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Nach schweren Fahrradunfällen in Berlin : "Ein Kriegsgebiet mit hunderttausend Fronten"

Am Mittwoch waren vier Fahrradfahrer in schwere Unfälle verwickelt. Alle kamen mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Das Thema Sicherheit auf dem Fahrrad ist in Berlin ein Dauerthema. Wie kann die Verkehrssicherheit verbessert werden? Diskutieren Sie mit!

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Foto: dpa

Die schweren Unfälle am Mittwoch mit vier verletzten Radlern beschäftigen die Tagesspiegel-Leser. In zahlreichen Kommentaren machen sie Vorschläge für sichereres Fahren, benennen Gründe für Gefahren im Straßenverkehr und stellen Forderungen an alle Verkehrsteilnehmer, aber auch an die Politik. Ein Community-Mitglied betont, dass Radfahrer im Vergleich zu Autofahrern zwar schwächer sind, doch "sie haben deswegen keine Narrenfreiheit." Ein anderer Leser sieht das ähnlich und fordert härtere Strafen für rücksichtlose Fahrradfahrer. Ein erster Schritt sei die Kennzeichenpflicht für Fahrräder. Ein Leser, der selbst Radfahrer ist, fordert eine schriftliche Prüfung der Verkehrsregeln auch für Radler. Ein weiterer Vorschlag ist, die Helmpflicht einzuführen. "Rein von der Physik gibt es auch keinen Grund, Mofafahrer einen Helm überzustülpen und Radfahrer davon zu befreien."

Während die einen meinen, dass Radfahrer nicht auf die Straße gehören, fordern andere gerade das Gegenteil, um für bessere Sichtbarkeit zu sorgen. Immer wieder werden aber auch besser ausgebaute Radwege gefordert, auch mit eigenen Ampeln. "Die Politik ist gefordert und muss sich die Frage gefallen lassen, ob angesichts der Opferzahlen nicht die Mittel drastisch erhöht werden sollten", schreibt ein Leser. Einige Leser glauben, dass weniger Privatwagen den Verkehr entlasten und damit für mehr Sicherheit sorgen würden.

In den Kommentaren wird oft deutlich, dass der Berliner Verkehr besonders chaotisch ist. Viele würden sich ignorant verhalten und so zur Eskalation der Lage beitragen. "Die Situation im Verkehr gleicht einem Kriegsgebiet mit hunderttausenden Fronten", heißt es in einem Beitrag.

Unfälle mit Fahrradfahrern kommen auf den Straßen Berlins oft vor - und haben meist schlimme Folgen für die Beteiligten. Am Mittwoch jedoch gab es eine besondere Häufung: Gleich vier schwer verletzte Fahrradfahrer im Krankenhaus, das ist die Bilanz eines einzigen Tages. Einer von ihnen, ein 84-jähriger Radler, erlitt sogar lebensgefährliche Verletzungen.

Wie berichtet wurde der 84-Jährige gegen 10 Uhr in Rudow von einem linksabbiegenden Auto erfasst und zog sich dabei schwere Kopfverletzungen zu.

Am Nachmittag ereignete sich ein weiterer schwerer Fahrradunfall in Kreuzberg. Gegen 16.20 Uhr war ein 19-jähriger Autofahrer auf der Gitschiner Straße unterwegs. Nach derzeitigem Kenntnisstand fuhr er an der Wassertorstraße auf dem rechten Fahrstreifen, vorbei an Fahrzeugen, die auf dem linken und mittleren Fahrstreifen warteten. Dabei stieß er mit einem Radfahrer zusammen, der vom Mittelstreifen kommend, die Straße überqueren wollte. Der 52-jährige Radler erlitt schwere innere Verletzungen sowie Kopfverletzungen und kam mit einem Rettungswagen in ein Krankenhaus. Der Autofahrer erlitt einen Schock.

Immer wieder Kopfverletzungen

Am Abend erlitt eine 16-jährige Radlerin Kopfverletzungen bei einem Unfall in Weißensee. Gegen 19.25 Uhr fuhr sie auf dem Gehweg der Mahlerstraße in Fahrtrichtung Berliner Allee. Als sie die Bizetstraße überqueren wollte, wurde sie vom Wagen einer 32-jährigen Autofahrerin erfasst, die in Richtung Gürtelstraße unterwegs war. Die Fahrradfahrerin kam mit Kopfverletzungen in ein Krankenhaus, wo sie stationär aufgenommen wurde. Die Autofahrerin blieb unverletzt.

Ebenfalls mit Kopfverletzungen kam ein 17-jähriger Fahrradfahrer nach einem Unfall in Lichtenberg ins Krankenhaus. Er war um kurz vor 23 Uhr auf dem stadtauswärts führenden Radweg der Frankfurter Allee unterwegs. An der Kreuzung zur Gürtel- und Möllendorffstraße passierte er die Fahrbahn nach derzeitigem Ermittlungstand trotz einer „roten“ Fußgängerampel. Ein 30-jähriger Autofahrer, der zu diesem Zeitpunkt auf der Möllendorffstraße fuhr, erfasste den Radfahrer. Durch den Zusammenstoß erlitt der 17-Jährige einen Knochenbruch und Verletzungen am Kopf. Er kam mit einem Rettungswagen in ein Krankenhaus, wo er zur stationären Behandlung aufgenommen wurde. Der Autofahrer blieb unverletzt.

Lkw überrollt Radler

Das Thema Verkehrssicherheit auf dem Fahrrad beschäftigt die Berliner seit Wochen. Ende April hatte es einen tragischen Unfall in Kreuzberg gegeben, bei dem ein 30-jähriger Rennradfahrer von einem Lastwagen überrollt wurde. Der Radler war sofort tot. Er war der erste Fahrradfahrer, der in diesem Jahr bei einem Verkehrsunfall in Berlin starb.

Einen Monat zuvor war am Checkpoint Charlie eine 29-jährige Radlerin ebenfalls von einem rechtsabbiegenden Lkw überrollt und schwer verletzt. Anschließend hatten mehrere hundert Radfahrer im Rahmen einer "Critical Mass"-Demo auf der Kreuzung gegen rücksichtslose Lkw-Fahrer demonstriert.

Demos gegen Gefahren für Radler

Gegen Gefahren insbesondere durch abbiegende Kraftfahrzeuge demonstriert "Critical Mass Berlin" regelmäßig. Die Fahrraddemo startet jeden letzten Freitag im Monat um 20 Uhr am Mariannenplatz in Kreuzberg. Die Teilnehmer fahren mitten auf der Straße. "Der Verkehr wird nicht absichtlich gestört. Es geht nicht um Verkehrsbehinderung anderer, sondern darum, sich als unmotorisierter Verkehrsteilnehmer ein Stück öffentlichen Lebensraumes, die Straße, zumindest zeitweilig zurückzuerobern", heißt es im Aufruf zu der Veranstaltung.

Abbiegende Fahrzeuge stellen das größte Risiko für Radfahrer in Berlin dar: Im Jahr 2014 verzeichnete die Polizei 1595 solcher Fälle, vier Radfahrer starben dadurch. Zwei davon kamen durch rechts abbiegende Lastwagen zu Tode, bei insgesamt zehn auf den Straßen Berlins getöteten Radlern. Im Jahr 2013 waren es vier von neun, im Jahr davor fünf von 13.

Und was meinen Sie, liebe Leserinnen, liebe Leser? Was muss geschehen, damit für alle Verkehrsteilnehmer der Verkehr wieder sicherer wird? Worin liegen die größten Gefahrenquellen? Kommentieren und diskutieren Sie mit! Nutzen Sie dazu bitte die einfach zu bedienende Kommentarfunktion etwas weiter unten auf dieser Seite.

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