Nachrufe : Renate Merkel-Melis (Geb. 1937)

30.11.2012 14:09 UhrVon Maria Hufenreuther

Widersprüche nahm sie stumm hin. Sie blieb bei ihren Quellen

Wer sich mit ihr über Politik unterhalten wollte, wurde enttäuscht. Das war vor 1989 so und danach erst recht. Ihr ging es um die Wissenschaft, um jedes einzelne Wort, das Marx und Engels geschrieben hatten.

Sie war in der Partei, sie war rot, aber sehr leise. Das Reden überließ sie gern anderen. Zu ihrem 70. Geburtstag gab es ein Festkolloquium; da war sie gezwungen, im Mittelpunkt zu stehen und sich würdigen zu lassen.

Professor Renate Merkel-Melis, Schülerin am altsprachlichen Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster; Studentin für Slawistik und Romanistik an der Humboldt-Universität; als Marx-Engels-Forscherin am Institut für Marxismus-Leninismus (IML); promovierte Miteditorin der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA), zu der bis heute an der Akademie der Wissenschaften aber auch international geforscht wird. Berufung zur Professorin. Besondere Verdienste um den „Anti-Dühring“ von Friedrich Engels und die Entschlüsselung der Handschriften von Marx und Engels, die gelegentlich unter Pseudonym verfasst wurden.

Bei aller Bescheidenheit – das Festkolloquium war ein später Trost: Nach der Auflösung des Instituts 1990 wollte man sie bei der Akademie nicht fest anstellen. Mit 52 Jahren war die Professorin zu alt. Als freie Mitarbeiterin arbeitete sie dennoch weiter an der Marx-Engels-Gesamtausgabe. Kollegen aus Dänemark, den Niederlanden und Russland wollten nicht auf sie verzichten. Und sie selbst hätte auf ihre Arbeit nicht verzichten können.

Das Proletarierkind Renate Schultz vom Prenzlauer Berg schleppte Steine aus den Trümmern der zerbombten Stadt in sogenannten Aufbauschichten, 1946 starb die Mutter. Die Stiefmutter erzog sie zu Disziplin und Ordnung und der Vater zur Musterschülerin zwischen Arzt- und Pfarrerskindern. Sie sollte es besser haben in der neuen klassenlosen Gesellschaft.

Renate machte das Abitur mit Eins und heiratete danach den FDJ-Sekretär ihrer Schule, Gerhard Merkel. Der wurde Offizier bei der Nationalen Volksarmee: „Je stärker der Sozialismus, desto sicherer der Frieden“.

Sicherheit war vielleicht ihre größte Sehnsucht. Mit ihrer Mutter hatte sie nächtelang in Berliner Luftschutzkellern gezittert. Als ein sowjetischer Soldat sie dort herausführte, erlebte sie das als Befreiung. Die Roten, das waren die Guten für sie. Nie wieder Krieg!

Widersprüche zwischen den Ideen von Marx und dem real existierenden Sozialismus in der DDR nahm sie stumm hin, blieb bei ihren Quellen.

Auch privat sicherte sie den Frieden, erzog die Wunschkinder Peter und Ute, promovierte in der Wohnstube und kümmerte sich um den Haushalt der Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Prenzlauer Berg. Tägliches Schuheputzen, tägliches Staubwischen, bei Merkels war immer alles tipptopp. Nach außen ein perfekt normales Leben mit Ostseeurlaub, Familienfeiern und selbst gemachter Marmelade, durchorganisiert.

Im Februar 1989 reichte sie die Scheidung ein, und ihr Mann Gerhard fiel aus allen Wolken. Sie hatte François Melis im Institut kennengelernt. Die Kinder waren groß, und als François sich von seiner Frau trennte, begann ihr zweites Leben. Im Kapitalismus. In einer glücklicheren Ehe im Haus mit Garten in Altglienicke und mit mehr Zeit für die Forschung, für Archivreisen in die USA. Harte Arbeit blieb ihre Existenzberechtigung, Nachweis der eigenen Lebendigkeit. Selbst im Kalifornienurlaub lief sie mit François in die Archive.

Eingekauft wurde freitags beim Discounter, Geld verteilte sie großzügig an die Kinder und Enkel. Sparsamkeit war oberste Pflicht, Geschwätz, Luxus oder die eigenen Probleme nach außen zu tragen tabu. Mit Doktor oder Professor ließ sie sich nicht ansprechen. Keine Angriffsfläche bieten, Konflikte vermeiden, Ansprüche mit Einsatz erfüllen. So war alles erreichbar.

Wenn es seit 2007 nicht die Depressionen gegeben hätte. 2009 ging sie damit zum Arzt. Als sie sich nach zwei Jahren erholte, fanden die Ärzte die ersten Metastasen. Renates Mutter und den geschiedenen Ehemann hatte der Krebs weggerafft. Der Vater war mit 60 gestorben.

Sie lebte weiter, tapfer, arbeitete zwischen Chemotherapie und Bestrahlung am Briefband III/30. Noch einige Tage vor ihrem Tod schrieb sie Bemerkungen, Hinweise und Korrekturen zu 406 Briefen von Friedrich Engels. „Mir geht’s gut, ich habe sogar gearbeitet.“ Das Sterben dauerte ein Jahr und am 1. Oktober stundenlang. Dann konnte sie sich endlich fallen lassen. Maria Hufenreuther

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