Al Qaida-Verdächtige vor Gericht : Und sie wissen genau, was sie tun

26.01.2012 16:48 UhrVon

In Berlin hat der Prozess gegen zwei mutmaßliche Gründer des deutschen Ablegers von Al Qaida begonnen. Die Beweise gegen sie offenbaren fertige Strategien für den Krieg gegen den Westen.

Yusuf O., 26, ein Deutschtürke aus Berlin-Wedding machte Abitur und war Student an der TU. Dann tauchte er ab, verschwand nach Wasiristan, um sich einer militanten Gruppierung anzuschließen.Bild vergrößern
Yusuf O., 26, ein Deutschtürke aus Berlin-Wedding machte Abitur und war Student an der TU. Dann tauchte er ab, verschwand nach Wasiristan, um sich einer militanten Gruppierung... - Foto: dpa

BerlinManchmal findet die Polizei Beweismittel an Stellen, wo Beamte nicht so gerne hingreifen. In der Unterhose des Mannes, der sich im Gewahrsam entkleiden musste, fanden sie einen USB-Stick und 1000 Euro in bar. Und als Polizisten den Stick an einen Computer anschlossen, konnten sie unter anderem eine Datei besichtigen, auf der 13 Islamisten genannt wurden. Ein „Omar Tunisi“, ein „Yusuf Almani“, ein „Isa Almani“, ein „Muhammad Maroc“ und neun weitere Decknamen ploppten auf. Ein satter Treffer. Mit einem Schlag hatte die Polizei im Mai 2011 einen Teil des mutmaßlichen Sympathisantennetzes von Al Qaida in Berlin vor Augen. Die Tarnnamen waren auch bald entschlüsselt. Die Inspektion der Unterwäsche hatte sich gelohnt.

Ihr damaliger Träger, der 22 Jahre alte, in Afghanistan geborene Österreicher Maqsood L. muss sich seit Mittwoch vor dem Berliner Kammergericht verantworten. Und nicht nur er. Der zweite Angeklagte ist Yusuf O., 26 Jahre, ein Deutschtürke aus dem Berliner Stadtteil Wedding. Die beiden wirken harmlos, der dickliche Yusuf O. trägt nicht mal einen Bart. Der des blassen Maqsood L. zieht sich nur akkurat um den Mund herum. Aber es fällt auf, wem Yusuf O. zulächelt, aus dem Panzerglaskäfig im Saal 700. In einer der hinteren Reihen sitzt Reda S., ein Deutschägypter, gegen den die Bundesanwaltschaft und amerikanische Behörden ermittelt haben. Reda S. wurde verdächtigt, einer der Drahtzieher des Anschlags auf Bali zu sein, bei dem im Oktober 2002 mehr als 200 Menschen starben. Doch er wurde nie angeklagt, entsprechend selbstbewusst tritt er auf. In der Berliner Islamistenszene gilt er als Autorität. Und demonstrativ besucht er Prozesse wie den gegen Yusuf O. und Maqsood L..

Es ist allerdings auch ein Terrorverfahren mit besonderer, man könnte sagen: doppelter Brisanz. Da sind zum einen die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft, Yusuf O. habe die Terrorgruppe „Deutsche Taliban Mudschaheddin (DTM)“, eine Art germanische Fußnote des Heiligen Kriegs im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet, mit aufgebaut. Härter noch erscheint der Part, in dem Al Qaida die tragende Rolle spielt. Und da wirkt der Prozess wie eine Warnung, bei aller Aufregung über die Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ nicht zu vergessen, dass Deutschland auch anderen Gefahren ausgesetzt ist.

In der Anklage skizziert die Bundesanwaltschaft zwei Terroristenkarrieren, die auf schwere Anschläge in Berlin oder Wien oder einer anderen Großstadt hätten zusteuern können. Demnach reiste Yusuf O. im Mai 2009 über die Türkei und den Iran ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet, um sich einer militanten Gruppierung anzuschließen. Damit war nicht zu rechnen gewesen, glaubt man seinen früheren Lehrern, die ihn als freundlich und ruhig beschreiben. Nach dem Abitur schrieb sich O. an der Technischen Universität im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen ein. Doch er driftete in die Islamistenszene ab, seine geschiedene Mutter konnte es nicht verhindern. Und der Sohn radikalisierte sich bis hin zum Wunsch, sein Leben dem Dschihad zu weihen.

Mit dem Kumpel Fatih T., auch ein Berliner, kam Yusuf O. in Wasiristan an, der pakistanischen Terroristenhochburg an der Grenze zu Afghanistan. Und er traf auf weitere Jungdschihadisten aus Deutschland, darunter den weltweit gesuchten Eric Breiniger. Der Saarländer war ein Kumpan der Sauerlandgruppe, der deutsch-türkischen Gang heiliger Krieger, die US-Einrichtungen in der Bundesrepublik mit Autobomben angreifen wollte und im September 2007 aufflog.

Breininger wollte in Wasiristan eine deutschsprachige Truppe bilden, da er sich mit den orientalischen Dschihadisten nur mühsam verständigen konnte. Die Taliban erlaubten die Gründung der DTM, und schon im September 2009 gelang es der Gruppe, kurz vor der Bundestagswahl Deutschland zu erschrecken. Mit einem im Internet verbreiteten Video, das am Mittwoch im Gerichtssaal als Beweismittel vorgeführt wurde. Der Titel lautet: „Der Ruf der Wahrheit“.

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