Queer weiß das (49) : Wollt ihr Kinder in der Schule "frühsexualisieren"?

Neue Folge unserer Kolumne Heteros fragen, Homos antworten: Diesmal geht es um die rechtspopulistische Kritik am Sexualkundeunterricht.

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Aufgeklärt. Schülerinnen und Schüler in der Pubertät lernen in der Schule auch etwas über sexuelle Orientierungen.
Aufgeklärt. Schülerinnen und Schüler in der Pubertät lernen in der Schule auch etwas über sexuelle Orientierungen.Foto: Julian Stratenschulte/dpa/picture-alliance

Immer wieder ist zu hören, Homosexuelle wollten kleine Kinder mit staatlicher Unterstützung „frühsexualisieren“. Die AfD hat sogar eigens eine Erklärung gegen „Frühsexualisierung“ beschlossen. Was hat es damit auf sich? Andrea, Steglitz

Hier geht es um einen besonders üblen Fall von Propaganda. Sie richtet sich gegen Lesben und Schwule, zielt aber auch generell auf die staatliche Sexualpädagogik mit ihrem aufklärerischen Impetus. Der Begriff „Frühsexualisierung“ wurde besonders durch die „Demos für alle“ in Umlauf gebracht. Seit ein paar Jahren kämpft dieses Bündnis von christlichen Fundamentalist*innen und Rechtspopulist*innen gegen eine angeblich immer mehr um sich greifende „Gender-Ideologie“ und gegen neue Bildungspläne.

In der sogenannten „Magdeburger Erklärung“ der AfD-Fraktionen heißt es dazu (stilecht in alter Rechtschreibung): „Wir wenden uns dagegen, daß unsere Kinder in Schule und Kita mit scham- und persönlichkeitsverletzenden Inhalten in Wort, Bild und Ton konfrontiert werden.“

Kein Bundesland hält seine Lehrkäfte dazu an, Kinder zu "sexualisieren"

Plant der Staat tatsächlich, wehrlose Kinder zu „sexualisieren“? Und was soll das überhaupt bedeuten? Dass Lehrkräfte in der Grundschule sexuelle Praktiken erörtern oder Sexspielzeug herumreichen? Das wäre tatsächlich ein Skandal. Indes: Belege dafür blieben die „Demo für alle“ und die AfD bislang schuldig. Kein Bundesland hält seine Lehrkräfte dazu an, Kinder zu „sexualisieren“.

Den Organisator*innen des Protests geht es vielmehr darum, ein wichtiges Ziel der neuen Bildungspläne in die Schmuddelecke zu rücken: die Förderung von Akzeptanz für die „Vielfalt der partnerschaftlichen Beziehungen, sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten“, wie es etwa im Hessischen Bildungsplan heißt. So sollen Sechs- bis Zehnjährige nicht nur etwas über Schwangerschaft und Geburt lernen, sondern auch über unterschiedliche Familienkonstellationen, darunter auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Und Zehn- bis Zwölfjährige sollen über Pubertät, Zeugung und eben auch über sexuelle Orientierungen informiert werden.

Die Erzkonservativen fühlen sich provoziert

Dass in der Schule das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung gelehrt werden soll, dass lesbische und schwule Liebe als gleichwertig dargestellt werden soll, provoziert die Erzkonservativen. Sie befürchten offenbar, dass Schüler*innen sich verwirrt vom Heteroleben abwenden, sobald man ihnen die Wahl lässt – und das ist für solche Kräfte ein schrecklicher Gedanke. Geht es nach ihrem Willen, soll Schüler*innen wohl beigebracht werden, dass Homo-Liebe defizitär und wahre Liebe Heteros vorbehalten ist. Wie jämmerlich!

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Dieser Text erschien zunächst in der gedruckten Sonnabendsbeilage Mehr Berlin.

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