Bundesärztekammer : Blutspendeverbot für Schwule offenbar vor Lockerung

Männer, die Sex mit Männern haben, sollen Blut spenden dürfen - wenn sie ein Jahr lang enthaltsam waren. Der Aids-Hilfe geht das nicht weit genug.

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Nur drei Prozent der Deutschen spenden regelmäßig Blut - Schwule waren bisher komplett ausgeschlossen.
Nur drei Prozent der Deutschen spenden regelmäßig Blut - Schwule waren bisher komplett ausgeschlossen.Foto: Patrick Pleul/dpa

Das Blutspendeverbot in Deutschland für schwule Männer soll offenbar gelockert werden – zumindest ein bisschen. Künftig sollen sie für eine Spende zugelassen werden, wenn sie zwölf Monate keinen Sex mehr gehabt haben. Das geht aus einer Novelle der entsprechenden Richtlinien der Bundesärztekammer hervor, die dem Tagesspiegel vorliegt und auch schon auf der Webseite der Bundesärztekammer zu finden ist (siehe hier).

Die Novelle, die die Bundesärztekammer im Einvernehmen mit dem Paul-Ehrlich-Institut, dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Impfungen, erarbeitet hat, soll am Montag offiziell vorgestellt werden. Bis dahin werde man sich zu dem Thema nicht öffentlich äußern, sagte ein Sprecher der Ärztekammer auf Anfrage.

Ob potenzielle Spender tatsächlich enthaltsam gelebt haben, werden sie selber sagen müssen: Schon jetzt müssen sie immer vorab Auskunft geben, ob sie zu einer Risikogruppe gehören. Getestet wird jede Spende aber ohnehin intensiv, Deutschland gehört weltweit zu den sichersten Länder.

Kritik: Schwule wurden unter Generalverdacht gestellt

Das pauschale Verbot gilt bislang für alle „Männer, die Sex mit Männern haben“, wie die Gruppe im Medizinerjargon heißt: Für Schwule genauso wie für Bisexuelle und überhaupt für alle Männer, die nur einmal einen Sexualkontakt mit einem Mann hatten. Begründet wurde der Ausschluss damit, dass sie ein deutlich höheres Risiko für Infektionskrankheiten als andere Gruppen tragen.

Tatsächlich entfallen auf Männer, die Sex mit Männern haben, zwei Drittel aller HIV-Neuinfektionen. Das rechtfertige aber keinen lebenslangen Pauschalausschluss, wird von Homosexuellen-Verbänden, aber auch in der Wissenschaft kritisiert. Nicht nur, weil sich Testverfahren seit langem verbessert haben. Auch würden Schwule unter Generalverdacht gestellt. Unterstellt wird, dass alle risikoreichen Sex haben. Damit würden auch diejenigen an der Blutspende gehindert, die Safer Sex praktizieren.

Bei Heterosexuellen sind dagegen nur diejenigen von der Blutspende ausgeschlossen, die tatsächlich häufigen ungeschützten Verkehr mit wechselnden Partnern haben. Auch für sie soll künftig eine Karenzzeit von einem Jahr gelten.

Auch Gesundheitsminister setzen sich für eine Lockerung ein

Im vergangenen Jahr hatten sich bereits die Gesundheitsminister aller Bundesländer dafür eingesetzt, homo- und bisexuelle Männer nicht mehr grundsätzlich von der Blutspende auszuschließen. Auch das Paul-Ehrlich-Institut hat das bereits empfohlen, ebenso ein gemeinsames Gutachten von Bundesgesundheitsministerium, Bundesärztekammer, Robert-Koch-Institut und Paul-Ehrlich-Institut.

In Ländern wie Frankreich oder den USA gilt die Regel mit der einjährigen Enthaltsamkeit bereits. In Großbritannien soll der Zeitraum ab 2018 auf drei Monate verkürzt werden.

Aids-Hilfe: HIV lässt sich schon nach sechs Wochen ausschließen

Die Deutsche Aids-Hilfe kritisierte die geplante Lockerung in Deutschland in einer ersten Reaktion als nicht weitgehend genug, auch wenn es ein Schritt in die richtige Richtung sei. "Eine HIV-Infektion kann man heute sechs Wochen nach dem letzten Risiko sicher ausschließen. Diese Frist wäre nachvollziehbar – eine längere schließt viele Menschen weiterhin unnötig von der Blutspende aus“, sagte Sprecher Holger Wicht. Da die verfügbaren Testverfahren HIV nur mit einem gewissen zeitlichen Abstand nach der Ansteckung nachweisen könnten, sei der „freiwillige Selbstausschluss“ von Menschen mit erhöhtem Risiko für die Sicherheit von Blutspenden wichtig. Schwule und bisexuelle Männer würden da zwar zu den Gruppen mit einem statistisch deutlich höheren HIV-Risiko gehören. "Der pauschale Ausschluss war jedoch viel zu weitreichend", sagt Wicht.

Wünschenswert wäre ein Verfahren, das reale Risiken von potenziellen Spendern in den Blick nimmt, ohne dass die Sicherheit von Blutspenden beeinträchtigt wird. Ein solches Verfahren zu finden, sei jedoch schwierig, unter anderem weil bei Befragungen manche Menschen ihr HIV-Risiko nicht richtig einschätzen.

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