Studie zu jungen Homo- und Transsexuellen : Der Kummer mit dem Coming-out

Junge Lesben, Schwule und Trans* müssen auch heute mit Ablehnung von Eltern und Freunden rechnen. Das zeigt die erste große Studie zum Coming-out.

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Studien zeigen, dass trotz aller gesellschaftlichen Fortschritte ein Coming Out heute noch immer nicht problemlos verläuft.
Studien zeigen, dass trotz aller gesellschaftlichen Fortschritte ein Coming Out heute noch immer nicht problemlos verläuft.Foto: Paul Zinken/dpa/p-a

„Mama, ich bin lesbisch.“ Jugendlichen, die homosexuell sind, fällt ihr Coming-out trotz einer größeren gesellschaftlichen Liberalität nicht leicht. Die meisten befürchten, dass sich Eltern und Freunde von ihnen abwenden. Tatsächlich erlebt die Mehrheit der homosexuellen Jugendlichen nach dem Coming-out abweisende oder gar feindselige Reaktionen von Familienmitgliedern oder Schulkameraden. Das geht aus der Studie „Coming-out – und dann …?“ des Deutschen Jugendinstituts (DJI) hervor, die vom Bundesfamilienministerium gefördert wurde.

Eltern nehmen die sexuelle Orientierung ihrer Kinder oft nicht ernst

In die Studie gingen die Ergebnisse einer Online-Befragung von über 5000 von der heterosexuellen Norm abweichenden Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 27 Jahren ein, neben lesbischen, schwulen und bisexuellen auch von transidenten Jugendlichen, die sich mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht identifizieren. Daneben interviewten die Wissenschaftlerinnen Claudia Krell und Kerstin Oldemeier 40 der Teilnehmenden. Bisher würden kaum belastbare Erkenntnisse über das Aufwachsen von lesbischen, schwulen (engl. gay), bisexuellen und Trans- (abgekürzt LGBT) Jugendlichen existieren, schreiben die Forscherinnen. Selbst in großen Jugendstudien werde diese Gruppe kaum berücksichtigt.

Der Coming-out-Studie zufolge berichten fast 64 Prozent der LGBT-Jugendlichen, Eltern und Geschwister würden ihre geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung nicht ernst nehmen (63,5 Prozent) oder sie absichtlich ignorieren (47 Prozent). Beschimpft, beleidigt oder lächerlich gemacht wurden von Familienmitgliedern fast 17 Prozent, die Androhung von Gewalt erlebten vier Prozent, körperliche Attacken fast drei Prozent. Allerdings berichten auch viele Jugendliche, ihre Eltern hätten sich nach einer gewissen Zeit an die LGBT-Lebensweise ihres Kindes gewöhnt und akzeptierten diese auch (hier geht es zur gesamten Studie).

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Anja Weber hat Leon Strauß für die Ausstellung „Trans* in der Arbeitswelt“ fotografiert.

Viele sehen feindselige Reaktionen voraus

Ein hoher Anteil von LGBT-Jugendlichen erfuhr nach seinem Coming-out auch in der Schule, Hochschule oder am Arbeitsplatz feindselige Reaktionen. Über die Hälfte wurde dort „beschimpft, beleidigt oder lächerlich gemacht“. Über ein Drittel fühlte sich ausgeschlossen, fast 13 Prozent wurde körperliche Gewalt angedroht, fast zehn Prozent wurden körperlich angegriffen. Besonders unter den 14- bis 17-Jährigen erfahren viele Diskriminierungen, am häufigsten in Großstädten.

LGBT-Jugendliche sehen feindselige Reaktionen vor ihrem Coming-out durchaus voraus. 74 Prozent erklärten in der Umfrage, sie hätten die Ablehnung von Freunden befürchtet. 70 Prozent rechneten mit der Ablehnung durch Familienmitglieder. Zwei Drittel waren darauf gefasst, „verletzende Bemerkungen oder Blicke“ zu erleben. 60 Prozent rechneten mit Problemen in der Schule oder am Arbeitsplatz; 20 Prozent mit körperlicher Gewalt.

Trotzdem gehen die LGBT-Jugendlichen das Risiko des Coming-outs ein. „Viele Jugendliche berichten, dass sich über die Zeit ein enormer Handlungsdruck aufbaut“, schreiben die Wissenschaftlerinnen. „Ich wollte mit jemandem über meine Gefühle reden“, sagte in der Umfrage über die Hälfte. „Ich wollte mich nicht mehr verstellen müssen“, sagte fast die Hälfte.

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Überraschend positiv reagieren die besten Freunde

Während viele LGBT-Jugendliche sich nach ihrem Coming-out von ihren Eltern, in der Schule, der Hochschule oder am Arbeitsplatz diskriminiert fühlen, berichten aber auch viele von für sie überraschend guten Reaktionen der besten Freundinnen und Freunde. 40 Prozent machen aber auch hier negative Erfahrungen.

Dass das Coming-out überhaupt nötig ist, liegt an den allgegenwärtigen Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft. Sie geht davon aus, dass alle Jugendlichen der heterosexuellen Norm entsprechen, schreiben die Wissenschaftlerinnen. So müssten LGBT-Jugendliche falsche Vorannahmen über sich „richtigstellen“, was das Coming-out unweigerlich beinhaltet. Anders als aus der Mehrheitsgesellschaft heraus oft behauptet geht es Homo- oder Bisexuellen beim Coming-out also keineswegs darum, sich anderen mit Details aus dem eigenen Intimleben aufzudrängen, sondern um eine wichtige Klarstellung zur eigenen Identität.

Das Coming-out als Mittel der Selbstermächtigung

Geprägt wurde die Wendung des „Coming out of the closet“ („Herauskommen aus dem Schrank“) bei der Stonewall-Revolte 1969 in New York, bei der Schwule, Lesben und Transgender sich gegen regelmäßige brutale Polizeiübergriffe zur Wehr setzten. Seitdem gilt das Coming-out bei den LGBT als Mittel der Selbstermächtigung. „Das Coming-out erleichtert LGBT-Jugendlichen eine offene und selbstbestimmte Lebensführung“, schreiben die Autorinnen. „Damit ist ein Coming-out eine Strategie der Emanzipation.“

Sie geben aber zu bedenken, das Coming-out könne auch „als normativer Bekenntniszwang“ verstanden und gefordert werden: „Dieses Dilemma, etwas zutiefst Persönliches – die eigene sexuelle oder geschlechtliche Lebensweise – öffentlich zu machen, muss jede_r Jugendliche für sich aushandeln. Das ist eine enorme Herausforderung.“ Den LGBT steht sie lebenslang bevor: An jedem neuen Arbeitsplatz oder in jedem neuen Sportverein müssen sie wieder entscheiden, ob sie „herauskommen“.

Das "innere Coming-out" erleben die meisten zwischen 13 und 16

Ihr „inneres Coming-out“, also das Bewusstwerden über die eigene Orientierung, erleben die meisten lesbischen, schwulen und bisexuellen Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren (37 Prozent). Knapp 16 Prozent sagten in der Umfrage: „Ich wusste es schon immer.“ Dieser Anteil ist in der Gruppe der Trans größer: 28 Prozent wussten schon immer, dass ihre geschlechtliche Identität nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht. „Die Unsicherheit über das zu Beginn des inneren Coming-out als nicht-passend wahrgenommene sexuelle oder geschlechtliche Erleben führt vielfach zu Belastungen, Entbehrungen und Ängsten“, schreiben die Wissenschaftlerinnen. Viele Jugendliche versuchten, ihre „wahren Gefühle“ zu verdrängen. Dabei entwickelten sich bei einigen „therapierelevante psychische und psychosomatische Symptome“.

Als besondere Domäne der heterosexuellen Norm erleben die LGBT-Jugendlichen den Sport und dort besonders den Fußball. Männliche Jugendliche würden als „unmännlich“ und „schwul“ verspottet, wenn sie nicht oder nicht gut Fußball spielten. Weiblichen Jugendlichen werde die „Weiblichkeit“ abgesprochen, wenn sie Fußball spielten. Viele Trans-Jugendliche gaben in der Umfrage an, teilweise schon seit der Kindheit auf sportliche Aktivitäten verzichtet zu haben, „weil die zwingende Relevanz einer Geschlechtlichkeit, der sie nicht angehören, unangenehm und schambesetzt ist“.

Lehrer sind oft keine Hilfe

Lehrer sind für die LGBT zu oft keine große Hilfe. Fast 43 Prozent der befragten LGBT gaben an, ihre Lehrer hätten „nie“ gezeigt, „dass sie ,Schwuchtel‘, ,schwul‘, ,Transe‘, ,Lesbe‘ oder Ähnliches als Schimpfwörter nicht dulden“. An Schulen werde das Thema LGBT kaum je besprochen, schon gar nicht mit positiven Beispielen, schreiben die Autorinnen. „Wir hatten ,Sexualkunde‘, da ging es nur um Mann und Frau. Wir hatten in ,Ethik‘ das Thema ,Liebe und Partnerschaft‘, da ging es nur um Mann und Frau“, erklärt die 27-jährige Henrike in der Studie. Die Jugendlichen wünschen sich demnach, dass LGBT-Themen im Unterricht „selbstverständlich und unaufgeregt mitgenannt werden“. Diesem Wunsch nach Normalität stemmen sich aktuell jedoch fundamentalistische Christen oder das rechte Bündnis „Besorgte Eltern“ entgegen, die in solcher Aufklärung eine „Frühsexualisierung“ „unserer Kinder“ sehen.

Jugendliche, die eine Angleichung an die empfundene Geschlechtsidentität anstreben, ringen zusätzlich noch mit Ämtern und nicht immer gut informierten Ärzten. Die für die Anpassung des Personenstandes vorgeschriebene psychologische Begutachtung erlebte fast die Hälfte der befragten Trans-Jugendlichen als belastend. Fast alle fanden die Fragen „stellenweise zu intim und detailliert“, etwa wenn nach der eigenen Sexualität oder Missbrauchserfahrungen gefragt wurde.

Große Erleichterung nach der Transition

Haben Jugendliche den Prozess der rechtlichen und medizinischen Transition hinter sich, erleben sie das oft als große Erleichterung: „Erstgeburt sage ich dazu, ich habe zuvor eigentlich nicht gelebt, ich habe vegetiert“, berichtet etwa die 19-jährige Evelyn. Die Wissenschaftlerinnen sprechen sich dafür aus, dass der Zugang zu Leistungen der Krankenkasse im Rahmen der Geschlechtsangleichung zukünftig über eine „nicht-pathologisierende Diagnose im Sinne der Gesundheitsfürsorge möglich sein“ müsse.

Generell empfehlen sie, die Vielfalt von Lebensentwürfen abseits medialer Inszenierungen und Klischees sichtbar zu machen. In Unterrichtsmaterialien müsse sexuelle und geschlechtliche Vielfalt berücksichtigt werden. Im Rahmen von Projekttagen oder Aufklärungsprojekten sollten sich Schüler und Lehrer mit dem Thema auseinandersetzen. Lehrer müssten sich entsprechend weiterbilden. Dann könnten Schulen und Ausbildungsstätten „angenehmere Orte für junge Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans- und queere Jugendliche werden“.

Eine ausführliche Auswertung der Studie soll im kommenden Jahr erscheinen.

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