Berlin : Politiker mal authentisch

In seinem Film „Demokraten“ hat Levi Salomon fünf Wahlkämpfer im Berliner Sommer 2011 begleitet.

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Nass gemacht. Im Film trotzt Grünen-Politiker Andreas Otto beim Plakatekleben auch dem strömenden Regen. Foto: promo
Nass gemacht. Im Film trotzt Grünen-Politiker Andreas Otto beim Plakatekleben auch dem strömenden Regen. Foto: promo

Wahlkampfzeit ist keine Schonzeit: Politiker kleben Plakate im Regen, stehen vor ausgebrannten Autos, diskutieren mit Kleingärtnern, Mietern und müssen sich die geballte Wut der Wähler gefallen lassen. So trifft SPD-Politiker Frank Zimmermann in einer Raucherkneipe auf eine Frau, die ihm am liebsten den Flyer mit dem Konterfei von Klaus Wowereit um die Ohren hauen würde. „Wenn ick den sehe, vergeht mir alles. Allein, allein – det is’n Arschloch. Schon weil er Tempelhof abgeschaft hat, weil er bei jeder Party dabei ist, und weil er von Monat zu Monat dicker wird.“ Und während Grünen-Politiker Andreas Otto auf einer Veranstaltung über steigende Mieten und das „Segregationsthema“ spricht, sieht man im Hintergrund einen jungen Mann mit Rucksack Müllcontainer durchwühlen.

Es sind bewegende Szenen, die der Berliner Regisseur Levi Salomon in seinem Film „Demokraten“ eingefangen hat. Zwei Monate lang begleitete Salomon fünf Kandidaten für die Abgeordnetenhauswahl im Wahlkampf-Sommer 2011. Aus 80 Stunden Filmmaterial ist ein 97-minütiger Dokumentarfilm geworden, ein spannendes, intensives Porträt der Großstadt mit seinen Facetten und Berliner Originalen. Und es ist ein Film über das parlamentarische System und seine Akteure, die Politiker. Der 53-jährige Filmemacher beobachtete neben Zimmermann und Otto den Linkspolitiker Klaus Lederer, den CDU-Politiker Burkard Dregger und die 19-jährige Susanne Graf von den Piraten, die nach der Wahl erstmals ins Abgeordnetenhaus zogen. „Es war für mich klar, dass die FDP nicht gewählt wird. Und wir haben uns dann entschieden, fünf Menschen im Wahlkampf zu begleiten“, sagt Salomon.

Der Regisseur nähert sich seinen Protagonisten unbefangen, der Film verzichtet gänzlich auf Kommentare und lässt die Politiker sprechen. Er zeigt die Wahlkämpfer auch privat. Als Burkard Dregger mit seinen Kindern Fußball spielt, fällt ein Sohn hin. Dregger sagt zu ihm: „Dregger-Männer sind hart.“ Später sitzt der CDU-Politiker zwischen seinen Kindern auf der Terrasse. Da schaut ihn der Sohn an und sagt: „Aber Dregger-Frauen sind doch auch hart.“ Der Vater antwortet: „Dregger-Männer sind härter.“ Burkard Dregger erzählt in dem Film viel von sich, von seinem Vater, dem verstorbenen rechtskonservativen CDU-Politiker Alfred Dregger, von seiner Werteanschauung und seinem römisch-katholischen Glauben. Er wirkt wie seine Kontrahenten nicht unsympathisch, sondern überzeugt von seinen politischen Idealen. Und wenn der offen schwul lebende Sozialist Klaus Lederer auf einer Wiese sitzt, raucht und lachend erklärt, was ein „Tuntengrill“ ist („bestimmte Orte in der Stadt, an denen sich vorzugsweise homosexuelle Männer im Sommer in den Park legen, um sich von beiden Seiten von der Sonne bräunen zu lassen“), wirken die Politiker sehr viel authentischer als im öffentlichen Alltagsgeschäft.

Levi Salomon hat den Film mit einem fünfstelligen Betrag selbst finanziert. Entstanden ist ein einzigartiges Zeitdokument, dem zu wünschen ist, in Schulen, Kinos und im Fernsehen gezeigt zu werden. Langweilig sind die fünf „Demokraten“ in keiner Minute. Sabine Beikler

Der Film läuft am heutigen Mittwoch um 19.15 Uhr im Filmtheater am Friedrichshain. Internet: www.demokraten-film.de

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