Weltaidstag : Können diese Tabletten HIV ausrotten?

Es könnte eine Revolution sein: Für Gesunde gibt es gegen HIV vorsorglich eine Pille, die "Prep". Seit diesem Oktober ist sie auch in Deutschland zu bezahlbaren Preisen zu haben.

Der Wirkstoff Emtricitabin in Prep-Pillen wie dieser soll prophylaktisch vor HIV schützen.
Der Wirkstoff Emtricitabin in Prep-Pillen wie dieser soll prophylaktisch vor HIV schützen.Foto: dpa/Britta Pedersen

Jeden Tag nimmt Sebastian Meier (Name geändert) eine von den blauen ovalen Tabletten gegen HIV. Prophylaktisch. „Ich bin HIV-negativ und möchte es auch bleiben“, sagt der 34-Jährige. Er lebt in einer festen Partnerschaft, „aber wir beide glauben nicht an die Monogamie“.

Jedes Abenteuer mit einem anderen Mann war bisher für Meier von der Angst überschattet, das Kondom könnte reißen und das gefährliche Virus seine Immunzellen befallen. Mit den Pillen habe er zum ersten Mal „keine Angst mehr, dass etwas passieren kann“, sagt der Berliner. „Ich empfinde das als Befreiung und durchaus als lustvollere Sexualität.“

Wie funktioniert die Pille?

Seit 2016 gibt es die Prophylaxe gegen HIV. Es sind dieselben Wirkstoffe, die auch den Ausbruch der Immunschwächekrankheit bei HIV-Positiven verhindern. Nur werden die Pillen zur Prävention verkauft. „Präexpositionsprophylaxe“ heißt das unter Ärzten, „Prep“ in der Szene. Wer sie nimmt, ist ein „Prepper“. Kostete die Arznei bis vor kurzem noch 820 Euro pro Monat, ist sie seit Oktober 2017 schon für 51 Euro zu haben. Das hat einen Boom ausgelöst.

Die Pillen zum Schutz vor HIV sind das große Thema unter Homosexuellen und unter einigen Heterosexuellen. Sex ohne Aids-Risiko im Nacken, das ist für sie eine sexuelle Revolution. Die Prep erhitzt aber auch die Gemüter jener, die sie gar nicht nehmen. Befürworter glauben, die Tabletten könnten HIV ganz ausrotten. Die Gegner fürchten, dass in der Folge Kondome seltener genutzt werden und dadurch andere Geschlechtskrankheiten vermehrt übertragen werden könnten. Was bedeutet die zweite sexuelle Revolution wirklich?

Die Tabletten für sorgenfreieren Sex beruhen auf den beiden Wirkstoffen Emtricitabin und Tenofovir. Das sind Substanzen, die das HI-Virus an seiner Vermehrung hindern. In mehreren Studien zeigte sich, dass sie vor einer HIV-Infektion schützen können. Die wichtigsten beiden dieser Erhebungen aus Europa sind die Ipergay- und die Proud-Studie, deren Ergebnisse die Forscher jeweils 2015 veröffentlichten.

An beiden nahmen einige Hundert homosexuelle Männer und Transsexuelle teil. Sie schützten sich unabhängig von der Studie beim Analsex nicht immer mit Kondom. Im Schnitt hatten sie acht verschiedene Partner in zwei Monaten. In beiden Studien bekam ungefähr die Hälfte ein Placebo. Schon nach einigen Monaten zeigte sich der Effekt der präventiven Pillen: Die Prepper infizierten sich deutlich seltener mit dem HI-Virus. In beiden Erhebungen lag der Schutz bei 86 Prozent. „Wenn man sich die Daten genau anschaut, sieht man, dass die wenigen Männer, die sich infizierten, die Tabletten nicht wie vorgeschrieben einnahmen. Der tatsächliche Schutz sollte also noch höher liegen“, sagt Heiko Jessen von der größten HIV-Schwerpunktpraxis in Deutschland. Experten geben den Schutz bei ordnungsgemäßer Einnahme mit 99 Prozent an. Die Pille gegen HIV bietet also eine sehr hohe, aber keine absolute Sicherheit.

Wie ist die aktuelle Situation?

Seit Oktober 2016 ist die Prep in Deutschland für die tägliche Einnahme zugelassen. Die Pillen nur bei Bedarf, etwa vor einer Sexparty, zu schlucken, ist nicht ausreichend untersucht. Das US-amerikanische Centers for Disease Control and Prevention (CDC) empfiehlt Männern, fünf Tage vor riskantem Sex mit der Einnahme der Tabletten zu beginnen, Frauen sogar sieben Tage vorher. „Ich höre immer wieder, dass Diskobesucher in Berlin die Pille vom Partner in die Hand bekommen mit der Aussage, sie würde in 15 Minuten wirken. Das ist Blödsinn“, warnt Jessen.

Die Krankenkassen zahlen die Kosten für die Prep-Pille nicht. Die Folge: In der Szene deckten sich die Personen, die immer wieder Sex mit wechselnden Partnern haben, über das Internet, meist über dubiose Kanäle aus Thailand, Indien oder Swasiland ein. Ob die Pillen tatsächlich die Wirkstoffe gegen HIV enthielten, war ungewiss. „Wenn die Tabletten ohne ärztliche Betreuung so ausgetauscht werden, ist das gesundheitspolitisch extrem problematisch“, urteilt der Soziologe Phil Langer von der Internationalen Psychoanalytischen Universität in Berlin, der intensiv zur Prävention von HIV geforscht hat.

Im Juli 2017 lief jedoch der Patentschutz des Herstellers Gilead für einen der Wirkstoffe der Prep aus. Im Oktober brachte daraufhin ein Kölner Apotheker die Monatspackung für 51 Euro in Umlauf. „Die Nachfrage schießt seither richtig hoch. Damit haben wir so nicht gerechnet“, sagt Jessen. Zum 1. Dezember senkt nun auch Ratiopharm den Preis auf 69,90 Euro für die Monatspackung.

Kann die Pille Aids ausrotten?

Mit der preiswerten Prep steht eine zweite sexuelle Revolution in Europa bevor, glaubt Jessen. Eine Entwicklung, die er ganz und gar positiv sieht. „Zum ersten Mal können sich Gesunde wirklich selbstbestimmt vor HIV schützen. Sie sind nicht mehr nur darauf angewiesen, dass ihr Partner ein Kondom benutzt.“

In den USA sind bereits mehr als 80 000 Personen „auf Prep“, wie es heißt. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC verknüpft damit große Hoffnungen. Die Prep könne die Zahl der HIV-Neuinfektionen um 70 Prozent senken und so 185 000 neue Fälle bis 2020 verhindern. Wie die Impfung die Kinderlähmung nahezu aus allen Industriestaaten verbannte, könnten die Pillen gegen HIV die Epidemie der Geschlechtskrankheit massiv eindämmen.

Befeuert wird die Vision einer HIV-freien Welt von der Entwicklung in verschiedenen US-amerikanischen Großstädten. In New York und Los Angeles sind die Neuinfektionszahlen um bis zu 40 Prozent gesunken – auch dank Prep, urteilt Jessen. Besonders Kampagne „Getting to Zero“ der Stadt Los Angeles gilt als Erfolg. Plakate in U-Bahnen und Bussen werben für Kondom plus Prophylaxe. Die Zahl der Neuinfektionen in der Metropole ist 2013 erstmals unter die Marke von 2000 gesunken. Besonders 2015 und 2016 brach sie vorläufigen Daten zufolge deutlich ein. So gesehen kann die Prophylaxe punktuell die Gesundheit der Bevölkerung schützen. Deshalb zahlen in Frankreich, Belgien und Schweden die gesetzlichen Krankenkassen die Tabletten.

„Ein landesweiter Rückgang der Neuinfektionen ist in den USA aber trotz Prep noch nicht eingetreten“, warnt der Schweizer Infektionsforscher Pietro Vernazza vom Kantonsspital St. Gallen. Er hält die Hoffnung auf eine Welt ohne HIV für übersteigert. Medikamente werden sie schon allein deshalb nicht stoppen, weil für viele Menschen in ärmeren Ländern die Tabletten zu teuer und nicht verfügbar sind. Sie müssen mit einem Dollar pro Tag über die Runden kommen.

Wie ist die Lage in Deutschland?

In Deutschland tut man sich mit einer offensiven Prep- Kampagne nach dem Vorbild US-amerikanischer Großstädte schwer. Ein Wandel setzt nur zögerlich ein: Noch vor Jahren empörten sich sogar die Experten der Deutschen Aidshilfe über die Prep. Nur Safer Sex schien moralisch vertretbar. Heute macht sich die Organisation für die Ausweitung der Prep und für eine Kostenübernahme seitens der Kassen stark. „Die Einschätzung hat sich komplett gedreht“, sagt Langer. Nicht so jedoch in den Behörden.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schweigt sich auf ihren Webseiten und in ihren Broschüren über die Prep aus und an ihrer bekannten wie bewährten „Mach’s-mit- Botschaft“ fest. „Sexuelle Gesundheit ist in Deutschland rückständig“, kritisiert Jessen. Jedenfalls bewegt sich derzeit wenig. Die HIV-Neuinfektionszahlen verharren auch 2016 bei 3100. Grundsätzlich zahlen die Versicherungen hierzulande zwar Impfungen, aber keine Lifestyle-Prophylaxe mit Arzneimitteln – sei es die Antibabypille oder eben die Prep. Im Robert-Koch-Institut haben Experten immerhin ausgerechnet, dass etwa zehn Prozent der homosexuellen Männer hierzulande Bedarf an der Prep haben könnten. Das wären 80 000 Personen.

Funktioniert die Pille auch bei Frauen?

Die Frauen haben die Experten erst gar nicht gezählt. Dabei waren es in den USA sogar zunächst überwiegend Frauen, die sich mit den Tabletten vor dem Virus schützten. Mittlerweile liegt ihr Anteil dort immer noch bei 40 Prozent. Die Weltgesundheitsorganisation kommt zu dem Schluss, dass die Prophylaxe bei Frauen genauso wirksam ist wie bei Männern. In den wenigen Studien zur Prep bei heterosexuellen Paaren waren die Ergebnisse aus anderen Gründen nicht so überzeugend: Die Teilnehmer nahmen die Tabletten nicht konsequent ein.

Hinter dem notorischen Ausklammern der Frauen steht archaischste Geschlechterdiskriminierung: „Ein Mann, der viel Sex hast, ist ein Held. Eine Frau, die viel Sex hat, ist eine Schlampe“, bedauert Jessen. Sehr wohl könnte die Tablette gegen HIV aber zum Beispiel auch Sexarbeiterinnen schützen.

Was sagen Kritiker zu Prep?

Prep löst nicht nur Jubelrufe aus. So erwartet der Infektionsforscher Vernazza, dass mehr Menschen auf das Kondom verzichten – eben weil der eine oder die andere sich mit der Pille im Blut in ausreichender Sicherheit wiegt.

Wie auch die Anti-Baby- Pille das Sexualverhalten seit Großmutters Zeiten verändert hat, wird dies auch die Prep tun, aber viel subtiler als dies mancher Kritiker ausmalt. „Weniger das Sexualverhalten, dafür aber das Präventionsverhalten wird sich ändern. Andere Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Chlamydien werden sich verstärkt ausbreiten. Diese sind ein Grund für Unfruchtbarkeit bei Männern und Frauen“, erklärt Vernazza. Dass die Geschlechtskrankheiten sich infolge der Prep ausweiten könnten, deutete sich in den Studien bereits an. Die Rate unter Preppern stieg leicht.

Deshalb ist die Prophylaxe an eine Untersuchung gebunden: Alle drei Monate müssen sich die Nutzer auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen. Auf dem Beipackzettel heißt es zudem, dass die Arznei nur mit dem Kondom vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützt. Der Besuch beim Arzt ist auch deshalb Pflicht, weil die Tabletten auch Nebenwirkungen haben können. Tenofovir schädigt bei manchem Anwender die Nieren. In diesen Fällen muss die Arznei abgesetzt werden. Manche Prepper erbrechen sich auch oder haben in der Anfangszeit oft Kopfschmerzen.

„Ich hatte Glück und bemerke die Tablette gar nicht“, sagt Sebastian Meier. Auch andere Geschlechtskrankheiten hat er sich bisher nicht eingefangen. „Aber ich habe auch nur selten Sex außerhalb der Beziehung. Und für mich ist die Prep kein Grund, auf das Kondom zu verzichten.“

Rückblick in die Geschichte: Über die Jahre kurz nach dem Ausbruch von Aids und den Aufklärungskampf der Gruppe "Act Up!" läuft derzeit der preisgekrönte Film "120 BPM" in den Kinos. Ein Meisterwerk, findet unsere Kritikerin - lesen Sie ihre Rezension hier.

Mehr LGBTI-Themen finden Sie auf dem Queerspiegel, dem queeren Blog des Tagesspiegels.


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