Berlin : Privatschüler bekommen schlechtere Noten

Beim Abitur haben sie es trotzdem leichter. Bildungsministerium veröffentlicht erstmals Vergleichsergebnisse von Klausuren.

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Potsdam - Im Land Brandenburg, das im bundesweiten Bildungsvergleich regelmäßig im unteren Bereich rangiert, haben auch die freien Schulen ein Qualitätsproblem. Dennoch begründet ihr Ruf, besser als staatliche Schulen zu sein, einen anhaltend starken Zulauf. Doch Vergleichserhebungen des Potsdamer Bildungsministeriums deuten darauf hin, dass das Leistungsniveau freier Schulen in Schlüsselfächern sogar schlechter als an öffentlichen Schulen ist, besonders in Mathematik, aber selbst in Deutsch. Der Befund ist mitten im Streit um Kürzungen bei den privaten Schulen durch die rot-roten Regierungskoalition besonders brisant.

Grundlage für den Vergleich sind die Ergebnisse der zentralen schriftlichen Prüfungen nach der zehnten Klasse und beim Abitur, die von der Regierung als Antwort auf eine Kleine Anfrage aus dem Landtag veröffentlicht wurden. Die Prüfungen müssen in den Fächern Mathe, Deutsch und Englisch sowohl von den Schülern öffentlicher als auch privater Schulen abgelegt werden, die Aufgaben sind für alle gleich. In Mathematik schneiden Privatschüler den Angaben zufolge schon seit 2005/2006 durchweg „signifikant“ schlechter ab als Gymnasiasten staatlicher Einrichtungen. So lag die durchschnittliche Mathe-Prüfungsnote in der Jahrgangsstufe 10 an staatlichen Gymnasien 2010/2011 bei 3,5, an freien Schulen aber nur bei 3,9. Beim Mathe-Abi sieht es ähnlich aus. Und nicht einmal in Fremdsprachen und Deutsch schneiden die freien Schulen besser ab, obwohl hier selbst Experten angesichts des speziellen Profils vieler Einrichtungen mit einem deutlichen Leistungsvorsprung gerechnet hatten. Stattdessen heißt es: „Wenn auch nicht in dieser Deutlichkeit, so ist auch in den Fächern Deutsch und Englisch die höhere Leistungsfähigkeit des öffentlichen Schulsystems ablesbar.“ In Deutsch erreichten im Jahr 2010/2011 „freie“ Gymnasiasten konkret im Landesschnitt bei der schriftlichen Abi-Prüfung im Grundkurs 8,59, im Leistungskurs 8,38 von 15 möglichen Punkten. Mit 8,61 und 8,53 war der Notendurchschnitt an öffentlichen Gymnasien besser. In Englisch ist das Niveau vereinzelt etwas besser, oft ebenfalls schlechter als an staatlichen Schulen. Diese Ergebnisse sind umso erstaunlicher, als freie Schulen – besonders bei bildungsbewussten Eltern beliebt – Einfluss auf die Auswahl der Schüler haben. Unterm Strich war die Abiturdurchschnittsnote im Schuljahr 2010/2011 an öffentlichen Gymnasien mit 2,31 etwas besser als an Gymnasien in freier Trägerschaft (2,37). Allerdings haben, worauf das Papier hindeutet, Schüler freier Schulen am Ende einen Vorteil: Denn die Gymnasien in freier Trägerschaft erreichen „trotz der im Durchschnitt eher schwachen, in Einzelfällen deutlich schwachen Ergebnisse hohe Bestehensquoten“, was mit „innerschulisch besseren Leistungsbewertungen“ erklärt wird. Im Klartext: Die Abiturienten an diesen Schulen profitieren von den besseren Vornoten. Denn die „Zensierungspraxis“ unterscheide sich von „zentralen Leistungserwartungen des Landes“, heißt es. So werde „ein schlechtes Abi-Ergebnis, das beim Zentralabitur externen Bewertungsmaßstäben unterliegt, korrigiert“. Dies sei aber, so das Ministerium, „unter qualitativen Gesichtspunkten problematisch“. An staatlichen Gymnasien bestanden 2010/2011 97,45 Prozent der Schüler des Jahrgangs das Abitur, an freien 98,97 Prozent, an kirchlich-konfessionellen Gymnasien sogar 100 Prozent. Dort fiel niemand durch.

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