Nachrufe : Torsten Witt (Geb. 1963)

Er bewunderte Jörg Haider. Und hoffte auf ähnliche Erfolge.

Candida Splett

Im Haus der „Pennälerverbindung Borussia“ hängen Porträtfotos an der Wand. Darauf die „alten Herren“, diejenigen also, die ihr Abitur bereits abgelegt haben. Ganz unten hängen die Fotos der jüngsten alten Herren, oben die der Gründer der Schülerverbindung und ganz oben, allein, hängt das Foto von Torsten Witt.

Er wuchs als Sohn eines Zahnarztehepaars in einer Villa in Westend auf. Die Familie verbrachte ihre freie Zeit meist in der Studentenverbindung des Vaters, der dort auch „Paukarzt“ war. Er nähte die Schmisse, die Verletzungen, die sich die Studenten beim Fechten der „Mensur“ zufügen. Mit diesem Ritual bekannten sie sich zum „Lebensbundprinzip“, dazu also, dass sie ein Leben lang füreinander einstehen wollen. Faszinierend für den kleinen Jungen, dem diese Dinge wichtig bleiben: Ehre, Freiheit, Freundschaft, Vaterland. Später wird er sagen, er sei ein „Nationalliberaler“.

Als Anfang der achtziger Jahre Friedensbewegte gegen die Nachrüstung demonstrieren, sammelt er Unterschriften für den Nato-Doppelbeschluss. Als Mitglied der CDU-nahen Schülerunion überzeugt er andere nationalistisch Gesinnte zum Beitritt und verschiebt so die Machtverhältnisse im Verband nach rechts außen. Überzeugen konnte er gut, sagen die Freunde, wenn auch weniger mit Argumenten als durch sein Wesen. Er war ein aufmerksamer Zuhörer, charismatisch, „irgendwie cool“. Dazu die Reinhard- Mey-Stimme, die auch mal schneidend werden konnte. Und die eindringlichen, braunen Augen.

Doch für die kontinuierliche Parteiarbeit taugt er wenig. Im Streit verlässt er die CDU, versucht in Gefolgschaft von Alexander von Stahl die „nationalliberale“ Machtübernahme der Berliner FDP, scheitert und tritt wieder aus. Er bewundert Jörg Haider, den österreichischen Rechtspopulisten. Und hofft womöglich auf ähnliche Erfolge.

Als Landesvorsitzender des „Bundes Freier Bürger“ schließlich tritt er gegen den Bau des Holocaust-Mahnmals ein, das, so meint er, nur dem Zweck diene, „unser Volk auf Generationen hinaus mit Schuldgefühlen zu belasten“. Auch gegen den „Zustrom von Ausländern“ ist er und gegen die „Entrechtung der deutschen Heimatvertriebenen“. Tragisch, sagen seine Freunde – weil der Bund Freier Bürger eine unbedeutende Splittergruppe war. „In der CDU hätte er was werden sollen!“ Doch keins seiner Projekte vermag er konsequent zu verfolgen: nicht die politische Karriere, nicht sein Zahnmedizinstudium.

1984 gründet er die „Berliner Jugendpresse“, den späteren „Verband Junger Journalisten“. Hier sammeln sich Journalisten, die sich dem rechten Lager zugehörig fühlen. Klare Grenzen nach Rechtsaußen zieht Torsten Witt nicht. Er organisiert Seminare, Fahrten und seinen geliebten Jugendpresseball, der Jahr für Jahr größer wird.

Als Nachwuchsbecken für die Verbindung seines Vaters, der er inzwischen selbst angehört, gründet er 1986 die „Pennälerverbindung Borussia“ mit den Verbindungsfarben Schwarz, Weiß und Gold. Schwarz und Weiß für Preußen, Gold für das Lebensbundprinzip. Feiert die Verbindung ein Fest, dann ist er in seinem Element: Er schleppt alles an, was er als Barkeeper braucht und mixt die Cocktails. Er mag es auch, wenn die Schüler zu ihm aufsehen, wenn er als „alter Herr“ durch den Saal schreitet.

Anfang der neunziger Jahre wird Torsten Witt krank. Multiple Sklerose, glauben die Freunde, denen er kaum Persönliches erzählt. Er erfüllt sich noch einen Traum und eröffnet das „O-Ton“, ein Journalistencafé in der Knesebeckstraße. Am wöchentlichen Stammtisch treffen sich Journalisten von der „Jungen Freiheit“, der „Morgenpost“, von SAT.1 oder 100,6. Lange jedoch kann er das Café nicht halten. Er bleibt Freunden Geld schuldig. Mit vielen verstreitet er sich.

2004 dann ein letzter Coup: Er tritt mit 44 Mitgliedern seines Verbandes Junger Journalisten dem Deutschen Journalistenverband Brandenburg bei und lässt sich von ihnen zum Vize-Vorsitzenden wählen. Als der Bundesvorsitzende ihn zum Rücktritt auffordert und einen Rechtsextremisten nennt, klagt er erfolglos. Weil er Kontakte zu entsprechenden Gruppen gepflegt habe, darf man ihn so bezeichnen. 2005 tritt er zurück.

Womit Torsten Witt sein Geld verdient, weiß keiner seiner Freunde so genau. Am Schluss wohl mit dem Reisebüro, das er gemeinsam mit seiner Freundin betreibt.

Nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt, zieht er sich von allen Freunden zurück. Auch von der Freundin trennt er sich. Das Buch, das er zuletzt liest und das ihn tief bewegt, ist Hermann Hesses „Unterm Rad“. Der Held, Hans Giebenrath, ein begabter, doch kränklicher Junge, in den alle ihre Hoffnungen setzen, nicht zuletzt er selbst, glaubt am Ende, gescheitert zu sein.

„Warum hatte man ihm das hohle, gemeine Ideal eines schäbigen, aufreibenden Ehrgeizes eingeimpft? Nun lag das überhetzte Rößlein am Weg und war nicht mehr zu brauchen.“