Quatschen im Kino : Haltet doch mal die Klappe!

Auf der Leinwand geht die Welt unter – und die Zuschauer kriegen es vor lauter Quatschen nicht mit. Ein Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft? Oder simple Unhöflichkeit? Ein Plädoyer für mehr Konzentration.

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Nie war Schweigen im Kino so angesagt wie in diesem Jahr - zumindest auf der Leinwand. Der Stummfilm "The Artist" gilt als große Oscar-Hoffnung. Das Kinopublikum dagegen übt sich nicht so gerne in Schweigen, wie unser Autor festgestellt hat.
Nie war Schweigen im Kino so angesagt wie in diesem Jahr - zumindest auf der Leinwand. Der Stummfilm "The Artist" gilt als große...Foto: dapd

Es hätte ein so schöner Kinoabend werden können. Es lief „The Ides of March“ mit dem tollen George Clooney und dem noch viel großartigeren Ryan Gosling. Ein fabelhafter Film über das politische Amerika, so konnte man es in den Kritiken lesen. Doch schon in der Anfangsszene war der Wurm drin. Nicht etwa wegen der Schauspieler. Sondern wegen des Paares, das sich in letzter Sekunde auf die Plätze hinter mich gequetscht hatte und die Zweisamkeit im Kino nutzte, um Grundlegendes zu klären. „You want a beer?“ – die Besucher sprachen Englisch – „Hm, yes, maybe“ – „Should I get one?“ – „Hm, yes, may- be.“ So ging es in einem fort, den ganzen Film über. Am Ende hatte ich viel über die Befindlichkeiten junger Engländer erfahren. Zu den Iden des Märzes kann ich leider weniger sagen. Selbst auf Ryan Gosling kann man sich nur schwer konzentrieren, wenn man durch eine ständige Tonspur aus der Hinterreihe irritiert wird.

Für den Film hatten wir das Cinestar am Potsdamer Platz ausgewählt, und da kann man natürlich sagen: Selbst schuld. Das ist Multiplex at its best, da laufen die Hollywood-Blockbuster in Originalversion, da kommen fast nur noch Touristen hin. Die quatschen halt im Kino, auf Reisen lässt man Fünfe gerade sein. Immerhin ist es deutlich besser, als wenn sie in Hauseingänge pinkeln.

Oscars 2012 - diese Filme sind nominiert
Heute Nacht wird wieder mal das Geheimnis um die Oscar-Preisträger gelüftet. Wir stellen die nominierten Filme vor.Weitere Bilder anzeigen
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24.01.2012 17:20Heute Nacht wird wieder mal das Geheimnis um die Oscar-Preisträger gelüftet. Wir stellen die nominierten Filme vor.

Aber so einfach ist die Sache leider nicht. Mal ganz davon abgesehen, dass es schwer ist, in anderen Kinos Berlins Hollywood-Blockbuster in Originalversion zu sehen: Das mit dem Quatschen kommt überall vor. Gerade Arthauskinos in vermeintlich hippen Gegenden, wie das Babylon in Kreuzberg oder das Rollberg in Neukölln, können gefährlich sein. Tritt hier doch der Typ „Wandelndes Filmlexikon“ in Aktion. Meistens ein Mann, der seine Begleitung beeindrucken will und gerne auf technische Finessen der Kameraführung hinweist. Selbst im Wisperton ist das enervierend, wie ein Ohrgeräusch, das nicht mehr weggeht.

Nicht dass man mich falsch versteht: Weinen, gerührtes Schnäuzen, lautes Lachen gehört im Kino unbedingt dazu. Große Kunst bedeutet schließlich große Emotionen. Aber die Dauerrede vom Nebenmann ist einfach unerträglich. Wenn ich ins Kino gehe, möchte ich einen Film sehen, anstatt Gesprächen unter wildfremden Paaren zu lauschen. Im klassischen Konzert käme schließlich auch kein Zuhörer auf die Idee, seine Flöte auszupacken und mit dem Orchester mitzuträllern.

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