Prozesse gegen radikale Islamisten : Von Berlin in den Dschihad

Zwei Prozesse gegen radikale Islamisten stehen vor dem Urteil. Die Ankläger sehen die Terrorvorwürfe bestätigt und fordern mehrjährige Haftstrafen.

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Personifikation der Gerechtigkeit: Justitia
Personifikation der Gerechtigkeit: JustitiaFoto: picture alliance / dpa

Mit einer Kalaschnikow war Murat S. in Syrien unterwegs. Auf der Anklagebank hinter Panzerglas blickte er jetzt sorgenvoll in die Zukunft. Viereinhalb Jahre Haft hat die Generalstaatsanwaltschaft für den vierfachen Vater aus Wedding verlangt. „Er wollte seine dschihadistischen Vorstellungen umsetzen“, lautet der Vorwurf der Anklage. In einer Woche fällt das Urteil. In einem anderen Terrorprozess im Zusammenhang mit dem syrischen Bürgerkrieg wird Fatih K. aus Kreuzberg am Mittwoch erfahren, wie hoch die Strafe ausfällt.

Es gibt viele Parallelen, aber auch Unterschiede zwischen den Angeklagten. Der 41-jährige Murat S. habe sich in einem Moscheeverein radikalisiert, so die Ermittler. Über einen Cousin sei S. in die Szene „hineingerutscht“, als es ihm nicht gut ging, sagte der Verteidiger. „Salafisten sind ja oft gescheiterte Personen, die geraten in ein Spinnennetz, aus dem sie nicht herausfinden.“ Wie Fatih K. hatte S. nach mehrmonatigem Prozess wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat ein Geständnis abgelegt – „an die Beweislage angepasst“, wie der Ankläger sagt.

"Ein Gesinnungswandel hat nie stattgefunden"

Der türkischstämmige Berliner ohne Vorstrafen war zwischen August 2013 und Juni 2014 dreimal über die Türkei nach Syrien gereist. Er habe sich ein Sturmgewehr beschafft und sich an der Waffe ausbilden lassen, sich im Umfeld des Terrortrupps Junud al Sham („Soldaten Syriens“) aufgehalten. Außerdem soll er sich intensiv bemüht haben, militärisch nutzbares Material wie eine Wärmebildkamera zu beschaffen. Ob er aktiv an Kämpfen teilnahm, sei im Prozess nicht geklärt worden, sagte der Ankläger.

Murat S. wirkt grau, müde und betroffen. Ganz anders tritt der Angeklagte Fatih K. auf, der sich seit Januar vor dem Kammergericht verantworten muss. Der Mann mit Vollbart und wallender Mähne blickt oft spöttisch. Er ist ein vorbestrafter Terrorhelfer. Vor vier Jahren konnte er die Richter aber überzeugen, dass er geläutert sei. Der Dschihad sei ein Irrweg, damals bat der in Berlin Geborene mit türkischen Wurzeln um eine zweite Chance. Er kam als Terrorhelfer mit 22 Monaten Gefängnis davon. Die Ankläger sind heute sicher: „Ein Gesinnungswandel hat nie stattgefunden.“

Sechseinhalb Jahre Gefängnis

Sechseinhalb Jahre Gefängnis verlangt die Anklage gegen den mutmaßlichen Rückfalltäter. Er sei der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland schuldig. K. war im Juni 2013 nach Syrien gereist. Der 36-Jährige habe sich für mehrere Wochen der Junud al Sham angeschlossen, sei am Sturmgewehr ausgebildet worden und habe an Propagandavideos mitgewirkt.

K. hat das nach siebenmonatigem Prozess gestanden. Für die Ankläger aber nur aus taktischen Gründen: „Selbst der härteste Gotteskrieger will nicht im Gefängnis sitzen.“ Es gebe Beweise für seinen Aufenthalt in Syrien. Fotos von K., die ihn vor der Flagge der IS zeigen, auf denen er mit einer Kalaschnikow posiert.

Und es gibt erschütternde Handyvideos. In einem ist zu sehen, wie ein Stiefel gegen den Körper eines getöteten Soldaten des Assad-Regimes tritt. Ein Mann spuckt: „Ein Elender, ein Dreckiger, ein Stinkender. Möge Allah dich brennen lassen im Feuer!“ Es ist K.s Stimme.

Die Ehefrau spielte wohl eine Rolle

Wie Murat S. lebte auch der in Kreuzberg aufgewachsene Fatih K. bis vor einigen Jahren nicht streng religiös. Seine Eltern, gläubige Muslime, hätten keinen Druck in Glaubensfragen ausgeübt, heißt es, er habe viele Freiheiten genossen. Er ging mit Freunden ins Jugendkulturzentrum, liebte Breakdance und kiffte. Eine Maurerlehre brach er ab. Er wurde arbeitslos, heiratete früh. Sie hieß Melanie, inzwischen hat das Paar sieben Kinder. Die Familie lebt von Sozialleistungen.

Die Radikalisierung des Mannes ist schwer nachzuvollziehen. Die Ehefrau spielte wohl eine Rolle. 2004 habe sie ihn, der sich wenig um die Familie kümmerte, zum Besuch eines religiösen Theaterstücks über den Propheten Mohammed überredet. „Er hat danach beschlossen, ein guter Moslem zu werden“, so die Ankläger.

In der Islamistenszene der Stadt lernte K. andere Radikale kennen, unter ihnen auch Denis Cuspert, der bis 2010 als Rapper Deso Dogg in Berlin Musikkarriere machte. Cuspert ist inzwischen der wohl bekannteste deutsche IS-Dschihadist und gilt als einflussreicher Propagandist bei der Terrormiliz Islamischer Staat. Auch Murat S. soll sich bestens mit Cuspert verstanden haben.



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