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Todesschuss in Reinickendorf : Frau starb durch eine Polizeikugel

Die 53-Jährige Andrea H. starb bei einem Polizeieinsatz durch einen Schuss in den Oberkörper. Nachbarn schildern sie als psychisch verwirrt. Gegen den Polizisten, der schoss, wird ermittelt, wie in solchen Fällen üblich.

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Im Märkischen Viertel starb Ende August eine Frau bei einem Polizeieinsatz. Sie hatte die Beamten mit einem Messer attackiert.Alle Bilder anzeigen
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24.08.2011 18:53Im Märkischen Viertel starb Ende August eine Frau bei einem Polizeieinsatz. Sie hatte die Beamten mit einem Messer attackiert.

Teelichter, Kondolenzbuch und ein Kuscheltier stehen vor dem Hochhaus im Senftenberger Ring in Reinickendorf. Die Nachbarn trauern um Andrea H., 53 Jahre alt, die hier am Mittwoch von einem Polizisten erschossen wurde. Wie üblich in Fällen, bei denen ein Polizeibeamter die Schusswaffe gebraucht, wurde ein Verfahren gegen den Polizisten eingeleitet.

Die entscheidende Frage für die Ermittler lautet: Hätte Andrea H. in dieser Situation anders überwältig werden können? Um dies herauszubekommen, wird der genau Ablauf des Geschehens von Bedeutung sein. Nach bisherigen Erkenntnissen spielte sich das Ganze wie folgt ab: Die Polizei war gegen 14.30 Uhr von Mitarbeitern der Reinickendorfer Sozialbetreuung gerufen worden, um Amtshilfe bei der Vollstreckung eines Vorführbeschlusses zu leisten. Wie Justizsprecherin Herbeth bestätigte, sollte Andrea H. zu einer Anhörung beim Amtsgericht Wedding gebracht werden, um sie dann in eine psychiatrische Klinik einzuweisen. Zunächst klingelten zwei Beamte und eine Mitarbeiterin des Sozialdienstes, um die Frau abzuholen. Andrea H. weigerte sich. „Sie stürmte dann mit einem Messer aus der Tür und hat einen Kollegen am Unterarm verletzt“, sagte eine Polizeisprecherin. „Die Kollegen setzten daraufhin Pfefferspray zu ihrer Verteidigung ein.“ Die Frau habe sich in die Wohnung zurückgezogen, die Polizisten riefen eine Einsatzhundertschaft und einen Krankenwagen zur Hilfe. Als die Verstärkung eintraf, sei die Frau wieder mit dem Messer auf die angerückten Beamten losgegangen. Daraufhin habe der für die Sicherung zuständige Polizist geschossen.

Wie viele Kollegen beteiligt waren, wurde nicht mitgeteilt. Die eingesetzten Beamten trugen Schutzwesten, allerdings bleibt auch dabei ein Restrisiko: Stiche in die Arme oder den Kopf können nicht abgewehrt werden. Im regelmäßig stattfindenden Einsatztraining werden Berliner Polizisten auch für den Fall von Messerangriffen ausgebildet. Nicht beteiligt war das Spezialeinsatzkommando (SEK), das für den Umgang mit gefährlichen Tätern ausgebildet ist. „Weil es keine Anhaltspunkte dafür gar, dass von der Frau eine solche Gefahr ausging“, sagte Polizeisprecher Alexander Tönnies.

Schusswaffeneinsatz von Berliner Polizisten ist im „Gesetz über die Anwendung unmittelbaren Zwangs“ geregelt: Es besagt unter anderem, dass ein Beamter seine Waffe gebrauchen kann, um jemanden angriffs- oder fluchtunfähig zu machen – etwa indem in Arme oder Beine geschossen wird. Schüsse müssen in diesem Fall angedroht werden. Anders sieht es aus, wenn eine Notwehr- oder Nothilfesituation vorliegt. Dann gilt, das zur „Abwehr eines gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriffs“ stets das mildeste Mittel zu wählen ist – das kann allerdings auch eine Schusswaffe sein, wenn der Angriff in gebotener Kürze nicht anders abzuwehren ist. Vergangenes Jahr schossen Polizisten in Berlin 95 Mal im Dienst, darunter fünf Mal auf Menschen. Ein Mann starb daran im März.

Bodo Pfalzgraf von der Deutschen Polizeigewerkschaft sagte: „Wer Polizisten mit einem Messer angreift, muss damit rechnen, erschossen zu werden.“ Bei einem Angriff, noch dazu in einer Wohnung, müssten die Kollegen sichergehen, dass niemand verletzt werde. Sie wären außerdem „stufenweise“ gegen die Angreiferin vorgegangen, hätten also zunächst Pfefferspray eingesetzt.

Andrea H. lebte in einer Einrichtung für betreutes Wohnen: Der Träger betreibt in dem 14-geschossigen Hochhaus im Märkischen Viertel noch eine zweite Wohnung. „Sie war ein netter Mensch, der keinem etwas getan hat“, sagt eine Anwohnerin über Andrea H. Jeder habe gewusst, dass sie psychisch verwirrt gewesen sei. Andrea H. habe ihr oft Pizzareste und Spielsachen aus dem Müll vor die Tür gelegt, berichtet die Nachbarin. „Für meine Enkelin.“ Eine andere Anwohnerin aber berichtet, sie habe immer die Straßenseite gewechselt, wenn H. ihr entgegen gekommen sei. Die Verwirrte soll schon Flaschen vom Balkon geworfen haben, weil die Kinder zu laut gespielt hätten.

Am Donnerstagmorgen gab die Staatsanwaltschaft das Obduktionsergebnis bekannt. "Die Kugel traf sie in den Oberkörper. Sie starb an inneren Verblutungen", sagte Sprecherin Simone Herbeth. Andrea H. starb trotz der Wiederbelebungsversuche eines Notarztes noch in der Wohnung. Der Schütze sei vernommen worden und habe umfassende Angaben gemacht. "Natürlich werden nun auch alle Zeugen zu dem Geschehen befragt", sagte Herbeth.

Der Polizei war die 53-Jährige zuvor nicht bekannt. Der Beamte, der schoss, wird psychologisch betreut. Für eine Suspendierung vom Dienst gebe es laut Polizei keine Gründe. Seit der Wende wurden in Berlin ausschließlich Straftäter erschossen, die Beamte bedroht hatten. Mit dem 2008 im brandenburgischen Schönfließ durch einen Berliner Polizisten erschossenen Kleinkriminellen waren es sieben. Ein Unbeteiligter war zuletzt 1985 erschossen worden: Der Mann war irrtümlich für einen Einbrecher gehalten worden.

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