Berliner Aids-Hilfe : Wo Migranten mit HIV unterstützt werden

Die Berliner Aids-Hilfe berät und unterstützt Migranten mit HIV, die nicht krankenversichert sind - und dadurch in akuter Lebensgefahr.

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Die Aids-Hilfe berät Migranten.
Die Aids-Hilfe berät Migranten.Foto: dpa

Sie kommen aus dem Baltikum, Spanien, Italien oder Griechenland, aber auch aus Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt. Einige haben früher bereits lange in Deutschland gelebt, sind in ihre Heimat zurückgekehrt und merken nun, dass sie hier keinen Zugang zum Sozialsystem mehr haben. Andere fühlen sich in ihren Herkunftsländern als Schwule oder Transmenschen diskriminiert. Wieder andere leben und arbeiten seit Jahrzehnten ohne Papiere hier. Fast alle haben eines gemeinsam: Sie fallen durch das Raster der sozialen Sicherungssysteme, sind nicht krankenversichert – und dadurch in akuter Lebensgefahr.

Sergiu Grimalschi berät zusammen mit seiner Kollegin Céline Simon bei der Berliner Aids-Hilfe Migrantinnen und Migranten mit HIV, unterstützt von einem Team von Ehrenamtlichen, Freiwilligen und Dolmetschern. Letztere braucht er aber nur selten: Der gebürtige Rumäne und studierte Philologe spricht acht Sprachen und arbeitet in Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre in der Aids-Hilfe – als Streetworker, Netzwerker und Koordinator verschiedener Aids-Hilfe-Projekte in Osteuropa.

Viele können keinen Arzt aufsuchen

„Es sind meist keine Flüchtlinge, die zu uns kommen“, stellt Sergiu Grimalschi klar, „denn sobald der Asylantrag gestellt ist und sie an ihrem Wohnsitz bleiben, haben sie Zugang zu medizinischer Versorgung.“ Wer ihm gegenübersitzt, kann in der Regel keinen Arzt aufsuchen. „Nur wenige engagierte Krankenhäuser wie das Auguste-Viktoria-Klinikum gehen in Verlust und behandeln alle lebensgefährlich Erkrankten“, sagt der Sozialarbeiter. Am Ende sei die Rechnung oft um einiges höher, als eine rechtzeitige Behandlung ein Leben lang gekostet hätte.

Am Beginn der Beratungsarbeit steht daher meist die Krisenintervention. Ein Großteil der Hilfe, die Grimalschi organisiert ist „ad-hoc und improvisiert“, sagt er. Wie durch ein Wunder funktioniere es meist trotzdem, dank eines tollen Netzwerks von Kollegen, Ärzten, Ehrenamtlichen und Spendern; zu den Unterstützern der Berliner Aids-Hilfe gehört auch die Deutsche Aids-Stiftung. „Wir betreuen die Menschen so lange, bis wir ihnen Zugang zur Krankenversicherung verschaffen können.“

Das Wartezimmer ist fast immer voll

Doch das gelingt nicht immer, es gibt auch Tote, „hier in Berlin, mitten in Europa“, empört sich der engagierte Migrations-Referent und verweist auf viele seit Jahren diskutierte Wege zur Verbesserung der Lage, die Politik, Krankenkassen und Pharmaindustrie bisher nicht beschritten hätten: der anonyme Krankenschein, die Öffnung der Kassen für Mitglieder ohne geregelten Aufenthalt, die Senkung der Beiträge für Mittellose.

Der Alltag für die Berater ist kräftezehrend, das Wartezimmer fast immer voll, „schwule Männer und Frauen mit Kopftuch neben Drogengebrauchenden und Sexarbeiterinnen“, erzählt Sergiu Grimalschi. Doch das Wissen, Leben zu retten, spornt ihn immer wieder an. Silke Zorn

Der Text erschien in der gedruckten Ausgabe in der Sonderbeilage "Deutsche Aids-Stiftung" zur 22. Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung.

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