Pisa-Streit : Experte lobt Berlins Grundschulen

Neuer Streit um Berlins Bildung: Der Pisa-Forscher Jürgen Baumert widerspricht einer früheren Studie, wonach die grundständigen Gymnasien besser sind fürs Lernen. Obendrein findet er lobende Worte für das sechsjährige Grundschulmodell in Berlin.

Susanne Vieth-Entus
Baumert
Jürgen Baumert

Auf Berlin kommt eine neue Diskussion über den Nutzen eines vorzeitigen Übergangs auf die Gymnasien zu. In einer aktuellen Untersuchung, die dem Tagesspiegel vorliegt, widerspricht der renommierte Bildungswissenschaftler Jürgen Baumert der Annahme, dass die grundständigen Gymnasien in den Klassen fünf und sechs bei besonders leistungsfähigen Schülern generell eine bessere Förderung der Lesefähigkeit und des mathematischen Verständnisses der Schüler erreichen als die Grundschulen. Damit widerspricht er seinem Kollegen Rainer Lehmann, der nach der Auswertung seiner „Element-Studie“ vor einem Jahr behauptet hatte, es gebe solche Fördereffekte.

Das Forscherteam um Baumert bestreitet, dass die frühe Flucht aus der Grundschule Sinn macht: „Die Entwicklungskurven von Spitzenschülern verlaufen in der Grundschule und in der Unterstufe der grundständigen Gymnasien parallel und zwar nicht nur im Lesen, sondern ... auch in der unterrichtsabhängigen Domäne Mathematik“, heißt es zusammenfassend. Dies müsse für die grundständigen Gymnasien „ein Grund zur Nachdenklichkeit“, für die Grundschulen aber „ein Kompliment“ sein. Die Forscher bezeichnen es als „fraglich, ob die Gymnasien die Förderung der Lesekompetenz als akademische Aufgabe aller Fächer bislang überhaupt entdeckt haben“.

Allerdings schränkt Baumert die Bedeutung seiner Befunde auch gleich wieder ein, indem er betont, dass Leseverständnis und Mathematik zwar zu den Basiskompetenzen gehörten, „aber nicht den Kern der Bildungsprogramme der grundständigen Gymnasien treffen“. Deshalb sagten die Befunde „nichts über die Erfüllung des spezifischen Bildungsauftrags dieser Schulen aus“.

Die Bildungsverwaltung zeigte sich am Mittwoch erleichtert über Baumerts Aussagen. Damit werde der Berliner Weg bestätigt, der generell von einer sechsjährigen Grundschule ausgehe und nur für knapp acht Prozent der Schüler Ausnahmen zulasse. Diese acht Prozent wechseln nach der vierten Grundschulklasse auf rund 30 Gymnasien und eine Gesamtschule, die besondere Profile anbieten: Dazu gehören altsprachliche und mathematisch-naturwissenschaftliche Züge, aber auch bilinguale mit Japanisch oder Spanisch sowie die 13 Expresszüge für Hochbegabte, die generell die achte Klasse überspringen.

Lehmanns Studie hatte im April 2008 viel Aufsehen erregt. Insbesondere die Grundschulen waren empört darüber, dass der angesehene HU-Wissenschaftler Eltern ermunterte, leistungsstarke Schüler vorzeitig aus der Grundschule herauszunehmen. Der Bildungsforscher hatte seine Studie dahingehend zusammengefasst, „dass der mutmaßlich anspruchsvollere Gymnasialunterricht in den Klassenstufen 5 und 6 in allen dort vorhandenen Leistungsgruppen höhere Lernerfolge zeitigt“. Man müsse sich daher fragen, „ob nicht aus gesellschaftlicher Sicht ein hohes Interesse daran besteht, dieses Potential optimal zu fördern“.

Sofort nach Bekanntwerden der Lehmann-Thesen hatten sich Zweifler gemeldet und warfen ihm vor, die erhobenen Daten falsch interpretiert zu haben. Insbesondere rief Lehmann alle Befürworter der sechsjährigen Grundschule auf den Plan, die nun fürchteten, es würden noch mehr Eltern versuchen, ihre Kinder frühzeitig auf die Gymnasien zu bringen. Daraufhin bat die Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) den für die erste „Pisa-Studie“ verantwortlichen Baumert um eine „Reanalyse“ der Lehmann-Daten. Diese liegt jetzt vor und erscheint in der nächsten Ausgabe der „Zeitschrift für Erziehungswissenschaft“. Ob der 27-seitige Aufsatz allerdings dazu angetan ist, die Elternentscheidungen beim Übergang zum Gymnasien zu beeinflussen, bleibt fraglich: Für sie zählt, dass sie in den grundständigen Klassen insgesamt ein höheres Lernniveau und eine sozial ausgewählte Schülerschaft erwarten.

Lehmann selbst begründete die unterschiedlichen Ergebnisse in seiner Studie und Baumerts „Reanalyse“ am Mittwoch mit „Unterschieden in der methodischen Vorgehensweise“. Er werde seine Sicht der Dinge „zeitnah nochmals präzisieren“, kündigte er gegenüber dem Tagesspiegel an.

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