Asylgrund Homosexualität : In Tunesien durfte sie keine Lesbe sein

Lesben und Schwule gelten in Tunesien als krank, ihnen drohen zudem drei Jahre Haft. Die 30-jährige Yosr, eine erfolgreiche Kauffrau, ist deshalb nach Deutschland geflohen und wartet auf ihr Bleiberecht - mit ungewissem Ausgang.

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Homosexuelle Flüchtlinge haben in Deutschland einen langen Weg zu beschreiten.
Homosexuelle Flüchtlinge haben in Deutschland einen langen Weg zu beschreiten.Foto: REUTERS

In der kleinen Stadt an der tunesischen Küste durfte sie keine Lesbe sein. Deshalb ist Yosr nach Deutschland geflohen. Sie will darüber sprechen, ohne dass ihr wahrer Name in der Zeitung steht. Ihre kurzen schwarzen Haare stehen dank Haarlack wellenförmig ab. Sie trägt mehrere Halsketten, an einer hängt ein kleiner Fisch. Er soll sie vor dem bösen Blick schützen, falls sie beim Flirten jemand schräg anschaut. In einem türkischen Restaurant in Neukölln bestellt sie eine „Coca“. So wird Cola in Tunesien genannt.

Erfolgreich als Kauffrau

Vor rund sieben Monaten kam Yosr nach Deutschland. Als erfolgreiche Kauffrau bei einem großen Unternehmen hatte die 30-Jährige kein Problem, ein Visum zu bekommen. Sie kratzte all ihren Mut zusammen und stellte nach zwei Tagen Wartezeit im Amt ihren Asylantrag. „Ich kannte hier niemanden, geschweige denn die Regeln des Asylsystems“, sagt sie. Von der ersehnten Freiheit, ihrer persönlichen sexuellen Revolution in Berlin musste sie schnell wieder Abschied nehmen: Über den bundesweiten Verteilungsschlüssel landete sie in einer kleinen Stadt in der Sächsischen Schweiz. (Ein Interview zur Lage von homosexuellen Flüchtlingen lesen Sie hier.)

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Monatelang hat sich in ihrem Fall nichts getan. In der sächsischen Pampa ist sie meist alleine. Nachts verbarrikadiert sie die Tür ihrer kleinen Sozialwohnung mit Stühlen und Tischen. „Ich habe Angst“, sagt sie. Sie grüße zwar die Nachbarn nett und spiele im Ortsverein Handball. Aber irgendwie sei es schon etwas komisch dort.

Verliebt in die schönen Frauen - und das schöne Berlin

Deshalb kommt sie – seitdem sie den Landkreis verlassen darf – so oft es ihr Budget erlaubt nach Berlin zu ihren neuen Freunden. „So wie ich mich in schöne Frauen verliebe, habe ich mich in diese Stadt verliebt“, sagt Yosr. Eine obdachlose Frau setzt sich neben sie auf die Bank. „Möchtest du eine rauchen?“, fragt Yosr auf Deutsch und dreht ihr geduldig zwei Zigaretten. „Lass uns gut mit den Menschen umgehen, sodass Gott uns gute Menschen schickt.“ Stolz trägt sie ihr selbst erlerntes Deutsch vor. Ganz alleine habe sie nun schon das A2-Niveau erreicht, erzählt sie. Zeit genug zum Pauken hat sie ja. So ganz alleine in ihrer Wohnung im sächsischen Dorf.

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In Tunesien konnte sie sich zuletzt auf gar nichts mehr konzentrieren. Es seien die kleinen Szenen der Diskriminierung, die ihr Leben dort schon immer beherrscht hätten. Wie an dem Abend, als sie „zu männlich“ in einer Disko tanzte und rausflog. Oder als ihr bester Freund nach ihrem Outing sein Versprechen, immer zu ihr zu halten, brach und zu ihr sagte: „Homosexualität ist krank.“ In Tunesien würden Homosexuelle mit Hormonen behandelt, sagt sie. In anderen nordafrikanischen Ländern wie Marokko oder Ägypten werden sie juristisch aufgrund „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ verfolgt. Das tunesische Strafrecht ist da konkreter. Paragraf 230 definiert klar: „Schwule und Lesben werden mit drei Jahren Haft bestraft.“ Schon ein Flirt oder ein „abnormales Aussehen“ reicht für die Behörden aus, Homosexuelle einzusperren. Von diesem Gesetz sind aber alle Buchstaben in LGTBQI betroffen.

Gefahr für Leib und Leben

„Ich will nur ein normales Leben führen, mehr nicht“, sagt Yosr. Nur deswegen sei sie nach Deutschland geflüchtet. Homosexuelle haben in den meisten EU-Staaten ein Recht auf Asyl, wenn sie „gravierenden Verfolgungshandlungen“ oder „kumulierten Diskriminierungen“ in ihrem Heimatland wegen ihrer sexuellen Orientierung ausgesetzt sind. In einigen Staaten ist die Gefahr für Leib und Leben Homosexueller evident, so zum Beispiel in Uganda, Russland, Iran oder Ägypten. Im vergangenen Jahr stärkte der Europäische Gerichtshof die Rechte homosexueller Asylbewerber, ein Automatismus in der Anerkennung als Fluchtgrund gibt es meist aber nicht. Für viele Asylbewerber ist die Situation, mit fremden Menschen – meist ungeschulten Beamten – über die eigene Sexualität zu sprechen, extrem belastend. Nicht wenige Betroffene beklagen zudem, dass sie von Übersetzern eingeschüchtert würden, wenn sie den wahren Grund ihrer Flucht erwähnen.

Keine Zahlen über Homosexualität als Asylgrund

In Deutschland taucht Homosexualität als Asylgrund gar nicht in der Statistik auf. Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) fordert schon lange, dass die sexuelle Orientierung in die Erhebung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) aufgenommen wird. Anfang des Jahres stellte die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen eine kleine Anfrage zur Anzahl der LGTBQI-Flüchtlinge in Deutschland. Die Antwort der Bundesregierung: Im Rahmen des Umsiedlungsprogramms des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR habe die Bundesrepublik im Jahr 2012 drei homosexuellen Personen Asyl gewährt: zwei Iranern und einem Iraker. Eine Zahl, die verwundert, zumal man alleine in den Berliner Flüchtlingsheimen viele Betroffene trifft.

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Ausstellung "Homosexualität_en" im DHM
Ausstellung "Homosexualität_en" im DHM

„Ich habe in Tunesien sehr gelitten“, erzählt Yosr. Über ihre Familie will sie nicht viel erzählen. Ihre Mutter habe Diabetes und hohen Blutdruck. Yosr glaubt, sie würde sterben, wenn sie wüsste, dass ihre älteste Tochter eine Lesbe sei und nie einen Mann heiraten werde. „Sie sagte neulich zu mir, dass sie nach einem Bräutigam für mich suche, ich sei ja schon alt.“ Doch Yosr will nicht wie eine lesbische Bekannte enden, die einen Schwulen geheiratet habe. Was erst eine Win-win-Situation für beide zu sein schien, war schließlich ein Leben aus Lügen. Nein, ein Outing vor ihrer Familie komme niemals infrage: „Der Mann meiner Schwester würde sich von unserer ganzen Familie trennen, er würde durchdrehen.“

Und trotz des schwierigen Starts und der Ungewissheit, wie über ihren Asylantrag entschieden wird, bereut Yosr ihre Entscheidung nicht. „Wenn ich etwas bereue, dann nur die Tatsache, dass ich so viele Jahre gewartet habe – ich hätte viel früher fliehen müssen“, sagt sie. Irgendwie ist sie auch stolz, dass sie diesen Schritt gewagt hat. Yosr versucht, immer das Positive zu erkennen. Sie scherzt gerne und fragt, wie viel eine Kontaktanzeige im Tagesspiegel koste und ob es einen Flüchtlingsrabatt gebe. Denn was sie brauche, sei lediglich die Liebe einer netten, hübschen Frau.

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