringt sie ins Bett. Ein paar Tage lang macht sie das, bis die Mutter wieder übernehmen kann.

Azida hat die Wahl zwischen der muslimischen Religion ihres Vaters, er stammt aus Malaysia, und der christlichen ihrer Mutter. Die Familie ist aktiv in einer Schöneberger Baptistengemeinde. Die Baptisten taufen ihre Mitglieder erst im Erwachsenenalter. Azida entscheidet sich fürs Christentum.

„Wie kann ich Jesus richtig kennenlernen? Was will er wirklich?“ Sie will das Ideale, auch in ihrem Glauben, der immer mehr zum Zentrum ihres Lebens wird. Einmal sagt sie, sie suche nach der „perfekten Gemeinde“. Sie ist klug genug, um zu wissen, dass es so etwas nicht geben kann. Und doch führt sie die Suche auf einen riskanten Weg.

„Man muss ja nicht mit jedem befreundet sein“ – ein Satz, ganz untypisch für jemanden wie Azida. Mit ihm erklärt sie ihrer Schwester Sarah, warum sie plötzlich ihre Anmeldungen bei den Internetgemeinschaften „Facebook“ und „StudiVZ“ gelöscht hat. Das passt nicht zu Azida, die mit ihrer Offenheit so viele Leute kennengelernt und Herzen gewonnen hat. Die Freunde stößt sie jetzt zurück, einfach so. Ebenso hält sie auf einmal die Familie auf Distanz. Regelmäßig hat sie ihren Bruder in Hamburg besucht, mit ihrer älteren Schwester war sie unzertrennlich, mit Tanten und Onkels, ob in Malaysia oder Niedersachsen, hielt sie Kontakt – alles vorbei.

Im Spätsommer des letzten Jahres verlässt sie ihr Zuhause. Ihrer Schwester sagt sie am Telefon: „Ich hab jetzt eine neue Familie.“ Und für Eltern und Geschwister beginnt ein Puzzle, ein Rätselraten nach den Gründen. Für Azida beginnt eine Tragödie.

Wann darf man eine Glaubensbewegung Sekte nennen? Scientology zum Beispiel, die sind gefährlich, das weiß man und hat Angst davor. Aber was ist mit einer kleinen christlichen Gemeinschaft, einem Verein, der sogar als gemeinnützig anerkannt ist? Können die auch gefährlich sein? Junid findet im Zimmer seiner Schwester ein Informationsblatt. Eine Gemeinde, deren Name ihm neu ist, lädt ein, immer sonntags zum Gottesdienst und donnerstags zum „Kraftabend“. Eine Kirche oder ein Gemeindezentrum gibt es nicht, der Veranstaltungsort ist ein Hotel in Tegel.

Im Internet ist zu dieser Zeit immer die aktuelle Predigt zu hören, auf Youtube lassen sich nach wie vor Aufnahmen aus Gottesdiensten finden. Es geht laut zu, euphorisch. Die Gemeindemitglieder klatschen und jubeln, manche brechen in ein ekstatisches Lachen aus. Der Prediger spricht von Kraft, Power, Erfolg und einer neuen Zeit, in der die Menschen keine Krankheiten mehr haben, weil sie selbst wie Gott sind. Um das zu erreichen, müsse man den Verstand abschalten, aufhören zu denken und sich von allem lösen, was einen zurückhält. Auch von geliebten Menschen. Es werden Wunder versprochen. Ein Satz aus der Predigt fällt Junid besonders auf. Der Gemeindeleiter erwähnt ein Mitglied, dass seinem Aufruf gefolgt sei, sich ganz frei zu machen und nun alles hinter sich gelassen habe.

Es ist nicht schwer herauszufinden, dass hinter der Gemeinde ein Unternehmen steht, das die Lehrmaterialien der Glaubensbewegung, Bücher und CDs verkauft.

Junid fährt zum Sitz dieser Firma in Brandenburg, ein paar Autominuten nördlich von Berlin. Es ist das Privathaus des Gemeindeleiters und seiner Frau. Er klingelt, und es öffnet – Azida. Junids Schwester reagiert abwehrend, fast aggressiv. Die rationale, analytische Azida, die alles erst einmal infrage stellt – sie ist verschwunden. Die Azida, die jetzt vor ihm steht, folgt Leuten, die ihr sagen, was richtig ist und was falsch.

Nein, sie könne nicht erklären, warum sie hier sei, Junid würde es ja doch nicht verstehen, noch nicht. Azida ist erwachsen, der Bruder kann sie nicht zwingen, mit ihm nach Berlin zurückzufahren. Wenigstens telefonieren sie in der nächsten Zeit ab und zu.

Die Familie ist vorsichtig, vielleicht zu vorsichtig. Aber da ist die Angst, den Kontakt ganz zu verlieren. Die Mutter holt sich Rat beim Sektenbeauftragten. Die Gruppierung ist dort bekannt, sie ist in ganz Deutschland präsent, in Süddeutschland gibt es einen selbsternannten „Apostel“. Selbst in ihrem eigenen Spektrum, dem der „pfingstlich-charismatischen“ Gemeinden ist sie umstritten und weitgehend isoliert. Eine rechtliche Handhabe gegen sie gibt es jedoch nicht.

Zwei Monate später kehrt Azida zurück. Aber welche Azida ist das jetzt? Tagelang schließt sie sich in ihr Zimmer unter dem Dach ein. Sie will keinen Besuch, ist menschenscheu. Sie ist jetzt wieder da, aber reden will sie nicht. Nicht über die letzten Monate, nicht darüber, wie es ihr geht. Berührungen, Umarmungen, früher wichtig und selbstverständlich, wehrt sie ab. Ihre Persönlichkeit verschwindet, selbst ihre Unterschrift, die schönen Schwünge des langen Nachnamens mit den vielen Vokalen – nur noch ein Kringel. Dann fallen die langen dunklen Haare, mit einer Küchenschere schneidet sie sie ab.

Azida ist depressiv. Wie lange schon, wer kann das sagen? Es ist nicht das erste Mal. Hat sie versucht, den Dämonen mit den Wundern des „Apostels“ zu begegnen? Nur erahnen kann man den Konflikt zwischen ihrer Traurigkeit und Lebensangst, und einer Glaubenslehre, die ihr quasi befiehlt, gesund und fröhlich zu sein und Medikamente abzulehnen.

„Jesus trug deine Schmerzen, damit du sie nicht tragen musst! Krankheit gehört somit nicht zu uns.“ So predigt der „Apostel“. Azida ist also nicht nur krank; sie lebt nach dieser Lehre ihren Glauben nicht richtig.

Im Dezember weckt Azida ihre Mutter um drei am Morgen. „Mama, gleich kommt der Notarzt. Ich hab’ Tabletten genommen.“ Sie hat die Notrufnummer selbst gewählt. Sie pumpen ihr den Magen aus, alle weiteren Angebote, psychologische Betreuung lehnt sie ab. Mit der Gemeinde hadert Azida jetzt. Sie geht kaum noch zu den Veranstaltungen. Die Traurigkeit aber bleibt. „Wir wussten, es wird eine schwere Zeit, wenn sie erkennt, was passiert ist“, sagt die Mutter. Sie ist aber überzeugt, dass das Schlimmste überstanden ist. Die Familie fühlt sich vorbereitet.

Ein paar Wochen später, es ist ein Sonntag, kommt jeder Notruf zu spät. Azida hat sich in ihrem Zimmer erhängt.

In ihrem kurzen Abschiedsbrief schreibt sie: „Es tut mir leid. Ich weiß, es ist nicht der richtige Weg.“ Und dann zeigt sich noch einmal die Azida, die es gab, bevor das Mädchen begann, an Wunder zu glauben. Sorgfältig hat sie alle ihre Pin-Nummern, Passwörter und Geheimzahlen aufgelistet, die es braucht, um ihr Leben auch bei den Banken und im Internet aufzulösen.

Zur Trauerfeier in Schöneberg kommen viele Menschen, die Azida gekannt und geliebt haben, viel mehr als es sich die Familie hätte vorstellen können. Von den „Freunden“ aus ihrer letzten Gemeinde meldet sich kein einziger. Sebastian Rattunde