Queer auf Russisch : Ein anderes Zuhause

Der Berliner Verein Quarteera engagiert sich gegen Homophobie in der russischsprachigen Community. Ein Gespräch mit dem Aktivisten Konstantin Sherstyuk.

Alexandra Belopolsky
Ein Demoplakat von Quarteera beim Berliner CSD.
Ein Demoplakat von Quarteera beim Berliner CSD.Foto: dpa

"Das einzige Geschäft, das ich hier machen würde, ist denen hier Gift zu verkaufen", sagt der Videoblogger hinter der Handykamera, als er die Zuschauer über den Berliner Christopher Street Day führt. "Man sollte die russische Fallschirmjäger und Luftlandetruppen hierher holen, sie würden hier schnell sauber machen". Mal spuckt er in die Richtung einer Transfrau, mal ärgert er sich über die polizeiliche Unterstützung der Veranstaltung. Fünfeinhalb Minuten dauert die Tirade, die zum größten Teil aus zensierten Schimpfwörtern besteht.

Das Video gehört zu "Rus Berlin", eine populäre Videoreihe von und für russischsprachige Community. Knapp 240 000 Menschen haben auf YouTube bereits ihre Sympathie für das Video gezeigt.

"Wir haben Anzeige bei der Polizei gestellt", sagt Konstantin Sherstyuk. Solche Hetze ist für ihn als Schwulen und als Aktivist nichts Neues. Der 28-Jährige ist Vorstandsvorsitzender des Berliner Vereins "Quarteera" für russischsprachige LGBTs und ihre Freunde. Hier seid ihr zu Hause, bedeutet der Name Quarteera, eine Zusammensetzung aus "Queer" und dem russischen "kwartira" (Wohnung, beziehungsweise Quartier). Seit 2010 kämpfen die Mitglieder gegen Homophobie unter in Deutschland lebenden Russen und anderen Menschen, die Russisch sprechen.

Queere Menschen sind nichts Mystisches

"Ich habe festgestellt, dass die Leute homophober werden, desto mehr russisches Fernsehen sie schauen", sagt Sherstyuk. Der dunkelhaarige junge Mann mit Intellektuellenbrille betreibt seit eineinhalb Jahren Quarteeras "AG Aufklärung" - eine Arbeitsgruppe, die russischsprachige Berliner über Lesben, Schwule, Bi- und Transgendermenschen informiert, um Vorurteilen entgegenzuwirken. "Unser Ziel ist, zu zeigen, dass LGBT nichts Mythisches, Weitentferntes ist. Wir existieren, man kann mit uns reden. Wir wollen nichts propagieren, niemanden auf unsere Seite locken oder die Sitten verderben. Wir suchen einfach einen Austausch und Toleranz uns gegenüber."

Es gibt keine genaue Angaben, wie viele russischsprachige Menschen - Gastarbeiter, Flüchtlinge, Einwanderer, und Menschen mit Migrationshintergrund - in Deutschland wohnen. Da Russisch in der ganzen ehemaligen Sowjetunion gesprochen wird, handelt es sich dabei um Menschen aus dem gesamten Raum zwischen dem Kaukasus und dem Baltikum. Dazu kommt, dass von der zweiten und dritten Einwanderergeneration nur ein Teil Russisch spricht, mit unterschiedlichem Niveau. Quarteera geht von etwa drei Millionen Russischsprachigen in der gesamten Bundesrepublik aus, davon etwa 300.000 bis 400.000 in Berlin. Noch schwieriger ist es einzuschätzen, wie viele von ihnen zur LGBT-Gruppe zählen. Wenn man von einem Anteil von fünf bis zehn Prozent ausgeht (wie in der Gesamtbevölkerung) dürfte es sich um etwa 15.000 bis 30.000 Berliner handeln.

Queerspiegel - Der Tagesspiegel-Blog für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen und für alle, für die die Welt bunt wie ein Regenbogen ist.

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