Berlin : Paul und Paula für jedermann

Berliner Filmfirma wertet den Schatz der Defa aus

Marion Hartig

Berlin - Mit DDR-Filmen hatte Brigitte Miesen früher nie etwas zu tun. Zwar kam sie aus der Filmbranche, aber der im Westen. Dann, Ende der 90er Jahre, sah sie den Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und Konrad Wolfs „Ich war 19“. Ihr Kollege Gerhard Sieber hatte ihr empfohlen, sich die Filme anzusehen. Ob sie sich vorstellen könne, mit ihm ein Unternehmen zu gründen, fragte er sie. Eines, das exklusive Filmstoffe vertreibt: Defa-Produktionen. Sie konnte sich das ziemlich schnell vorstellen.

„Tolle Filme“, sagt Miesen heute. Das muss sie wohl auch sagen: Seit Dezember 1997 führt sie mit Sieber die Berliner Firma Icestorm, den Vertrieb, der Defa-Filme auf DVD, vereinzelt auch auf Video, in die Läden bringt – nicht nur im Osten von Deutschland. Weltweit interessiert man sich heute für die unter dem DDR-Regime entstandenen Arbeiten. Sogar in den USA, in Namibia und China sind die englisch untertitelten Filme gefragt. Demnächst soll es sogar eine japanische Version von Frank Beyers „Jakob der Lügner“ geben.

Die Geschäftsführerin sitzt energiegeladen auf der Kante ihres Ledersessels, in einem Büro mit viel Glas, über den Dächern der Friedrichstraße. Die Zukunft kann kommen. Bis 2010 hat Icestorm die Verwertungsrechte von der Firma Progress, dem Nachfolger des VEB Defa-Außenhandel, erworben, die wiederum die Rechte der 1999 gegründeten Defa-Stiftung hält.

Angefangen hat die Erfolgsgeschichte mit Märchenfilmen. Dann kamen Indianerfilme, Spielfilme und Dokumentarfilme dazu. Mehr als 350 Produktionen sind bisher erschienen. Damit ist das Defa-Erbe aber noch lange nicht ausgeschöpft. Die Filmgesellschaft hat einen Fundus von 13 000 Werken hinterlassen.

Warum plötzlich dieses Interesse an DDR-Filmen? Allgemeine Ostalgie ist es nicht, glaubt Brigitte Miesen. Eher so etwas wie eine subjektive Rückbesinnung auf das Vergangene. „Kindheit, Jugend, Erwachsensein, das verbindet man doch immer mit bestimmten Filmen“, sagt sie. Und diese Filme mache Icestorm nun für die ehemaligen DDR-Bürger wieder zugänglich. Im Westen und im Ausland dagegen sehe man sich die Filme aus anderen Gründen an: als zeithistorische Dokumente, als filmtechnisch durchaus sehr niveauvolle Arbeiten und auch aus dem einfachen Grund, weil viele Filme gut unterhalten. Zu den am meisten verkauften Filmen gehören „Die Legende von Paul und Paula“, „Die Abenteuer des Werner Holt“, „Nackt unter Wölfen“, „Heißer Sommer“ und „Spur der Steine“.

Damit, dass auch Filme im Programm sind, die von unliebsamen Szenen und Dialogen befreit wurden, hat sie kein Problem. „Westfilme sind genauso von Propaganda durchsetzt“, glaubt sie. „Jeder Film hat seine Sendung.“ Die Filmwelt der DDR ist für sie ein spannendes Zeitzeugnis. Das allerdings mitunter nicht unkommentiert bleiben kann.

„Befreiung“, einer der sowjetischen Klassiker, die Icestorm gleichfalls im Programm hat, ist solch ein Film. Das dreiteilige Kriegsepos von Juri Oserow, in der DDR Pflichtfilm für Schüler, handelt vom Sieg der Roten Armee über Deutschland. „So etwas kann nicht ohne Kommentar stehen“, sagt Miesen. Icestorm verkauft den Film nur mit Begleitbuch und DVD-Bonusmaterial mit wissenschaftlichem Kommentar. Die Geschäftsführerin spricht von der Verantwortung, die das Unternehmen habe. Das Bonusmaterial ordne diesen in seine Zeit ein.

Überhaupt ist es dieses zusätzliche Filmmaterial, das die Defa-DVDs so sehenswert macht: Kurzfilme, die den Hauptfilm in Beziehung zum Damals wie zum Heute setzen. Da werden zum Beispiel Schauspieler, Regisseure und Komponisten befragt, wie sie heute ihren Film sehen. Sie erzählen spannende Geschichten zur Entstehung, über ihre Haltung zur DDR und wie sich ihre Biografie mit dem Film und später mit der Wende verändert hat. „In unserer Arbeit sehen wir die Chance, das Verständnis zwischen West und Ost zu fördern“, heißt es auf der Icestorm-Internetseite. Die Filme allerdings werden oft mit weniger kulturpolitischem Anspruch ausgewählt: Icestorm sammelt die Wünsche von Kunden, reicht sie bei der Firma Progress ein, die wiederum die Freigabe der Rechte bei der Defa-Stiftung in Auftrag gibt. Angebot und Nachfrage – ein Grundprinzip der Marktwirtschaft .