In Berlin wird in Heimen täglich die Polizei gerufen

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Konflikte in Berliner Flüchtlingsheimen : Aus der Heimat geflohen, Hass im Gepäck
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Viele Schlägereien entzünden sich daran, dass einer die Frau eines anderen anschaut. In einem Heim hat ein Afghane mal aus Rache auf dem Bett eines Irakers seinen Darm entleert. Die intellektuell Unterlegenen lassen ihren Frust an den körperlich Unterlegenen aus.

In Berlin wird in Heimen täglich die Polizei gerufen, oft wegen Nötigung und Körperverletzung. Das Präsidium teilt mit, erst im Laufe des vergangenen Jahres seien Straftaten in den Unterkünften gezielt erfasst worden. Bekannt ist, dass es regelmäßig Hausverbote gibt. Sie sind nicht immer durchzusetzen, denn der Heimleiter muss sichergehen, dass der Täter unterkommt. Turnhallen, Ex-Büros, alte Kliniken sind belegt. Der Senat baut für 78 Millionen Euro nun Wohncontainer mit 15 000 Plätzen.

Auch integrationspolitisch will der Senat aufrüsten. „Wer die Sprache eines Landes nicht kann, versteht oft dessen Werte nicht“, sagt Christoph Lang, der Sprecher von Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD). Zu den Flüchtlingen, die in Berlin die vom Bund bezahlten Integrationskurse besuchen, bietet Kolat zusätzlich Deutschklassen an, die das Land selbst bezahlt. Immerhin 6000 Männer und Frauen nahmen 2015 daran teil, nun sollen es mehr werden. Im Unterricht gibt es bald auch Wertemodule, sozusagen Einführung in den Westen. Die ersten 2200 Asylbewerber arbeiten als Ein-Euro-Jobber. Sie sollen außerhalb der Unterkünfte helfen, um andere Menschen kennenzulernen.

Geschätzt 50 Prozent sind Analphabeten

Eine reguläre Arbeitserlaubnis erhalten Asylbewerber frühestens nach drei Monaten. Es gibt Schätzungen, wonach 50 Prozent von ihnen Analphabeten sind. Auf dem Arbeitsmarkt haben sie keine Chance, wenn selbst Ahmed und Mohammed – die Arabisch schreiben und schon deutsche Phrasen können – keinen Job bekommen. Laut Bundesagentur für Arbeit werden nach einem Jahr zehn Prozent der Flüchtlinge arbeiten.

Zurück in die Heimküche. Abdul aus Kabul hat bislang wenig verstanden, denn er ist Turkmene. Abdul spricht wie in Afghanistan üblich Persisch, vor allem aber Turkmenisch, das mit dem Türkischen verwandt ist. Gut, dass der nächste Türkisch-Übersetzer vor der Tür steht. Wachmann Tamer ist Berliner mit türkischen Eltern. Gemächlich schreitet er zur Küche. Dass er nicht für immer in einem Heim arbeiten will, ist ihm anzusehen.

„Schwul, na ja, ganz normal ist das echt nicht“, schöpft Tamer ein wenig aus seinen eigenen Vorurteilen. Aber? „Abdul aber sagt, dass Schwule gar nicht auf die Erde gehören, wenn ich’s richtig verstanden habe.“

Abduls Frau, mit Kopftuch, und die Tochter setzen sich dazu. Abdul sagt, in Kabul habe man ihm erzählt, in Deutschland gebe es 3000 Euro Begrüßungsgeld. Der Mann, der ihm vom Begrüßungsgeld berichtet habe, sei angesehen – Tamer übersetzt es mit: ein Mann, dem viel gehört – ihm könne man glauben. Verweigere ihm die deutsche Regierung sein Geld?, will Abdul wissen.

Was, Mädchen dürfen nicht heiraten?

Wenn er erst mal eine Wohnung hat, will Abdul mehr Kinder. Und die Tochter soll heiraten. Mit 14, 15. Was, in Deutschland dürfen Frauen nackt am Strand liegen, Mädchen aber nicht heiraten?

Es gibt Mittagessen. Abduls Frau hat gekocht. Der Syrer und der Ägypter sind eingeladen. In den kommenden Monaten wird sich in ihrem Leben wenig ändern. Ohne Perspektive wärmt man sich leicht an den eigenen Ressentiments. Sollten für Neuankömmlinge die gleichen Maßstäbe gelten wie für Alteingesessene, dann jedenfalls säßen in dieser Heimküche drei Rechtsextreme.

Die vom Mob verfolgten Iraner aus Tempelhof sind bei einem Pfarrer untergekommen. Und Senatorin Kolat hat kürzlich ein Heim für schwule, lesbische und transsexuelle Flüchtlinge eröffnet. Gut, dass es das gibt.

Dieser Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegel am 26. Februar 2016.

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