Schulabbrecher in Berlin : Fast jeder zehnte Schüler ohne Abschluss

Der erste Sekundarschuljahrgang hat schwache Ergebnisse geliefert. So schwache Ergebnisse wie früher die Hauptschulen. Jetzt beginnt die Fehlersuche.

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Sommer 2014 - Abschiedsfoto des ersten Sekundarschuljahrgangs. Lehrer Reiner Haag und Lehrerin Annett Michaelis (ganz links) haben den ersten Sekundarschuljahrgang an der Tempelhofer Johanna-Eck-Schule von Anfang an unterrichtet und sehen die Reform kritisch. Aber die Hauptschule wollen sie nicht zurück. Foto: Thilo Rückeis
Sommer 2014 - Abschiedsfoto des ersten Sekundarschuljahrgangs. Lehrer Reiner Haag und Lehrerin Annett Michaelis (ganz links) haben...Foto: Thilo Rückeis

Der erste Sekundarschuljahrgang hat die großen Erwartungen nicht erfüllt: Die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss ist 2013/14 sogar noch angestiegen und liegt jetzt wieder über neun Prozent – so wie zu Hauptschulzeiten. Damit wurde das oberste Ziel der Sekundarschulreform verfehlt: die Verbesserung der Zukunftschancen schwacher Schüler. Besonders bedrückend ist das Ergebnis wie gewohnt bei den Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache: Von ihnen erreichten 14,7 Prozent keinen Abschluss. Bei den Deutschstämmigen waren es 6,6 Prozent. Auch zwischen Jungen und Mädchen gibt es große Leistungsunterschiede: Von den Mädchen verfehlten acht Prozent den einfachsten Abschluss, die Berufsbildungsreife, bei den Jungen war es jeder zehnte.

In den Sekundarschulklassen sitzen im Schnitt 25 Schüler

„Man muss in die Sekundarschulen mit der alten Hauptschulklientel mehr investieren“, kommentierte am Mittwoch Lothar Semmel vom Vorstand der GEW- Schulleitervereinigung die neuen Zahlen. „Mehr investieren“ bedeutet: kleinere Klassen. Von Anfang an war kritisiert worden, dass die Sekundarschulen rund 25 Kinder pro Klasse haben, während die früheren Hauptschulklassen aus weniger als 20 Schülern bestanden hatten. Die Begründung für die größeren Klassen lautete, dass die Klientel der Sekundarschulen besser gemischt sein werde als in den Hauptschulen. In den sozialen Brennpunktschulen trifft das aber nicht zu.

Erschwerte Bedingungen

Andere Schulleiter sehen die hohe Abbrecherquote in den „ganz normalen“ Anlaufproblemen jeder Reform begründet. Gut funktionierende kleine Hauptschulen wurden mit anderen Hauptschulen oder auch mit Realschulen zusammengelegt, die keine Fusion wollten. Die daraus resultierenden Verwerfungen führten nicht nur zu einem erheblichen Anstieg des Krankenstandes der Lehrer, sondern auch zu großer Verunsicherung auf allen Seiten.

In Mitte scheiterte jeder sechste Schüler

Die Bildungsverwaltung versuchte gar nicht erst, das Ergebnis zu beschönigen. Man werde nun „schulgenau schauen, wo es mit Blick auf die Förderung von gefährdeten Schülergruppen noch hakt“, kündigte ein Sprecher an. Die betreffenden Schulen wolle man „begleiten“ und bei ihnen Instrumente wie das Duale Lernen oder Praxislerngruppen nahebringen und „andere motivierende Lern- und Arbeitsformen etablieren“. Insbesondere in den Brennpunktbezirken hat die Bildungsverwaltung dann einiges zu tun: In Mitte haben fast 17 Prozent der Schüler keinen Abschluss geschafft, in Neukölln sind es 13,5 Prozent, in Marzahn-Hellersdorf 12,2 Prozent. Am besten steht Steglitz-Zehlendorf da, wo nur 3,8 Schüler scheiterten.

Selbst die zusätzlichen Nachprüfungen verpufften

Insgesamt erreichten im vergangenen Sommer 41,1 Prozent der Schulabgänger die allgemeine Hochschulreife, 34,2 den MSA, sieben Prozent die Berufsbildungsreife und 8,5 Prozent die erweiterte Berufsbildungsreife. 9,2 Prozent blieben ohne Abschluss: 2012/13 waren es nur 7,9 Prozent, und in den Vorjahren schwankte dieser Anteil zwischen neun und zehn Prozent.

Die hohe Durchfallquote verwundert auch deshalb, weil die Bildungsverwaltung zusätzliche Nachprüfungen eingeführt hatte, um möglichst viele Schüler zu einem Abschluss zu führen. Die neuen Zahlen wurden durch eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck bekannt.

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