"The Gay Word Documentary" : Die Schwierigkeiten mit dem Wort "schwul"

Wie im Deutschen das Wort "schwul" wird im Englischen "gay" unter Jugendlichen oft als Schimpfwort verwendet. Warum das so ist, erklärt eine neue Dokumentation, die Sie hier im Queerspiegel sehen können.

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Eine Szene aus "The Gay Word Documentary".
Eine Szene aus "The Gay Word Documentary".Foto: The Gay Word Documentary

„Ey, voll schwul“: Wenn Jugendliche so reden, ist das praktisch immer negativ gemeint. In Berlin benutzen schon fast zwei Drittel der Sechstklässler das Wort als Schimpfwort. Die Zahl stammt aus einer Studie der Humboldt-Universität.

Der Befund ist zwar nicht neu, ein dringendes Problem bleibt es gleichwohl - ist es doch für Homosexuelle immer wieder eine stigmatisierende Erfahrung, das Wort, das ihre Identität beschreibt, in einem abwertenden Zusammenhang zu hören.

Ähnlich im Englischen: „Gay“ – das anders als „schwul“ im Deutschen die Lesben einschließen kann - ist auch dort längst als abwertendes Adjektiv in die Jugendsprache eingezogen. In Großbritannien und in den USA haben Lesben- und Schwulenverbände bereits mit Kampagnen versucht, Schulen bei dem Thema zu sensibilisieren, bisher allerdings mit wenig Erfolg.

Warum wird "gay" abwertend benutzt?

Die junge britische Filmemacherin Amy Ashenden geht jetzt in ihrem sehenswerten Film „The Gay Word Documentary“ der Frage nach, wie es dazu kommen konnte, dass „gay“ gerade unter jungen Menschen so häufig abwertend gemeint ist. „Ich habe mich immer gefragt, warum das so ist und warum selbst Erwachsene das Wort in einem negativen Sinn nutzen“, sagt Ashenden. Sie habe vor allem immer überrascht, dass viele meinten, sie wollten damit gar keinen verletzen. Sie hoffe nun, dass ihr Film Menschen aller sexuellen Identitäten anspreche.

Ashenden hat, ganz unvoreingenommen, im südenglischen Southampton Schüler, Studierende, Lehrkräfte, Professoren und LGBT-Aktivisten befragt. Ein ziemlich guter Querschnitt durch die Gesellschaft. Da sind diejenigen, für die „gay“  als Synonym für „uncool“ gilt, die aber gar nicht realisieren wollen oder können, wie verletzend das für junge LGBT sein kann. „Da steckt auch viel Unkenntnis dahinter, viele begreifen das gar nicht“, sagt Ashenden.

Die meisten Lehrkräfte dulden Beleidigungen

Auf der anderen Seite sind die, die im wahrsten Sinne des Wortes betroffen sind. „Es war traumatisch für mich festzustellen, dass das Label, das mein Leben mitbestimmen wird, von meinen Freunden für alles das gebraucht wird, was sie doof finden“, wird ein schwuler Teenager zitiert.

Die Dokumentation erinnert so daran, wie wichtig ein sensibler Umgang mit Sprache ist. Umso bestürzender ist es, dass hierzulande die meisten Lehrkräfte gar nicht einschreiten, wenn sie mitbekommen, dass ihre Schüler „schwul“ oder „Lesbe“ als Beleidigung verwenden. Das hat gerade erst wieder die Coming-out-Studie des Deutschen Jugendinstituts festgestellt.

Die Umdeutung des Wortes dauerte lange

Klar macht der Film auch, wie sich Sprache immer wieder wandelt. „Gay“, das ursprünglich im Englischen „glücklich“ oder „unbeschwert“ bedeutet, kam erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert als Wort für Männer auf, die Sex mit Männern haben. Da es oft mit Prostitution in Verbindung gebracht wurde, lehnten es viele als Selbstbezeichnung aber ab.Erst Mitte des 20. Jahrhunderts deuteten Schwule und Lesben im englischsprachigen Raum den Begriff positiv für sich um. Wendungen wie „gay pride“ oder „gay power“ zeugen davon.

Auch in Deutschland dauerte es lange, bis sich homosexuelle Männer das Wort „schwul“ aneigneten, positiv besetzten und es demonstrativ und stolz als Selbstbezeichnung verwendeten. Man kann nur hoffen, dass das weiter so bleibt.

Sehen Sie hier die Dokumentation in voller Länge:

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