Vorbehalte gegen Lesben und Schwule : Bei der Homo-Akzeptanz ist Thüringen Schlusslicht

Die Akzeptanz queerer Menschen steigt. Regional gibt es aber große Unterschiede: Während Stadtstaaten wie Berlin besonders homofreundlich sind, werden in Thüringen und Sachsen Homosexuelle häufig abgelehnt. Ein Gastbeitrag.

Christina Angela Rauh
Im Schatten. In manchen Bundesländern sind die Vorbehalte gegen LGBT noch hoch.
Im Schatten. In manchen Bundesländern sind die Vorbehalte gegen LGBT noch hoch.Foto: dpa/picture alliance

Deutschland ist vielfältig – zumindest was Politik und Gesellschaft in den vielen Regionen und Bundesländern angeht. Denn nicht überall ist die Wertschätzung für nicht-heteronormative Lebensweisen gleichsam gestiegen. Ja, es begrüßen immer mehr Menschen, wenn Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queere ihr Leben selbstbestimmt und diskriminierungsfrei leben können. Alle Trendstudien der letzten Jahr(zehnte) wie die Befragungen zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit oder die Shell-Jugendstudie belegen diesen Wertewandel.

Aktuelle Zahlen zeigen aber auch, dass die Bürger_innen je nach Wohnort deutlich abweichende Vorstellungen – und Vorbehalte – gegenüber LGBTI haben. Nur ein Beispiel: Von einem neuen Bekannten oder Kollegen für schwul oder lesbisch gehalten zu werden, würde nicht einmal jede_n Vierte_n in Bremen stören, aber eine Mehrheit von 59 Prozent der Thüringer_innen.

Diese Ergebnisse gehen aus der bevölkerungsrepräsentativen Online-Studie „Queeres Deutschland 2015“ hervor, die wir von der gemeinnützigen Change Centre Foundation unlängst durchgeführt haben (hier geht es zu der Studie mit mehr als 2000 Befragten). Bremen und Berlin zeigen alles in allem viel höhere Akzeptanzwerte als Sachsen und Thüringen, die bei mehreren Fragen das Schlusslicht in Sachen sexueller und geschlechtlicher Toleranz bilden.

Woher kommen diese regionalen Unterschiede? Zumindest einen Zusammenhang konnte die Studie aufdecken: Je mehr LGBTI jemand persönlich kennt, desto positiver fällt die eigene Haltung aus.

Wer mehr Lesben und Schwule kennt, ist toleranter

Mehr Kontakt führt zu mehr Akzeptanz. Das erklärt auch, warum gerade in den Stadtstaaten Bremen, Berlin und Hamburg eine positive Offenheit herrscht. In Berlin geben nur 12 Prozent der repräsentativ Befragten an, gar keinen Kontakt mit Homosexuellen zu haben, während 43 Prozent der Berliner_innen zwischen ein und vier, und weitere 44 Prozent der Berliner_innen fünf oder mehr Homosexuelle in ihrem privaten und beruflichen Umfeld kennen. Ein ähnliches buntes Bild zeigt sich in Bremen und Hamburg.

In Thüringen dagegen hat über ein Drittel der Bevölkerung überhaupt keinen Kontakt zu Homosexuellen in ihrem Umfeld. Dieses Kontakt-Phänomen ist der Forschung auch in Bezug auf Ausländerfeindlichkeit bekannt – hier zeigt sich wie in vielen aktuellen politischen Fragen die Angst vor dem Fremden, dem Anderen.

Queere Themen in der Schule - Berlin ist vorne

Von diesem direkt erlebbaren Nahbereich kann die Akzeptanz im politischen Bereich, etwa die Öffnung des Erziehungs- und Bildungsauftrags der Schulen abgegrenzt werden: Berliner_innen stehen an der Spitze für mehr queere Themen im Lehrplan. Hier herrscht Konsens (80 Prozent stimmen zu), dass Schülerinnen und Schüler im Unterricht mehr über unterschiedliche Lebensformen wie Homosexualität lernen sollten. Nun ist Berlin auch dasjenige Bundesland, das nach einer Reihe homophober Überfälle eine Welle politischer Reformen – oftmals in Form von Landesaktionsplänen – angestoßen hat. Sicher kein Zufall.

Nur was ist hier Henne, was Ei? Wird der gesellschaftliche Wertewandel durch politische Maßnahmen bestärkt? Oder sind es eher liberal denkende Bürger_innen – und damit Wähler_innen und damit Interessensgruppen – die fortschrittliche Politik überhaupt erst ins Amt bringen? Eine einfache Antwort darauf gibt es  nicht. So mögen die Sachsen in vielen gesellschaftspolitischen Fragen zwar konservative Meinungen vertreten und eine CDU-geführte Staatsregierung gewählt haben. Das dortige Kultusministerium hat dennoch soeben die Aufklärung über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in den Orientierungsrahmen für die Familien- und Sexualerziehung an sächsischen Schulen aufgenommen.

Regionale Unterschiede auch in der Wirtschaftswelt

Mehrheitlich sind es zwar (rot-)rot-grün getriebene Landesregierungen, die Aktionspläne – oft in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft und queeren NGOs – verabschieden. Aber eben nicht ausschließlich. Und so kann man den deutschen Föderalismus auch als großes Laboratorium verstehen: Hier können Politiken erprobt werden, die auf Bundesebene (noch) nicht durchsetzbar sind. Die CDU-Koalitionen in Mecklenburg-Vorpommern, in Hessen, Sachsen und Sachsen-Anhalt öffnen sich dem sozialen Wandel – oder ihren Koalitionspartnern – offenbar stärker, als es die konservative Bundespartei in der aktuellen Bundesregierung tut.

Und was ist überhaupt mit der Wirtschaft als Diversity- und Inklusionsmotor? In der aktuellen Flüchtlingsdiskussionen werden viele Erwartungen an die Integrationskraft und gesellschaftliche Vorreiterrolle der Unternehmen gestellt. Zumindest die Dax 30-Konzerne verfügen mittlerweile über Diversity-Programme, die zum Teil auch LGBTI einschließen. Aber auch in der Wirtschaftswelt zeigen sich regionale Unterschiede: so sind von den deutschlandweit rund 2000 Unterzeichner_innen der „Charta der Vielfalt“ lediglich 24 Unternehmen und Institutionen in Sachsen beheimatet.

Welche Kräfte sind treibend bei der Gleichstellung?

Noch ist unklar, welche treibenden Kräfte maßgeblich für die Gleichstellung von LGBTI sind. So fehlt es zum Beispiel weitgehend an Evaluierungen der Landesaktionspläne, mit Ausnahme Berlins und NRWs. Zeigen die Aktionspläne Wirkung? Wie tragen die politischen Maßnahmen in einzelnen Lebensbereichen wie Schule und Hochschule, Arbeit, Gesundheitswesen, Sport oder Polizeiwesen zu einer offeneren Bürgerschaft bei? Dabei könnten diese Frage umso besser beantwortet werden, wenn man die bundeslandspezifischen Maßnahmen als natürliches Feldexperiment betrachten würde.

So bleibt festzuhalten, dass Wissen und Wert-Einstellungen einzelner Bürger_innen sich hin zu mehr Akzeptanz von Vielfalt wandeln. Gleichzeitig vollzieht sich ein Wandel auch innerhalb klassischer Organisationen wie der Arbeitgeberschaft, Verwaltung und Verbänden. Neue Akteure wie queere NGOs setzen politische Forderungen auf die Agenda und treffen mit ihren Forderungen auch nicht nur auf taube Ohren. Sie dürfen wie in Niedersachsen, dem Saarland und bald wohl auch in NRW Vertreter_innen in die Landesmedienanstalten entsenden und damit das öffentlich-rechtliche Programm mitbestimmen.

Und schließlich schlägt sich der Wertewandel auch in der staatlichen Gesetzgebung und Rechtsprechung nieder – das alles in teilweise parallelen Entwicklungen und unterschiedlicher Geschwindigkeit. Es bleibt abzuwarten, welche Akteursgruppen in diesem Sinne Gas geben und dem Spitzenreiter Land Berlin folgen werden.

- Die Autorin ist Leiterin Strategie und Forschung des Change Centres, das die Umfragen durchgeführt hat.

Der Text erscheint auf dem Queerspiegel, dem queeren Blog des Tagesspiegels. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite oder per Email an:queer@tagesspiegel.de.

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