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Nach Zwangsräumung verstorbene Rentnerin : Friedliche Mahnwache für Rosemarie F.

Zwei Tage nach der Zwangsräumung ihrer Wohnung starb die Rentnerin Rosemarie F. in einer Weddinger Wärmestube. Bei einer Mahnwache am Freitagabend nahmen über 200 Menschen Abschied - und brachten erneut ihre Verärgerung über die Räumungspraxis zum Ausdruck.

Timo Kather
Klare Botschaften. Rund 350 Menschen demonstrierten am Freitagnachmittag.
Foto: Davids

Bei einer Kundgebung vor dem Haus in der Aroser Allee 92 in Reinickendorf haben am Freitagabend rund 350 Menschen von der verstorbenen Rentnerin Rosemarie F. Abschied genommen und mit Plakaten und vereinzelten Sprechchören gegen die Praxis der Zwangsräumung und Mietsteigerungen demonstriert. Rosemarie F. war am Donnerstagnachmittag in einer Wärmestube gestorben, zwei Tage nachdem ihre Wohnung in der Aroser Allee zwangsgeräumt worden war.

Bei der Mahnwache blieb es friedlich und auffällig ruhig, eine bunte Mischung an Menschen hatte sich vor dem ehemaligen Wohnhaus von Rosemarie F. an der Ecke Aroser Allee/Grindelwaldweg versammelt. Die Polizei, die mit 200 Beamten vor Ort war, hatte den Bürgersteig vor dem Haus abgesperrt, sodass die Teilnehmer der Mahnwache sich auf der Straße und dem Mittelstreifen versammelten. Der Verkehr auf der Aroser Allee war zwischen Emmentaler Straße und Holländer Straße gesperrt. An einem Baum vor dem Haus wurden Kerzen und Blumen niedergelegt, auf einem schwarzen Regenschirm war "Ich wünsche mir mehr Menschlichkeit" zu lesen.

Doch auch Wut und Unverständnis über die Zwangsräumung kamen zum Ausdruck. "Für das Recht der Reichen geht ihr über Leichen" und "Schämt euch" war auf Plakaten zu lesen. "Zwangsräumung tötet" wurde vereinzelt gerufen.

Die Polizei hatte auch ein Konfliktteam im Einsatz, das sich unter die Leute mischte und das Gespräch suchte. Das Anliegen der Demonstranten sei verständlich, man müsse aber das geltende Recht umsetzen, erklärte einer der Beamten.

Der Fall der 67-jährigen Rentnerin hatte in den letzten Wochen für Aufsehen gesorgt, weil die schwerbehinderte Frau wegen ausstehender Mietzahlungen zwangsgeräumt werden sollte. Dagegen hatten Aktivisten vom "Bündnis Zwangsräumungen verhindern" mobilisiert. Ein erster Räumungstermin am 27. Februar war noch kurzfristig ausgesetzt worden. Am Dienstag wurden die Schlösser zu Rosemarie F.s Wohnung in der Aroser Allee 92 dann endgültig ausgewechselt.

Protest gegen Zwangsräumung
Etwa 200 Aktivisten versammelten sich am frühen Mittwochmorgen vor dem Haus von Rosemarie F.. Die Wohnung 67-jährigen Schwerbehinderten sollte zwangsgeräumt werden.Alle Bilder anzeigen
1 von 5Foto: Björn Kietzmann
27.02.2013 13:44Etwa 200 Aktivisten versammelten sich am frühen Mittwochmorgen vor dem Haus von Rosemarie F.. Die Wohnung 67-jährigen...

Die erste Nacht nach der Zwangsräumung hatte Rosemarie F. noch bei Aktivisten des „Bündnis Zwangsräumungen verhindern" verbracht. Am Mittwochnachmittag hatte F. dann ein kleines Zimmer in der Wärmestube der „Kälte Nothilfe" bezogen. "Sie war sichtlich niedergeschlagen, erschien mir schwach und gebrechlich", sagt Zoltan Dominic Grasshoff, der die Wärmestube seit drei Jahren betreibt. Er habe F. in der Kleiderkammer ein Behelfszimmer eingerichtet. "Am Wochenende hätte sie in ein größeres, sonniges Zimmer ziehen sollen", sagt Grasshoff. Für den Donnerstag sei ein Gesundheits-Check im Jüdischen Krankenhaus geplant gewesen, wo sich die Rentnerin schon zuvor wegen einer Herzerkrankung hatte behandeln lassen.

Dazu kam es nicht mehr. Rosemarie F. habe den Termin wegen Erschöpfung abgesagt, sagt Grasshoff, sie habe sich ausruhen wollen. Als ein anderer Bewohner gegen 18 Uhr ein paar belegte Brote vorbeibringen wollte, habe er Rosemarie F. tot auf ihrem Bett gefunden.

Der Gesundheitszustand der Rentnerin hatte zuvor für Diskussionen gesorgt. Neben ihrer Herzerkrankung hatte die 67-Jährige auch Probleme mit ihren Nachbarn und den Reinickendorfer Behörden. Mehrfach hatten sich Anwohner über F. beschwert, das Sozialamt stellte die Mietzahlungen an die Rentnerin ein, nachdem diese den Kontakt zur Behörde abgebrochen hatte. Rosemarie F. bezog Grundsicherung; nachdem die Rentnerin ein halbes Jahr keine Miete gezahlt hatte, kündigte die Vermieterin und schaltete den Sozialpsychiatrischen Dienst ein. Uwe Brockhausen (SPD), Gesundheitsstadtrat von Reinickendorf, äußerte sein „tiefes Bedauern“ angesichts der Ereignisse: „Ich hätte mir gewünscht, dass Frau F. die Hilfsangebote des Bezirks angenommen hätte.“ Mehrfach habe man versucht, mit Rosemarie F. in Kontakt zu treten. Bis zuletzt hatte F. vor Gericht versucht, wegen „Räumungsunfähigkeit“ in der Wohnung bleiben zu dürfen – die Richter lehnten den Antrag aber ab, da die Rentnerin kein fachärztliches Attest vorlegen konnte.

Beim „Bündnis Zwangsräumungen verhindern“ macht man die Räumung zumindest mittelbar für den Tod von F. verantwortlich. „Es handelt sich nicht nur um einen tragischen Einzelfall“, sagt Marius Boch, ein Sprecher, „der Tod von Rosemarie F. wurde billigend in Kauf genommen“. Bei der Staatsanwaltschaft konnte man noch nicht sagen, ob eine Obduktion veranlasst wird. In den nächsten Tagen seien weitere Protestaktionen geplant – wo genau, darüber wollten die Aktivisten nach der Trauerkundgebung entscheiden.

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