Queer-feministischer Hip-Hop : Feiern gegen Frauen*feindlichkeit

Zwei Berlinerinnen wollen die männlich dominierte Hip-Hop-Partyszene aufmischen. Dazu holen sie sich weibliche, queere und transsexuelle DJs ans Pult.

Nora Noll
Die Gründerinnen Gizem Adiyaman und Lucia Luciano sind schon lange Homies.
Die Gründerinnen Gizem Adiyaman und Lucia Luciano sind schon lange Homies.Foto: Doris S.-Klaas

Hoe_mies. In schwarzer Sprechblase prangt das Logo vor einer stilisierten, pink-gelb leuchtenden Vulva. Man muss schon etwas Hip-Hop-versiert sein, um das Wortspiel zu verstehen: „Hoe“, ein abfälliger Slang-Begriff für eine sexuell aktive Frau, „Homie“, eine coole Bezeichnung für einen guten Kumpel.

Hoe_mies, das sind Gizem Adiyaman und Lucia Luciano. Die beiden 26-jährigen Berlinerinnen haben ein Party-Kollektiv gegründet, das sich auf queer-feministischen Hip-Hop konzentriert. Der Name spricht für ihr Konzept: Sie nehmen etwas männlich Dominiertes und eignen es sich aus ihrer weiblichen Perspektive an. „Wenn wir uns das Wort ‚Hoe‘ aneignen, nehmen wir ihm die Kraft. Denn niemand sollte für seinen Lebensstil oder seine Sexualität als Hoe geshamed werden“, so erklärt Gizem das Wortspiel.

"Mach doch deine eigene Party"

Und Homies sind die beiden sowieso. Gizem und Lucia kennen sich, seit sie sieben sind, sie hatten den gleichen Schulweg und die gleichen Interessen: Gemeinsam tanzen, gemeinsam singen. „Einmal haben wir zu zweit bei einer Talentshow in der Schule mitgemacht und einen Song von Marvin Gaye gesungen“, erzählt Lucia. Mit der Zeit sind ihre Projekte größer geworden – und politischer.

Gizem hat sich schon 2016 feministisch engagiert und sich unter dem Hashtag #ausnahmslos mit 21 anderen Feministinnen zu den sexuellen Belästigungen in der Kölner Silvesternacht positioniert. Davor war sie hauptsächlich antirassistisch aktiv und arbeitet immer noch bei „I,Slam“, einer muslimischen Poetry-Slam-Gruppe. Die Idee für eine queer-feministische Hip-Hop-Party kam ihr nach dem Feiern. Sie war auf eine Party extra für Frauen gegangen, beworben mit dem Gesicht der US-amerikanischen Rapperin Lil‘ Kim und einer Musikauswahl der besten weiblichen R’n’B-Interpretinnen der 90er und Nullerjahre, „eigentlich voll nach meinem Geschmack“. Aber im Laufe des Abends zeigte sich, dass keine einzige Frau auflegte, das DJ-Lineup war durchweg männlich. Gizem wandte sich an den Veranstalter, der ließ sich auch auf ein Gespräch ein. „Aber schließlich meinte er, Berlin sei ihm viel zu politisch, und wenn mir seine Party nicht passe, solle ich doch meine eigene machen. Und ich dachte nur: Okay, warum nicht.“

"Bewertende Blicke sind unangenehm"

Mit einem langen Post auf Facebook kündigte sie ihr neues Projekt an und holte ihre Freundin Lucia mit ins Boot. Auch Lucia geht gern feiern, produziert und mixt eigene Sets und stört sich an der Stimmung in manchen Clubs. „Der Vibe auf Hip-Hop-Partys ist mir manchmal zu aggressiv und zu cool. Ich mach mich zwar gern zurecht, aber die vielen Blicke und das Bewertetwerden finde ich unangenehm.“

Lucia war selbst noch nicht in politischen Gruppen aktiv, aber sie integriert ihre persönlichen feministischen Ansichten in ihr Leben als Schauspielerin, Studentin oder Musikerin: „Als Frau und als PoC (Person of Color) bin ich zwangsläufig mit diesen Themen konfrontiert.“ In ihrem Literaturstudium hat sie sich mit afrodeutscher Literatur und der darin verarbeiteten Identitätskrise auseinandergesetzt – das Paradox, in Folge alltäglicher Rassismen als jemand „Exotisches“ behandelt zu werden, gleichzeitig aber deutsch sozialisiert zu sein, kennt Lucia selbst nur zu gut.

Die Party ist erst der Anfang

Bei Hoe_mies geht es nun aber nicht um Hautfarben, sondern um die festgefahrenen Geschlechterrollen im Hip-Hop. Weil Lucia in ihrem Freundeskreis einige homosexuelle, queere und Trans-Menschen hat, von denen sich manche eine tolerante und offenere Hip-Hop-Szene wünschen, weiten die beiden Freundinnen Hoe_mies bewusst auf Frauen* aus. Ein Sternchen für alle queeren und Transpersonen, die sich im Hip-Hop unterrepräsentiert fühlen.

Fünf weibliche* und genderqueere DJs sollen den Club Beate Uwe zum Beben bringen mit Hip-Hop, Afrobeats, Dancehall, Reggaeton, RnB, Trap und Grime. Gizem und Lucia haben die Künstlerinnen über Bekannte gefunden und sich an Berliner Queer-Gruppen gewandt. Die Resonanz sei riesig gewesen, erzählt Lucia – für sie eine Bestätigung, dass Hoe_mies als Plattform gebraucht wird. Es soll nicht bei Partys bleiben: Gizem schwebt ein „learning space“ vor, ein Angebot von Workshops und individueller Unterstützung für weibliche* Hip-Hop-DJs. „Wir wollen Räume schaffen, wo Frauen* im Vordergrund stehen, wo sie ihr Ding machen, sich ausprobieren und weiterentwickeln können.“

"Wir können etwas verändern"

Die Frauen* stehen im Vordergrund, auf der kommenden Party werden aber nicht nur Hip-Hop-Interpretinnen gespielt werden. „Wir wollen natürlich nicht die künstlerische Freiheit der DJs einschränken“, sagt Gizem. Und in manchen Genres seien Interpretinnen tatsächlich selten, für sie ein weiteres Zeichen struktureller Benachteiligung. Bis sich die Hip-Hop-Szene im Ganzen weg von Frauen- und Schwulenfeindlichkeit bewegt, müsse noch viel passieren. Aber Gizem sieht das optimistisch: „Wenn wir alle versuchen, ein bisschen Einfluss auf unser persönliches Umfeld zu nehmen, dann können wir etwas verändern.“

Der erste Schritt ist getan – die eigene Party steht. Heute Abend können sich auch die männlichen Homies von der weiblichen* Hip-Hop-Power überzeugen.

Die Party findet am Freitag, 05. Mai ab 23 Uhr im Beate Uwe statt, Schillingstr. 31. Der Eintritt kostet acht Euro.

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