Nutzung von Dächern : Die Stadt über Berlin

Es gibt noch jede Menge Platz – über unseren Köpfen. Auf Dächern kann Fußball gespielt, Wasser geklärt und Gemüse angebaut werden. Man muss es nur wollen. Ein Erkundungsgang in luftiger Höhe.

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Der Solaraufbau des „Projekts Rooftop“ von TU und UdK Berlin bietet nicht nur Wohnraum - er würde auch das Mutterhaus mit Strom versorgen.
Der Solaraufbau des „Projekts Rooftop“ von TU und UdK Berlin bietet nicht nur Wohnraum - er würde auch das Mutterhaus mit Strom...Simulation: Teamrooftop/Saqib Aziz

Samstagnacht, neun Leute auf einem Dach irgendwo in der Sonnenallee. „Lauf nicht so nahe an den Rand, Simikka“, ruft Georg, „ich kann das nicht mit ansehen“. Der 27-Jährige drückt sich noch ein wenig enger an den Schornstein. Die Dachpappen sind warm und weich von der Sonne, aus einem Schornstein riecht es nach Fisch, den ein Hausbewohner am Abend gebraten hat.

Die blonde Neuberlinerin ist inzwischen unbeschadet zurück, liegt auf dem Rücken und genießt die Aussicht. Gespräche fließen nur mit langen Unterbrechungen dahin, es gibt einfach zu viel zu schauen: die Signallichter der wenigen hohen Gebäude Berlins, schlafende Kräne, aufmüpfige Baumspitzen – und unzählige weitere grauschwarze Dachflächen, leer, nur gespickt mit Antennen und Ziegelschornsteinen, die meisten davon längst zusammen mit den Kohlenheizungen stillgelegt. „Ganz schön viel Platz hier oben“, sagt jetzt Andreas, der tagsüber Architekt ist. „Ja, da könnte man so einiges machen“, antwortet Georg, Stadtplaner. „Aber es passiert ja bereits.“ Die beiden zählen Beispiele auf: neue Wohnmodule, so entwickelt, dass sie auf Dächer aufgesetzt werden können. Begrünung, die bessere Dämmung ermöglicht und gleichzeitig das Stadtklima verbessert. Gewächshäuser und Solarmodule. „Oder eben das, was wir hier machen“, sagt Georg und grinst, „das ist ja auch ganz gut.“

5000 Fußballfelder Fläche über der Stadt

Erlaubt ist der nächtliche Ausflug der neun nicht. Es ist aber momentan die häufigste Nutzung von Berliner Dächern. Darüber hinaus hat sich jedoch in den letzten Jahren eine wachsende Zahl von Firmen, Forschungsgruppen und Verbänden aufgemacht, auszuloten, wie die Flachstadt Berlin vorsichtig in Richtung Himmel ausgedehnt werden könnte. Denn je knapper und teurer innerstädtischer Raum wird, je weniger Freiflächen übrig bleiben, die bebaut, bepflanzt, belebt werden können, desto lukrativer wird es, die nahezu unbegrenzten Flächen über unseren Köpfen zu nutzen. In Berlin sind es an die 40 Millionen Quadratmeter, schätzt ein Experte, weit mehr als 5000 Fußballfelder. Und auch wenn der vertikalen Erweiterung durch Regeln wie Traufhöhe und Denkmalschutz oder den sandigen Boden enge Grenzen gesetzt sind, erwacht sie schon jetzt ganz langsam zum Leben – die Stadt über Berlin.

Zeit für einen Erkundungsgang zwischen Dachgebälk und Spätsommerhimmel.

Am Boden herrscht Platzmangel

„Etwas dünn besucht heute“, sagt Frederike Faust und verteilt neonorange Plastikhütchen auf dem schreiend grünen Kunstrasen. „Ja, Sommerloch!“, ruft Jenny Coen zurück, während die sieben Fußballerinnen vom DFC Kreuzberg anfangen, sich warm zu machen. „Die anderen sind wohl noch nicht aus dem Urlaub zurück.“ Ihre Teamkolleginnen verpassen etwas: Fußballtraining im wohl spektakulärsten Licht des Jahres, Mitte August, sieben Uhr abends, in zwölf Meter Höhe, keine Wolke am Himmel – auf einem Baumarktdach mitten in Kreuzberg.

Der Hellweg-Baumarkt steht direkt am S-Bahnhof Yorckstraße, groß, weiß, mit dem üblichen überdimensionierten Parkplatz davor. Er ist das Ergebnis eines Kampfes. Ob und wie der Baumarkt auf dem sogenannten Yorckdreieck gebaut werden würde, war heftig umstritten. Die Kreuzberger SPD argumentierte kurz vor Baubeginn 2013, es bräuchte nun wirklich dringender neue Wohnungen als einen weiteren Baumarkt. Die Grünen hingegen, damals noch unter Bezirksbürgermeister Franz Schulz, hielten den Markt für die ökologischere Lösung, wegen des Luftaustauschs und der Sichtachse über den Gleisdreickpark. Aber eben auch deshalb, weil Hellweg versprochen hatte, auf dem Dach einen Sportplatz zu bauen, auf eigene Kosten. Und in Kreuzberg herrscht Platzmangel.

„Es ist wahnsinnig schwer, Zeiten fürs Training zu bekommen“, sagt Friederike Faust. In Berlin gibt es seit Jahren zu wenige Sportplätze, in Friedrichshain-Kreuzberg sowieso. Der Bezirk ist so dicht besiedelt wie kein anderer, hier wohnen so viele Menschen pro Fläche wie in den dicht besiedeltsten Gebieten von London. Weil hier zudem überdurchschnittlich viele junge Leute wohnen, können die bestehenden Sportplätze die Nachfrage nach Trainingszeiten kaum noch bedienen. Vor allem neue Vereine haben es schwer, einen der begehrten Termine nach Feierabend zu ergattern.

Die Frauen trainieren auf dem Dach des Hellweg-Baumarkts an der Kreuzberger Yorkstraße.
Die Frauen trainieren auf dem Dach des Hellweg-Baumarkts an der Kreuzberger Yorkstraße.Foto: DAVIDS/Guenter Peters

Der DFC Kreuzberg, gegründet 2012, hat es aber noch aus einem anderen Grund schwer: DFC, das steht für Discover Football Club, ins Leben gerufen von Frauen wie Faust und Coen, weil „wir endlich unter Bedingungen trainieren wollten, die den Bedürfnissen von Frauen entsprechen“. In vielen Fußballvereinen, so Faust, kriegen die Frauen nur die schlechtesten Trainingszeiten ab, müssen die aussortierten Trikots der Männer-A-Jugend tragen und bekommen dann auch noch sexistische Sprüche ab. Die 31-Jährige spricht nicht nur aus persönlicher Erfahrung, als Ethnologin promoviert sie über Frauenfußball. „Bei uns ist das anders“, sagt sie stolz, „bei uns spielen wir nicht auch mit, wir sind der Verein.“ Und dieses „Wir“ legt Wert darauf, dass alle mitmachen können, die wollen. Egal wie alt, egal woher, und auch egal, wenn diejenigen nicht eindeutig Mann oder Frau sind oder sein wollen. Das scheint aufzugehen. Seit der Gründung wächst der Verein rasant.

Die Statik macht es schwierig

Es ist eine seltsame Zwischenhöhe, auf der Faust, Coen und ihre Mitspielerinnen nun lange Schatten auf den Plastikrasen werfen. Die Häuser ringsherum wirken, als seien sie unterhalb des zweiten Stockwerks abgeschnitten worden, der Wind ist angenehm frisch, die Geräusche von der Straße gedämpft, wie die Klangkulisse in einem Freibad. „Dit is locker ein Einfamilienhaus, auf dem Sie da sitzen“, sagt jetzt Ralf Heinig, „Platzwart seit dem ersten Tach“. Er stand bislang nur beobachtend am Rand und deutet jetzt auf den Kunstrasen. Ganz leicht sei der, „made in Germany“, und deswegen wohl so teuer wie besagtes Haus. Auf dem Platz, der nun offiziell dem Bezirk gehört, sei nur „das Beste vom Besten“ verbaut worden, verkündigt der 61-Jährige mit dem grauen Haarkranz, während er immer noch breiter grinst. Befüllt ist der Rasen mit Granulat, um Feuchtigkeit zwischen den Plastikhalmen zu halten, „ made in Italy, 26 000 Euro allein für das Gummizeug“. Eingefasst ist das Kleinfeld in Gummiverbundpflaster, leichte weiche Spezialsteine. Überhaupt ist alles so leicht wie möglich, „wegen der Statik“. Deshalb dürften hier auch nur maximal 300 Leute auf einmal hoch.

Alles in allem ein Spitzenplatz, wie die Spielerinnen und der Platzwart finden, selbst nachts und im Winter bespielbar, dank LED-Strahlern und beheiztem Baumarkt darunter. Einziger Nachteil für Ralf Heinig: „Im Winter ein bisschen zu kalt, im Sommer ein bisschen zu warm.“ Die Sonne heizt die Fläche auf. „46 Grad hat das Thermometer an meinem Häuschen letzte Woche angezeigt.“

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