Projekt "Juma" : Berliner Muslime gegen Hass

Nach den Terrorattacken von Paris engagieren sich junge Berliner Muslime für Verständigung, für Gemeinsamkeiten, gegen Vorurteile – beim Projekt Juma.

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Wenn Sie mal schauen mögen. Hier verteilen Jugendliche von Juma („jung, muslimisch, aktiv“) Flugblätter zum Projekt, das von der Bosch-Stiftung fördert wird. Foto: Juma/RAA
Wenn Sie mal schauen mögen. Hier verteilen Jugendliche von Juma („jung, muslimisch, aktiv“) Flugblätter zum Projekt, das von der...Foto: Juma/RAA

„Ein Angriff auf die Menschlichkeit“ – so überschreibt Büsra Delikaya ihren Kommentar im Internet zu den Terrorattacken von Islamisten in Paris. Viele junge, moderne Muslime in Berlin diskutieren jetzt darüber, wie sie in der Zeit nach dem Charlie-Hebdo-Alptraum weiter für eine offene und demokratische Gesellschaft eintreten können – und viele haben ihre Gefühlslage wie die 19-jährige Neuköllnerin spontan auf der Internetseite der Berliner Initiative „Juma – jung, muslimisch, aktiv“ gepostet.

Eine frische Truppe

Juma, das ist arabisch und meint die Zusammenkunft an Freitagen. Juma, das ist auch ein Vorzeigeprojekt, gefördert von der Bosch-Stiftung, das nach Berliner Vorbild jetzt auch in anderen Bundesländern aufgebaut wird, berichtet Projektkoordinatorin Lydia Nofal. Der Träger sind die Regionalen Arbeitstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) e.V..

Büsra Delikaya, die in Potsdam Germanistik studiert, hat über Freunde und die sozialen Medien von Juma erfahren. Sie wollte sich gern bei der „frischen Gruppe von modernen, hier aufgewachsenen Jugendlichen“ engagieren, deren Eltern oder Großeltern einst aus den unterschiedlichsten Ländern nach Berlin kamen. Die Studentin hat erst die Willkommensgruppe „Im Tandem durch Berlin“ mit vorbereitet, in der die jungen Ehrenamtlichen die Flüchtlinge ganz lebensnah mit dem Alltag in Berlin vertraut machen. „Dann hatte ich aber Prüfungsstress und konnte selbst leider nicht mit.“

Mohammed reagierte milde

Interessant findet die 19-Jährige auch den interreligiösen Dialog, da gehen beispielsweise christliche, jüdische und muslimische Schüler gemeinsam in den Unterricht und besprechen bei Projekten mit Lehrern und Schülern gegenseitige Vorurteile – und Gemeinsamkeiten der Religionen. Es gebe etwa zahlreiche Überlieferungen, dass der Prophet Mohammed dann, wenn er beleidigt und beschimpft wurde, immer mit Trauer und Mitleid, nicht aber mit Hass reagiert habe. „Abdullah ibn Salul, der ihn am ärgsten beleidigte, hat der Prophet sein Gewand geschenkt“, gibt Juma-Mitarbeiterin Lydia Nofal eine Überlieferung wieder. Und Büsra Delikaya erinnert an die Geschichte, als eine Frau vor seiner Tür immer Müll ablegte. Eines Tages lag da nichts mehr, und der Prophet ging dann zu seiner krank gewordenen Nachbarin, aber nicht um sie „anzukeifen“, sondern um ihr ein Glas Wasser zu bringen.

Für soziale Unternehmerschaft

Beim Netzwerk Juma wollen Jugendliche wie sie für Humanität statt Hass streiten, erzählt die Germanistik-Studentin. „Wir wollen als Staatsbürger etwas Positives in der Gesellschaft bewegen, Visionen und Gedanken teilen.“ Wie die Neuköllner Studentin mit deutschem Pass engagieren sich bei Juma rund 80 Jugendliche. Insgesamt sind im Verteiler rund 400 junge muslimische Berliner, weiß Lydia Nofal. Juma bietet für sie Schreibworkshops, Rhetorikkurse, oder auch das Projekt „Zahnräder“ für „Social Entrepreneurship“ für Start-Ups mit gesellschaftlichem Engagement. Und, gibt es in Zeiten wie diesen nicht die mögliche Gefahr einer unerwünschten Einflussnahme von Extremisten? Lydia Nofal schüttelt den Kopf. „Mit Leuten wie uns wollen Fundamentalisten doch nichts zu tun haben“, sagt sie.

Und auch Büsra Delikaya schreibt zu Hasstaten wie in Paris, dass sich ein „wahrer Muslim strikt gegen diese Tat stellt und doch müde vom Positionieren ist. Und ich bin es auch. Das ständige Aussprechen von einheitlichen Meinungen, die Fragerei über die Gedanken zu Vorfällen, die einen selbst genauso wenig betreffen wie den Fragenden auch“. Und trotzdem sei sie ihr „bewusst, dass Muslime in der heutigen Zeit dazu verpflichtet sind ihre Stimmen gegen solche Angriffe zu erheben und sie nicht bloß stillschweigend ablehnen dürfen“. Und: „Ein Muslim glaubt an Gerechtigkeit, an die Heiligkeit der Fairness. Ein Muslim ist sich bewusst, dass das Töten eine der größtmöglichen Sünden ist.“ Ja, sie findet „Charlie-Hebdo“-Karikaturen durchaus beleidigend, aber die „entsprechende Form der Reaktion ist doch Reden, eine Auseinandersetzung in Form von Artikeln und Texten“. So, wie es Juma-Jugendlichen täten.

www.juma-projekt.de

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