Geschlecht machen : Gender-Ideologie in Deutschland

"Ist es ein Junge oder ein Mädchen?" Die Gesellschaft stellt Geschlecht selbst her - das ist offensichtlich. Ihre Gender-Ideologie verlangt aber, dass alles ganz "natürlich" aussehen soll.

Heinz-Jürgen Voß
Ken und Barbie mit drei Töchtern.
Ganz natürlich? Die Gender-Erwartungen der Gesellschaft werden schon an Neugeborene herangetragen.Foto: p-a/dpa

„Es ist nur allzu bekannt, dass der Vorwurf, man befinde sich in der Ideologie, immer nur den anderen gegenüber gemacht wird, nie sich selbst gegenüber“, schrieb der Philosoph Louis Altusser in seinem Essay Ideologie und ideologische Staatsapparate (1970, dt. 1971, online unter www.b-books.de/texteprojekte/althusser/index.html). Es „glauben sich (gerade) diejenigen, die sich in der Ideologie befinden, (…) außerhalb der Ideologie“. Erst ein wissenschaftlicher Zugang ermögliche es partiell, einen Blick von außen auf Ideologie zu gewinnen. Wobei auch dieser Blick beschränkt sein kann (und oft beschränkt sein wird), weil Ideologie auch Wissenschaften durchzieht.

Althusser wirft einen kritischen Blick auf die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereiche, in denen Ideologie – die er als unhinterfragtes Tun versteht – die primäre Form darstelle, die Menschen zu regieren, während repressive Formen sekundär blieben. So „‚dressieren‘ die Schule und die Kirchen (zwar repressiv) mit den entsprechenden Methoden der Strafe, des Ausschlusses, der Auswahl usw.“, werden die Kinder dort aber im Wesentlichen nicht-repressiv in die ideologische Struktur der Gesellschaft eingebunden. Sie werden in Schule, Kirchen etcetera zu Subjekten geformt und mittels Ideologie regierbar gemacht.

Ideologie ist die wichtigste Form der Ausübung von Herrschaft

Ideologie ist in einem solchen wissenschaftlich-analytischen Sinne - der den aktuellen Debatten oftmals abgeht - nichts, was ein Mensch einfach annimmt und aussagt, sondern Ideologie ist stets im Kontext der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse und Ordnungsstrukturen zu betrachten. Deshalb spricht Althusser auch von „ideologischen Staatsapparaten“, weil in den gesellschaftlichen Bereichen, die der italienische Marxist Antonio Gramsci als „Zivilgesellschaft“ bezeichnete, Ideologie die wichtigste Form der Ausübung von Herrschaft sei. Als solche Bereiche, in denen Ideologie primär wirke und die entsprechend als „ideologische Staatsapparate“ zu betrachten seien, führt Althusser das religiöse Leben, die Schule, die Familie, das Justizwesen, die Politik, die Gewerkschaften, die Medien und die Kultur in ihrer ganzen Breite, von der Literatur bis zum Sport, an.

Bürgerliche Ideologien funktionalisieren die Frau zur Hausfrau

Ein klares und weithin bekanntes Beispiel ist die Forderung, die aus der Frauenbewegung kam, auch das Private als politisch zu betrachten. Im Privaten, in der Familie zeigten sich die gesellschaftlichen Strukturen und die bürgerlichen Ideologien – wie zum Beispiel die Funktionalisierung der Frau zur Hausfrau und Kinderbetreuerin. Aktuelle feministische Kongresse thematisieren diese und weitere Fragestellungen, etwa die Doppelbelastung für Frauen mit Erwerbs- und Reproduktionsarbeit (Sorgearbeit), und die intersektionale Verschränkung der Geschlechterverhältnisse mit Rassismus und Klassenverhältnissen. Auch weiße Frauen profitieren etwa von den rassistischen Verhältnissen und der Überausbeutung des globalen Südens durch den Norden.

Es handelt sich – im wissenschaftlich-analytischen Verständnis nach Althusser – einmal um rassistische Ideologie, die die Räume von Menschen begrenzt, die in der deutschen Gesellschaft als „migrantisch“ markiert werden, und zum anderen um eine Gender-Ideologie, die den Raum sogar von weißen bürgerlichen Frauen einengt und festlegt – und selbst diesen Frauen ihre Lage manchmal als „gerecht“ und „sinnvoll gerechtfertigt“ erscheinen lässt. Diese Beispiele sind hinlänglich bekannt – erinnert sei nur an die Bücher Guten Morgen, du Schöne (Maxi Wander 1977) und den Auftaktband der Schwarzen deutschen Frauenbewegung Farbe bekennen: Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte (1986 herausgegeben von Katharina Oguntoye, May Ayim und Dagmar Schultz). - Schwarz wird definitionsgemäß hier auch in der adjektivischen Form groß geschrieben, da es um eine marginalisierte Position geht, nicht um irgend ein Merkmal, das essentialisiert werden könnte.

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