Rollbergviertel in Berlin : Muslime aus Neukölln im Visier von Salafisten

Der IS-Terror hat Auswirkungen bis nach Neukölln: Junge Muslime werden zum Ziel von Propaganda, es wird versucht, sie für den "Heiligen Krieg" zu begeistern. Und zwischen Sunniten und Schiiten wird aus Freundschaft Hass.

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Die Aufnahme zeigt eine Kundgebung radikaler Salafisten auf dem Potsdamer Platz im Jahr 2012.
Die Aufnahme zeigt eine Kundgebung radikaler Salafisten auf dem Potsdamer Platz im Jahr 2012.Foto: imago

In Syrien kämpfen Muslime gegen Muslime. Im Irak morden die Milizen des „Islamischen Staates“ im Namen Allahs. Die Auswirkungen sind bis nach Berlin spürbar, bis ins Neuköllner Rollbergviertel. Nachbarn sind auf einmal verfeindet, Mädchen-Cliquen spalten sich, Jungen, die noch vor einem Jahr befreundet waren, reden mit Abscheu übereinander. „Headhunter“ versuchen, junge Männer und Frauen in ihre Moscheen zu locken und sie für den „Heiligen Krieg“ zu begeistern. Tiefe Gräben sind entstanden – nicht erst seit gestern. „Doch der Syrien-Krieg und der IS-Terror haben die Spaltung extrem verschärft“, sagt Sevil Yildirim.

Die 30-jährige Psychologin ist im Rollbergviertel aufgewachsen und arbeitet dort im Mädchen-Treff „Madonna“. Sie spricht jeden Tag mit den Jugendlichen im Kiez und registriert sehr früh, wenn sich die Atmosphäre verändert. So wie nach der Ermordung des libanesischen Ex-Premiers Rafiq Al-Hariri 2005. Hariri war Sunnit, die Ermittler vermuteten schiitische Milizen hinter dem Attentat. „Nach dem Attentat krachte es hier im Kiez zwischen Sunniten und Schiiten“, sagt Gabriele Heinemann. Sie leitet „Madonna“ und kennt das Viertel seit 30 Jahren. Nach dem Attentat hätten sich die schiitischen Mädchen zurückgezogen. „Madonna“ gelte seitdem als sunnitische Einrichtung. „Absurd“, sagt Heinemann.

Das Rollbergviertel, südlich der Boddinstraße, grob eingegrenzt von Hermannstraße und Karl-Marx-Straße, hat seit längerem Probleme. Kriminelle arabische Großfamilien und Jugend-Gangs terrorisierten den Kiez in den 90er Jahren. Dann griff die Polizei durch, Nachbarschaftsvereine gründeten sich, Häuser wurden saniert, es kehrte etwas Ruhe ein. „Die soziale Lage hatte sich gerade verbessert“, sagt Gabriele Heinemann. Bei „Madonna“ habe es früher keine Rolle gespielt, welcher Religion die Jugendlichen angehören, die sich hier treffen. Umso tragischer ist die jüngste Entwicklung, die sich mit dem Krieg in Syrien und im Irak verschärfte. Denn auch in Syrien bekämpfen sich Schiiten, Sunniten und Aleviten. Die Milizen des „Islamischen Staats“ haben auch deshalb großen Zulauf, weil sie als Sunniten gegen die Schiiten vorgehen und den im Irak marginalisierten Sunniten vermeintlich Rechte zurückgeben.

In Neukölln werfen sich sunnitische und schiitische Gruppen gegenseitig vor, vom Westen korrumpiert zu sein, sagt Sevil Yildirim. Die ideologische Spaltung in „wir Muslime“ gegen „den Westen“ habe es auch schon vorher gegeben. Sunnitische wie schiitische Moscheen heizten die Stimmung weiter an und vertieften die Spaltung. Manche belassen es nicht beim Beten und Predigen. Sie betreiben „Reisetourismus“ nach Syrien und in den Irak, wie es Sevil Yildirim und Gabriele Heinemann nennen. Junge Männer und noch jüngere Frauen werden in den „Heiligen Krieg“ geschickt und helfen den dortigen Sunniten oder Schiiten – im Glauben, sie täten ihrer Religion etwas Gutes. Nach Erkenntnissen des Berliner Landeskriminalamts sind „Personen im mittleren zweistelligen Bereich nach Syrien ausgereist, um dort an Kampfhandlungen teilzunehmen oder den Widerstand in sonstiger Weise zu unterstützen“. Der Großteil der Ausgereisten seien keine Kämpfer.

Die Hälfte der 16 Moscheen in Nord-Neukölln hält Sevil Yildirim nicht für „sauber“, wie sie es ausdrückt. „Das sind keine Terror-Moscheen, aber die sind nicht in der Lage unsere westlichen, demokratischen Werte zu vermitteln.“ Den Jugendlichen werde eingetrichtert: Die Deutschen seien verdorben und könnten Muslime nicht leiden; muslimische Jugendliche würden diskriminiert, bekämen keinen Ausbildungsplatz, dagegen müsse man kämpfen. Der Kampf bestehe aber nicht in Hausaufgabenhilfe, sondern indem man betet, sich abschottet und sich für Gebetsräume an Schulen engagiert. „Nicht gerade förderlich fürs Zusammenleben“, sagt Yildirim.

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