Urteil gefallen : Hohe Haftstrafe für Kinderwagen-Zündler

Der Zeitungsbote, der in Prenzlauer Berg mehrere Kinderwagen in Hausfluren angezündet hatte, muss für mehrere Jahre ins Gefängnis. Der Staatanwalt sah einen „gewissen Sozialneid auf junge Leute, denen es besser geht“.

Die verbrannten Reste eines Kinderwagens in Prenzlauer Berg. Den mutmaßlichen Brandstifter hatte die Polizei im August gefasst. Fünf Monate später erhob der Staatsanwalt Anklage. Ein 29 Jahre alter Zeitungsausträger aus Neukölln hatte gestanden, aus "Schwabenhass" Kinderwagen in Brand gesteckt zu haben.Weitere Bilder anzeigen
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06.01.2012 19:08Die verbrannten Reste eines Kinderwagens in Prenzlauer Berg. Den mutmaßlichen Brandstifter hatte die Polizei im August gefasst....

Der Zeitungsbote, der in zehn Mietshäusern Kinderwagen angezündet hat, muss für fünf Jahre und neun Monate hinter Gitter. „Wären die Brände nicht so schnell entdeckt worden, hätte es zum Inferno kommen können“, hielt der Vorsitzende Richter dem 29-Jährigen vor. Maik D. war am 19. August 2011 auf frischer Tat gefasst worden und gestand die vierwöchige Serie von Brandstiftungen. Als Motiv nannte der er zunächst „Hass auf Schwaben in Prenzlauer Berg“ und allgemeine Unzufriedenheit mit seinem Leben.

Ein Albtraum für jeden Mieter: Ein Zündler, der einen Schlüssel zum Wohnhaus besitzt. Zeitungszusteller D. missbrauchte seine Vertrauensstellung. Fast immer waren es Kinderwagen, die er im Szene-Kiez um den Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg ansteckte. Er habe nichts gegen Kinder und nichts gegen die Menschen, die dort wohnen, sagte der Neuköllner im Prozess. Verflogen war seine Wut auf angeblich gut situierte Menschen aus Süddeutschland, die Berliner aus den Altbauten verdrängen würden. D. blieb zur Frage seines Motivs aber diffus. „Ich habe mich gefühlt wie ein Hamster im Rad“, stöhnte er. Warum er Feuer legte? „Ich kann es selber nicht mehr erklären.“   

Er arbeitete viel, hatte aber trotz der zwei Jobs kein Geld in der Tasche. Es ging vor allem für Drogen drauf, die er reichlich konsumierte. „Er hatte sein Leben satt“, sagte eine Psychiaterin. Körperlich und psychisch sei D., ein „gehemmter und introvertierter Mensch“, an seine Grenzen gekommen. Er habe sich ruiniert.  Beim ersten Brand sei es vermutlich auch Neugier gewesen, die ihn trieb. „Er wollte es probieren.“ Als er die Flammen sah, konnte er kurz vergessen, was ihn belastete. Einen Grund für seine Taten aber fand sie nicht. Maik D. sei zuvor auch nicht als gewalttätig aufgefallen.

Der Angeklagte war trotz des Drogenkonsums und einer leichten depressiven Störung voll schuldfähig, befand die Gutachterin. Er konnte sich – im juristischen Sinne - „steuern“. Wenn Maik D. in einem Hausflur gezündelt hatte, setzte er seine Tour als Zeitungszusteller einfach fort. Der Staatanwalt sah in einem „gewissen Sozialneid auf junge Leute, denen es besser geht“ das Tatmotiv.

D. zündelte, wenn die Mieter noch schliefen. Hochgefährlich seien die Anschläge gewesen, hieß es. Drei Kinder und eine Frau atmeten Rauch ein und mussten behandelt werden. D. wurde der schweren Brandstiftung, Körperverletzung und Sachbeschädigung schuldig gesprochen. Sein Geständnis und auch seine „schwierige Jugend“ wurden zu seinen Gunsten berücksichtig. Der Ankläger hatte sechs Jahre und vier Monate Haft gefordert.

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