Berlin : Plötzlich stand Kubrick in der Küche

Morgen wird die Ausstellung über den Regisseur eröffnet. Der Berliner Bühnenbildner Jan Schlubach hat für ihn gearbeitet

Andreas Conrad

Um wen ging es eigentlich? In wessen Haus hatte man ihn nach England eingeladen? Jan Schlubach, fernseherfahrener Bühnenbildner aus Berlin, hatte sich stundenlang Szenen eines gerade entstehenden Spielfilms angesehen und wusste noch immer nicht, wer der Regisseur war. „Kennen Sie sowieso nicht“, hieß es nur. Und dabei hatte er für das geheimnisvolle, im 18. Jahrhundert angesiedelte Projekt schon einiges getan. Vergeblich hatte das Team sich um Drehgenehmigungen für deutsche Schlösser bemüht, er aber, mit seinen noch aus Internatszeiten stammenden Adelskontakten, konnte rasch Türen öffnen. Ob er nicht ganz einsteigen wolle, war er gefragt worden, der Production Designer sei erkrankt, man brauche jemanden, der das zweite Drehteam für die deutschen Szenen leite. Zum Film wollte Jan Schlubach schon, wandte aber ein, er müsse die bisher gedrehten Teile sehen. Und so saß er in der riesigen Villa bei London, war gerade beim Essen in der Küche, als ein großer bärtiger Mann den Raum betrat: „My name is Stanley Kubrick.“

Die Art, wie Jan Schlubach 1974 zum Film kam, zu Kubricks berühmter Thackeray-Verfilmung „Barry Lyndon“, gleicht selbst einem Kinomärchen. „Ich hatte Glück“ – der Mittachtziger, dem man sein Alter angesichts des jungenhaften Lachens kaum glaubt, sagt das oft, wenn er über sein Leben erzählt und von den Regisseuren schwärmt, für die er als Chefausstatter gearbeitet hat, Heinz Hilpert etwa, Rudolf Noelte, Peter Beauvais. Über Noelte bekam er ersten Kontakt zum Fernsehen, 1965 bei der TV-Adaption eines Dürrenmatt-Stücks. Aber von dort führt nur selten ein direkter Weg zu einem der berühmtesten Regisseure der Filmgeschichte – ein bald freundschaftlicher Kontakt, dem indirekt die Kubrick-Ausstellung des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt/Main zu verdanken ist, die am Mittwoch im Gropius-Bau eröffnet wird. Schlubach hatte über Kubricks Schwager Jan Harlan den Kontakt zur Familie des 1999 gestorbenen Regisseurs hergestellt.

Das erste Problem, das Kubrick mit dem neuen Art Director erörterte, war mehr politischer Natur: „Where are we going to shoot Potsdam?“ Auch an den Hof Friedrichs des Großen sollte Barry Lyndon (gespielt von Ryan O’Neal) reisen, doch für ein Filmteam aus dem Westen war der Drehort Sanssouci alles andere als selbstverständlich. Schlubach schlug vor, es dennoch zu versuchen. In der Tat war der Defa-Chef Albert Wilkening hocherfreut, den berühmten Regisseur als Gast begrüßen zu können. Dass Kubrick mit seiner Flugangst nie daran gedacht hätte, selbst zu kommen, verriet Schlubach nicht, wusste die von ihm geleiteten Dreharbeiten am Neuen Palais geschickt auf Tage zu legen, in denen Wilkening nach Moskau musste. Blieb nur noch das rote Banner oben auf dem Schloß, nur unter größter Mühe zu entfernen. Also durfte die Kamera nur bei Windstille laufen, wenn das Tuch schlapp herabhing.

Für „Barry Lyndon“, die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Emporkömlings, ist Schlubach wochenlang durch Deutschland gereist. Mit unzähligen Fotos musste er mögliche Motive dokumentieren, in die ausgewählten zeichnete Kubrick Rahmen ein, für Kameraeinstellungen und Ausschnitte. „Ich brauche 30 Bilder, bei denen das Publikum ,Aaaah’ macht“, lautete der Auftrag. „Ich kann es mir nicht leisten, durchschnittliche Filme zu drehen“, habe Kubrick immer gesagt. Nur mit Klassikern konnte er rechtfertigen, dass er nur alle vier, fünf Jahre einen Film vorlegte.

Auch beim folgenden Film, dem Psychothriller „The Shining“, war Schlubach dabei, wurde in die Rocky Mountains geschickt, um eine gewundene Bergstraße für die Anfangssequenz zu suchen. Gut 1000 Fotos entstanden so, die Kubrick alle an den Wänden eines Raumes sehen wollte, trotz der Warnung Schlubachs, er werde bei dieser Überfülle nichts sehen. Kubrick bestand darauf, kam, sah – und eilte davon: „Ich kann nichts sehen.“

Mit solchen sympathischen Absurditäten musste man immer rechnen, erinnert sich Schlubach. Ein Perfektionist sei Kubrick gewesen, beeindruckend in der Systematik und Genauigkeit des Arbeitens, zugleich unfähig, in die aufgehäuften Materialien Ordnung zu bringen. Und bei der Vorbereitung von „Barry Lyndon“ ließ er alle in London greifbaren Exemplare des Buches aufkaufen, aus Sorge, man könnte ihm zuvorkommen. Doch bei aller Kauzigkeit blieb er in Schlubachs Erinnerung ein liebenswürdiger, bescheidener Mann, so uneitel, dass er mit seinen kaputten Schuhen in Restaurants abgewiesen wurde, dazu „ein großes Familientier“, das in der Schule brav zum Elternabend erschien.

Auch für seine letzten beiden Filme wandte sich Kubrick an seinen Berliner Mitarbeiter. Er solle in Vietnam für „Full Metal Jacket“ alte Schlachtfelder besichtigen – Schlubach lehnte das ab. Die Orte seien längst überwuchert und Kubrick würde ohnehin nie hinfahren. Gedreht wurde in einer stillgelegten Londoner Fabrik. Später wurde Schlubach gebeten, Fotos von Ballsälen zu besorgen. Was Kubrick damit wollte, verriet er nicht. Erst spät erfuhr Schlubach, dass der Regisseur einen Drehort für die Verfilmung von Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ suchte. Mit Nicole Kidman und Tom Cruise in den Hauptrollen wurde „Eyes Wide Shut“ Kubricks letzter Film. So blieb ein Projekt liegen, das ihn lange fast manisch beschäftigt hatte: ein Film über die Frage, wie es möglich war, dass sich in Deutschland der Nationalsozialismus durchsetzen konnte.

„Stanley Kubrick“, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7 in Kreuzberg, 20. Januar bis 11. April, mittwochs bis montags 10 bis 20 Uhr

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