Nachruf auf Valerian Arsène Verny (Geb. 1994) : Nichts auslassen, nichts bereuen

Was macht man mit der Freiheit und den großen Talenten? Erfahrungen sammeln, auf Reisen gehen, das Leben auskosten. Das alles tat Valerian, und dann ging er einen Schritt zu weit.

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Valerian Arsène Verny (1994 - 2014)
Valerian Arsène Verny (1994 - 2014)Foto: Privat

Nichts aufsparen, jetzt ist das Leben! Morgen ist sowieso alles anders, und Vernunft ist was für die Vernünftigen. Sollen die sich über Bausparverträge und Versicherungspolicen beugen, während hinter ihnen die Sonne den Himmel rot anmalt.

Wenn Valerian mit seinen Freunden unterwegs war, kam es vor, dass er anhielt und rief: „Halt, stop! Jetzt wartet doch mal! Seht ihr nicht diesen Himmel?“

Wie er auch lief, dieser komisch tänzelnde Gang, der überhaupt nicht zu dem großen, stämmigen Kerl passte. Die gerade Linie, der kürzeste Weg von A nach B: Was man da alles verpasst im Leben!

Man kann die Spree in Treptow überqueren, indem man über eine Brücke geht, ohne zu ahnen, wie es ist, wenn man fliegt. Valerian ist geflogen, von der Brücke runter in die Spree, mehrmals, bis er sich den Fuß aufgeschnitten hat. Mit der Wunde ist er nach Hause geradelt, von Treptow bis nach Zehlendorf. Nichts auslassen. Nichts bereuen.

Valerian, Sohn einer deutschen Sprechtherapeutin und eines tschechischen Juraprofessors, war vor vier Jahren ans Zehlendorfer Schadow-Gymnasium gekommen und hatte auch hier sehr schnell sehr viele Freunde. Er sei von einem Charme gewesen, erzählt sein Freund Tom, der einem verdächtig vorkam. „Aber dann merkte man: Der ist echt so. Als hätte er die Höflichkeit erfunden.“

Ein Gesegneter, dem die Sympathien zuflogen wie auch die Kenntnisse. Mit Ehrgeiz und Fleiß hätte er locker ein Einser-Abi gemacht. Ohne das wurde es eine Zwei. Auch gut. Warum hätte er die Zeit weniger seinen Freunden und den Romanen widmen sollen und mehr der Schule und dem Lehrstoff? Was hätte er später dann erzählen sollen über die Zeit, die die beste seines Lebens sein sollte (wie jede davor und danach auch)? Da hab ich für Chemie und Bio gelernt?

Selbstverständlich kann man auch sagen, dass er Tage und Wochen vertan hat mit Dingen, die ihn nicht vorwärts brachten. Vorwärts aber kann nur der gehen, der weiß, wo vorn ist.

Valerian hat viel Zeit mit seinem iPhone verbracht – aber nicht um zu spielen. Gegenüber den alten Tastentelefonen hatte es den Vorteil, dass er damit Mitteilungen in Brieflänge schreiben konnte, ohne dass ihm die Finger hinterher abfielen. Mochten die, denen die Sprache nichts galt, sich mit 160 Zeichen pro SMS begnügen.

Viola war seine beste Freundin an der Schule. Am 1. Januar 2012 entschieden sie: Ab jetzt bis zum Abi sind wir ein Paar. Ein halbes Jahr gaben sie sich, jetzt war es schön, wer wusste denn, was dann sein würde. Bloß nicht klammern.

Nach dem Abitur war es immer noch schön, nur dass sie jetzt viel freier waren. Was macht man da? Eine große Reise, ganz weit weg, die Welt stand offen. Das Geld, das die Reisefreiheit kostete, erjobbten sie sich in Cafés, und im Februar 2013 ging es los: drei Monate Südafrika.

Ein luxuriöser Testlauf fürs Leben. Nicht weil das Geld üppig war, im Gegenteil, das Geld war knapp. Luxus war Ferne. Niemand da, der nach Plänen forschte, Studienwünsche abfragte. Was interessierte es die Südafrikaner, was Valerian mal werden wollte. Es ging nur darum, klarzukommen; mit dem bisschen Geld, das da war, so viel wie möglich zu erleben. Und fürs Geld, so hatten sie es ausgemacht, war Valerian zuständig, Viola für die Organisation. Wahrscheinlich wäre es einfacher gewesen, wenn sie auch die Kasse übernommen hätte, aber da dachte sie ganz mütterlich: Das soll der Junge jetzt mal machen. Bis auf die Sache mit den Avocados hat’s gut funktioniert. Valerian fand, so gut wie die schmecken, sollte man zu jedem Frühstück welche haben. Viola fand das nicht, denn Avocados waren auch in Südafrika nicht billig.

Einen Monat verbrachten sie in einer Art Hippie-Hotel. Sie halfen dort aus, dafür waren Essen und Unterkunft umsonst. Und Viola erlebte Valerian von einer ganz neuen Seite: Er stand früh auf, tat lauter praktische Dinge, hackte Holz, kochte. Sogar für das Grünzeug drum herum, das man Natur nennt, konnte er sich begeistern.

Und dann gab es das Gespräch mit diesem alten Typen, der über Außerirdische und Seelenwanderung redete. Ganz so weit mochte Valerian ihm nicht folgen. Aber dass nach dem Tod noch was kommen würde, da war er sich sicher. Deshalb, fand er, muss man davor auch keine Angst haben. Man kann das mit Spannung erwarten.