Studie zur Homosexualität : Die Akzeptanz in Deutschland ist begrenzt

Lesben und Schwule herabsetzen und ausgrenzen - das will praktisch niemand. Doch wer genauer nachfragt, wie jetzt die Antidiskriminierungsstelle, erfährt: Die alten Vorurteile sind noch da.

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Kampf um Anerkennung - dafür gehen Lesben und Schwule immer wieder auf die Straße.
Kampf um Anerkennung - dafür gehen Lesben und Schwule immer wieder auf die Straße.Foto: dpa

Anders als heterosexuell zu lieben, das finden fast alle Deutschen inzwischen in Ordnung. 95 Prozent sind der Meinung, dass es gut ist, Homosexuelle per Gesetz vor Diskriminierung zu schützen. 80,6 Prozent sind außerdem der Meinung, dass Lesben und Schwule auch heute noch unter Herabwürdigung und Ungleichbehandlung zu leiden haben.

Wie die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) jetzt in einer repräsentativen Studie herausfand, gibt es auch eine sehr große Zustimmung zur "Ehe für alle": 83 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass gleichgeschlechtlich Liebende dasselbe Recht haben müssten zu heiraten wie Heterosexuelle. Derzeit gibt es für gleichgeschlechtliche Paare nur das Recht auf eine eingetragene Partnerschaft. Dass eine "überwältigende Mehrheit für die volle Ehe" sei, so die Leiterin der Studie, Beate Küpper, zeige: "Da ist die Bevölkerung weiter als die Politik." Das Thema sei in der Gesellschaft durch.

Die Daten, die die Sozialpsychologin und Professorin an der Hochschule Niederrhein mit ihrem Team zwischen Oktober und November 2016 in Telefoninterviews mit mehr als 2000 Personen ab 16 Jahren erhoben hat, sind ihrer Meinung nach auch keine bloße Momentaufnahme: Seit 2002 steige die Akzeptanz anderer als heterosexueller Lebensformen "linear" an, sagte Küpper. Nur eine Minderheit in Deutschland behaupte noch, Homosexualität sei unmoralisch (das finden knapp 10 Prozent) oder unnatürlich (18,3 Prozent). "Die klassische Form der Homophobie ist sehr selten geworden."

Homophobie in neuem Gewand

Das heißt aber nicht, dass es sie nicht noch in anderem Gewand gibt. Um mit ihren Fragen nicht nur herauszubekommen, was soziale Normen vorschreiben, sondern was die Menschen wirklich denken und empfinden, hakten die Forscherinnen nach und erkundigten sich im Detail: Wie finden Sie es, wenn sich zwei Männer oder zwei Frauen in der Öffentlichkeit küssen? Meinen Sie, dass Homosexualität zu oft Thema in den Medien ist?

Die Kussfrage brachte zutage: Während nur 10,5 Prozent der Befragten sich unangenehm berührt fühlen, wenn sie die Umarmung eines heterosexuellen Paars miterleben, sind dies schon 27,5 Prozent, wenn es sich um ein lesbisches Paar handelt. Und 38,4 Prozent ist es unangenehm, ein Männerpaar zu sehen, das sich küsst. "Auch wenn die sozialen Normen befehlen: Hab nicht so viele Vorurteile, sei tolerant: Die lange Zeit der Abwertung steckt tief in den Köpfen", sagt Forscherin Küpper. Viele heutige Erwachsene seien noch mit dem Schwulenparagraphen 175 aufgewachsen, der bis 1994 Sex zwischen Männern unter Strafe stellte.

Machen Homosexuelle "zu viel Wirbel" um ihre Identität?

Sprechendes Beispiel für diese Form versteckterer Homophobie: Die Zustimmung der Befragten zur Aussage "Homosexuelle sollten aufhören, so einen Wirbel um ihre Sexualität zu machen" Das fanden 43,8 Prozent voll und ganz oder mindestens tendenziell richtig. Küpper sieht darin einen starken Hinweis auf die Wirksamkeit von Heteronormativität, also der fraglosen Selbstverständlichkeit von frau-männlicher Sexualität. Während eine Frau, die von "meinem Mann" spricht, nicht als jemand empfunden wird, die über Sexualität spricht oder Aufhebens darum macht, produziert der schwule Mann, der "mein Mann" sagt, nach herrschender Vorstellung "Wirbel" um seine sexuelle Orientierung.

Dennoch ziehen die Forscherinnen und die ADS eine optimistische Bilanz. Küpper sprach von einer "ganz guten Grundlage", die aber "noch Luft nach oben" lasse, sobald es um den konkreten Umgang der Gesellschaft mit Homosexualität gehe. Als Hoffnungszeichen wertete sie etwa, dass die Mehrheit auch die Sichtbarkeit von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Trans beim Christopher Street Day oder anderen Paraden gut findet. "Man kann das als Karneval abtun", sagt Küpper, "aber aus Sicht der Präventionsforschung ist das nicht das schlechteste." Hier gebe es eine Kontaktmöglichkeit zwischen Queer und Straight, die Vorurteilen den Boden entziehen könnte.

Bald gibt es weitere Ergebnisse zum Stadt-Land-Gefälle

Die jetzt vorgestellten Ergebnisse sind erst ein Anfang. Die Auswertung der Umfrage geht weiter und soll bis März auch noch Ergebnisse liefern zum Stadt-Land-Gefälle in Sachen Homophobie oder zum Zusammenhang mit Parteipräferenz oder Religiosität. Es wird um das Wissen über Homosexualität gehen und um die Bedeutung von Einkommen, Familienstand und den persönlichen Werten dafür, wie homofreundlich oder -feindlich Menschen in Deutschland sind. Migrationshintergrund wird nur mit Einschränkungen eine Rolle spielen - obwohl das Thema, ob Migranten homophober seien als autochthone Deutsche, spätestens seit dem Kölner Silvester 2015 politisch heiß diskutiert wird. Küpper hält die Gruppe, die dieses Kriterium zusammenfasst, für "zu heterogen" weil sie Neueingewanderte und die Enkelinnen von Migranten, europäische, afrikanische und asiatische Wurzeln in einen Topf werfe. Sie kündigte aber brauchbare Ergebnisse zur Religion an: Es gebe "deutliche Zusammenhänge mit Religiosität". Je religiöser Menschen seien, und dies gelte weltweit, "desto weniger offen sind sie für Homosexualität". Das werde seit Jahrzehnten beobachtet und betreffe Christen und Muslime ebenso wie Juden und Hindus.

Schon jetzt ist klar, was Alter, Bildung und Geschlecht ausmachen: Frauen sind immer etwas toleranter nichtheterosexuellen Menschen gegenüber als Männer, junge Leute akzeptieren sie stärker als Alte - je älter, desto homophober. Und wer weniger Kenntnisse darüber hat oder weniger gut gebildet ist, hat ebenfalls mehr gegen Schwule, Lesben oder Transpersonen. Die Fragen zur Bildung ergaben in der Studie übrigens ebenfalls ein widersprüchliches Bild: Während die meisten dafür sind, dass Kinder schon in der Schule informiert werden und Toleranz für die Vielfalt von Sexualität einüben - knapp 90 Prozent wollen dies - machen sie sich andererseits genau deswegen Sorgen: Ein knappes Drittel der Befragten meinte, Kinder würden in ihrer eigenen sexuellen Entwicklung verwirrt, wenn sexuelle Vielfalt Thema im Unterricht sei.

Die ADS ruft dazu auf, die Ehe für alle möglichst bald zu verabschieden

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes will das Thema unter dem Titel "Gleiches Recht für jede Liebe" in den Mittelpunkt ihrer Arbeit im neuen Jahr stellen. Ihre Leiterin Christine Lüders rief angesichts der großen Mehrheiten in der Bevölkerung für die "Ehe für alle" den Bundestag dazu auf, sie auch in Deutschland wie in 14 anderen europäischen Ländern zu beschließen. Die Homo-Ehe sei eine zweiter Klasse. Lüders wünscht sich Beratung im Parlament möglichst noch in dieser Legislaturperiode - sie endet im Herbst - und zwar ohne Fraktionszwang. "Das Thema verdiente es, überparteilich entschieden zu werden, wie dies schon in anderen grundlegenden Fragen geschehen ist. Wir werden dafür in den nächsten Monaten intensiv werben." Berlins neuer Justizsenator Dirk Behrendt sagte dem Tagesspiegel: "Auch wenn Mehrheiten nicht über Minderheitenrechte entscheiden, freue ich mich über die übergroße Zustimmung zur Ehe für alle. Das zeigt, wie sehr die Bundesregierung mit ihrem Ehe-Verbot für Homosexuelle aus der Zeit gefallen ist." Er verwies auf seine Intiative, um homo- und transphob motivierte Gewalt in Berlin besser zu erfassen und zu dokumentieren.

Lüders kritisierte, dass der deutsche Staat selbst bisher eher negative Zeichen setze: Bis heute sei "kein einziges" der 50.000 Urteile gegen Homosexuelle aufgehoben, kein Opfer des "Unrechtsparagrafen 175 rehabilitiert", das Grundgesetz biete immer noch keinen Schutz vor Verfolgung wegen sexueller Orientierung. Sie warnte, dass die gewachsene Toleranz nicht selbstverständlich sei. "Das Klima droht sich gerade zu ändern." AfD-Landtagsabgeordnete forderten, Schwule zu zählen, es werde über "perversen Zeitgeist", "Genderwahn" und wieder gegen Minderheiten gehetzt. Und nicht nur "Internettrolle, sondern auch ein EU-Kommissar" seien da beteiligt, sagte sie in Anspielung auf die Schwulenwitze von EU-Kommissar Oettinger, die kürzlich bekannt wurden. Es sei töricht, wenn Minderheitenrechte etwa gegen die Probleme von Industriearbeitern ausgespielt würden, wie jetzt im US-Wahlkampf. "Gleichheit bedroht niemanden. Und sie gehört zum zivilisatorischen Standard, an dem wir festhalten werden."

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