Nachruf auf Eugen Gint (Geb. 1981) : Nichts wollen, nichts werden

Bunter Hund, armer Mensch, cooler Typ, Abschaum. Jeder denkt sich seins über den Punk, der an der Straßenecke schnorrt. Der Nachruf auf einen, der älter wurde, als er dachte.

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Eugen Gint (1981 - 2014)
Eugen Gint (1981 - 2014)Foto: privat

"Eugen" steht groß und weiß auf seinem Lederjackenärmel, denn das ist der Eugen für uns alle, ein öffentlicher Mensch, den jeder duzt. Abgerissen steht er an der Ecke Schönhauser Allee, Danziger Straße mit einem Becher in der Hand, in dem ein paar Centstücke liegen. Die einen starren ihn an, die anderen blicken angestrengt in eine andere Richtung, aber jeder denkt sich seins.

„Abschaum“, denken jene, die am wenigsten nachdenken (oder die Angst haben um ihr kleines bisschen Glück, das sie beschützen müssen vor jenen, die noch weniger davon haben).

„Wie bunt dieser Prenzlauer Berg noch immer ist“, denken die Romantiker und sehen in dem Punk ein Bollwerk gegen die Gentrifizierung.

„Ein armer Mensch, man muss ihm helfen“, denken die Empfindsamen und mögen damit recht haben – so lange sie ihm einen Euro in den Becher werfen. Wer ihn retten will aus seinem Sumpf, hinüberziehen in die Welt der Trockenen, Behausten, der wird scheitern.

„Ein cooler Typ, der macht, was ihm gefällt. Zeigt dem sklavenhaften Rest den Stinkefinger.“ Das denken ein paar Nonkonforme. Da ist was Wahres dran; man muss nur freundlich übersehen, dass zum Stinkefinger die Betäubung gehört. Eugens Blick ist glasig, Eugen wankt.

Das bisschen Rebellentum, das legt sich wieder

Er kommt aus Kasachstan, in Karaganda ist er aufgewachsen, einer Großstadt in der Steppe. Ihr Wahrzeichen: der „Palast der Kultur der Bergarbeiter“. Von seinem Portal herab grüßen in Stein gehauene Helden des Sozialismus. Als Eugen in die Schule kommt, Ende der Achtziger, rumpelt der Sozialismus nur noch müde vor sich hin, aber dass aus diesem jungen Schüler ein werktätiger Held werden würde, ist sowieso ganz ausgeschlossen. Eugen fehlt jedes Gespür für die Anforderungen, die die Welt an ihn richtet. Schon in der ersten Klasse schwänzt er die Schule. Er besucht lieber Inga, seine Schwester, im Kindergarten und teilt mit ihr ein Eis.

Warum er so anders ist als die anderen? An den Eltern kann es kaum liegen. Sie versuchen es mit Verständnis, sie versuchen es mit Strenge, ganz egal. Wenn Eugen etwas muss, dann tut er’s nicht. Als die Eltern Stubenarrest verhängen, steigt er aus dem Fenster und fährt hundert Kilometer mit dem Bus zu einem See, um dort zu angeln. Am Abend kehrt er heim und versteht gar nicht die Aufregung. Seine Mutter geht mit ihm zum Psychologen. Der findet den Jungen ganz normal. Das bisschen Rebellentum, das legt sich wieder.

Was Eugen lernen will, das lernt er leicht und schnell. Englisch zum Beispiel, später Deutsch. Er spielt Gitarre und Schlagzeug. Die Eltern schenken ihm eine E-Gitarre, und er verschenkt sie weiter. Mag sein, dass sie teuer war, Eugen hat sich auch sehr darüber gefreut. Aber ist es nicht noch schöner, jemand anderem eine Freude zu machen? Die Dinge und ihr angeblicher Wert – was bedeutet das schon? Man nimmt sich, was man braucht, man verschenkt, was andere brauchen, so sieht Eugen das.