Neue Prognose verschärft Lehrermangel : 40.000 Schüler mehr in Berlin als erwartet

Alle Prognosen übertroffen: Bis 2023/24 rechnet Berlin mit 75.000 zusätzlichen Schülern - 40.000 mehr als erwartet. Da fehlen nicht nur Lehrer.

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Junge Lehrer müssen her - wegen der Pensionierungswelle, wegen der Zuzüge und wegen der Flüchtlinge.
Junge Lehrer müssen her - wegen der Pensionierungswelle, wegen der Zuzüge und wegen der Flüchtlinge.Foto: Britta Pedersen/dpa

An den Berliner Schulen werden in den nächsten acht Jahren 3000 mehr neue Lehrer benötigt, als noch vor einem Jahr erwartet worden war. Insgesamt müssen bis zum Schuljahr 2023/24 mehr als 16.000 Neueinstellungen erfolgen. Das geht aus einer aktuellen Modellrechnung der Senatsbildungsverwaltung hervor. Der hohe Bedarf hängt mit dem enormen Anstieg der Schülerzahlen zusammen. Die Senatsprognose geht von zusätzlichen 75.000 Schülern aus – ein Anstieg von 25 Prozent. Die höchsten Zuwächse gibt es im Bezirk Lichtenberg. Um den Bedarf zu decken, wirbt die Bildungsverwaltung auch um Lehrer aus Österreich und den Niederlanden.

Wenn man es positiv sehen will, könnte man sagen, dass die Berliner Lehrer immer jünger werden. Wenn man es negativ sieht, dann kann man um die pädagogische Qualität fürchten, weil in Berlin zunehmend Quereinsteiger und anderswo chancenlose Lehrer unterrichten. Fest steht jedenfalls, dass Berlin viel mehr Lehrer braucht als erwartet.

Der Lehrerbedarf steigt nochmal um 3000 Kräfte

Bis zum Schuljahr 2023/24 müssen rund 16 000 Pädagogen neu eingestellt werden, das sind 3000 mehr als bei der letzten Prognose vor einem Jahr. Die meisten Neueinstellungen sind der Pensionierungswelle geschuldet, rund 5000 zusätzliche Stellen sind dem Schülerzuwachs zuzurechnen. Das geht aus einer Modellrechnung der Senatsbildungsverwaltung hervor, die am Mittwoch im Hauptausschuss behandelt werden soll. Besonders an Grund- und Sekundarschulen steigt der Bedarf. An den Grundschulen werden bis 2020/21 auch 1000 Erzieher mehr benötigt.

Dieser immense Zuwachs beim pädagogischen Personal hängt mit den neuen Prognosen zu den Schülerzahlen zusammen. Noch vor einem Jahr rechnete man mit etwa 35 000 Schülern mehr, jetzt werden bis 2024/25 rund 75 000 Schüler zusätzlich erwartet. Besonders eng wird es in den nordöstlichen Bezirken. In Lichtenberg wächst die Schülerzahl in den nächsten neun Jahren um rekordverdächtige 47 Prozent. Starke Steigerungen werden auch in Treptow-Köpenick (+35 Prozent), Spandau (+32 Prozent), Marzahn-Hellersdorf (+30 Prozent) und Pankow (+29 Prozent) erwartet. Das liegt an den großen Neubaugebieten dort, aber auch der Zuzug von Flüchtlingen spielt eine Rolle. Die niedrigsten Zuwächse gibt es in Friedrichshain-Kreuzberg, Steglitz-Zehlendorf, Tempelhof-Schöneberg und Neukölln, dort wird ein Plus von 14 bis 17 Prozent prognostiziert.

Bis nach Österreich und die Niederlande reicht inzwischen die Anwerbekampage der Berliner Bildungsverwaltung.
Bis nach Österreich und die Niederlande reicht inzwischen die Anwerbekampage der Berliner Bildungsverwaltung.Foto: Senatsverwaltung für Bildung

Doch wo sollen all die Lehrer herkommen? Die Bildungsverwaltung gibt sich optimistisch, alle Einstellungen für das nächste Schuljahr zu schaffen. „Wir sind zuversichtlich“, sagt Sprecherin Beate Stoffers. Im Februar waren von den dieses Jahr benötigten 2365 Einstellungen 936 erfolgt. Aus eigenen Kräften kann das Land den Bedarf jedenfalls nicht decken. In den letzten beiden Semestern wurden an den Berliner Universitäten nur 1300 Lehramtsstudierende fertig. Wie berichtet wirbt die Bildungsverwaltung auch um Lehrer aus anderen Bundesländern, Österreich und Niederlanden. Zudem werden in Mangelfächern Quereinsteiger eingestellt, an Grundschulen unterrichten zunehmend Studienräte.

Es sind kaum noch Grundschullehrer auf dem Markt

Wie dramatisch gerade die Lage an den Grundschulen ist, geht aus der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Politikerin Stefanie Remlinger hervor. Zu Beginn des neuen Halbjahres wurden an Grundschulen 81 Quereinsteiger, 143 Studienräte – und nur 120 Grundschulpädagogen eingestellt. „Für die Arbeit mit Schulanfängern braucht man besondere Kompetenzen. In diesen Jahren werden die Grundlagen für den Schulerfolg gelegt. Genau deshalb müssten wir die Grundschulpädagogik stärken. Stattdessen steuern wir in die andere Richtung“, kritisiert Remlinger.

An den Berliner Unis stünden noch immer zu wenig Studienplätze für Grundschulpädagogen zur Verfügung. Das kritisiert auch die GEW. „Der Lehrermangel ist ein hausgemachtes Problem“, sagt der Vorsitzende Tom Erdmann. Im April diesen Jahres wurden die Studienplätze für Grundschullehrer an FU und HU von 300 auf 600 erhöht. „Nötig wären mindestens 1000“, sagt Erdmann.

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